+
Die schwedische Schauspielerin Bibi Andersson.

Bibi Andersson

Ihre Natürlichkeit war ihre Stärke

  • schließen

Zum Tode der Schauspielerin Bibi Andersson, die bei Ingmar Bergman ihre größten Rollen spielte.

Es gehört zu den tausend Facetten von Ingmar Bergmans legendärer Produktivität, dass selbst eine Seifenwerbung unter seiner Regie zu etwas Besonderem wurde. In dem 90-Sekundenfilm von 1951 lässt sich eine Prinzessin darauf ein, einem Schweinehirten das begehrte Produkt der Firma Bris für 100 Küsschen abzukaufen. Erst der König beendet das vom ganzen Hofstaat verfolgte Spektakel jäh mit dem Wurf seines Holzpantoffels, was den Zauber der filmischen Miniatur nur noch vergrößert. Der ganze Bergman steckt in dieser kleinen Szene inklusive einer unvergesslichen Hauptdarstellerin – der damals 15-jährigen Bibi Andersson.

Vier Jahre später, während des Studiums an der Schauspielschule des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm, setzte sich die Zusammenarbeit mit dem inzwischen weltberühmten Filmemacher und Theaterregisseur fort: Auf eine kleine Rolle in der Bühnenfassung von „Das Lächeln einer Sommernacht“ folgten 1957 gleich zwei größere Filmrollen sowohl in „Das siebtente Siegel“ wie in „Wilde Erdbeeren“.

Im vergangenen Jahr erinnerte beim Festival in Cannes ein spektakulärer Dokumentarfilm an dieses Schlüsseljahr in Bergmans Karriere, in dem dieser zusätzlich zwei legendäre Theaterinszenierungen schuf. Man kann nur hoffen, dass Jane Magnussons durchaus kritischer Film „Bergman – a Year in a Life“ auch einmal bei uns zu sehen ist.

Bibi Andersson hatte auch eine Beziehung mit Ingmar Bergmann

Es war die Schattenseite von Bergmans unendlicher Kreativität, dass er sich wie der Monarch in seinem kleinen Werbefilm selbst einen Hofstaat hielt. Wer sich seiner Gunst erfreute, wurde leicht in ein enges Rollenkorsett gezwängt. Bibi Andersson, die in dieser Zeit auch eine Beziehung mit Bergman hatte, sprach darüber offen: „Ja, ich musste all diese netten Schulmädchen spielen. Was ich nicht wollte. Ich wollte die Rollen, die Harriet Andersson und Liv Ulmann bekamen. Ich fühlte mich übergangen. Aber er gab mir schöne Rollen, wundervolle Menschen tatsächlich.“

In Bergmans Ensemble war sie zunächst auf die Rolle der jungen Unschuld festgelegt – der sie freilich eine Lebendigkeit verlieh, die über jedes Klischee erhaben war. Wie in „Wilde Erdbeeren“, wo sie in einer Doppelrolle sowohl die Jugendliebe des alternden Professors spielt als auch eine unbeschwerte Anhalterin, die in ihm die Erinnerung daran weckt.

In der Tat erwies sich die natürliche Anmut von Bibi Anderssons Gesicht, ihre makellose Schönheit, einerseits als ideale Projektionsfläche. Doch man unterschätzte leicht ihre darstellerische Stärke. In Bergmans metaphorischer Montagekunst spielt die Arbeit mit Großaufnahmen eine besondere Rolle; Bibi Andersson besaß das Talent, dieses Spiel mit Andeutungen meisterhaft zu bedienen ohne dabei ihre Natürlichkeit zu verlieren. „Persona“ (1966), für viele das Meisterwerk unter Bergmans Meisterwerken, ist dafür ein gutes Beispiel. Es war Anderssons Durchbruch; fünfzehn Jahre nach ihrer ersten Zusammenarbeit zog sie als Krankenschwester Alma alle Register: Als Pflegerin einer von Sprachlosigkeit befallenen Schauspielerin (Liv Ulmann), spricht sie nahezu den ganzen Dialog, doch die Annäherung beider Frauen vermittelt sich maßgeblich über die Körpersprache.

Noch bei der Drehbuchlektüre lehnte Andersson die Rolle dieser unsicheren Persönlichkeit ab, die Bergman tatsächlich in ihr selbst diagnostiziert und abgeschaut hatte. „Ich erkannte, dass er sich meiner Persönlichkeit völlig bewusst war, ich musste nur genau das abliefern. Manchmal denke ich, Künstler sind sehr gute Psychiater.“ Doch die Analyse war wechselseitig. Freimütig konfrontierte sie Bergman 1971 in der populären Dick-Cavett-Talkshow mit dessen eigenen psychischen Problemen. „Dein Psychologe fand so viele Neurosen, dass er sie lieber gar nicht therapierte, da du sonst als Künstler nicht mehr arbeiten könntest.“ Bergman reagierte völlig entwaffnet.

Bibi Andersson im Hollywoodwestern „Duell in Diablo“

Zeitgleich mit „Persona“ sah man Bibi Andersson auch im Hollywoodwestern „Duell in Diablo“ an der Seite von James Garner, später spielte sie in Welterfolgen wie „Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen“ oder Robert Altmans „Quintett“. Aber es waren vor allem Ingmar Bergmans Filme, die ihr kontinuierliche Herausforderungen boten. Noch immer zu entdecken ist Bermans selten gezeigter erster englischsprachiger Film „Berührungen“ (1971). Als verheiratete Mutter von zwei Kindern erlebt sie darin eine Affäre mit einem Holocaust-Überlebenden, den Elliott Gould verkörpert; Max von Sydow spielt den Ehemann. Die Stärke dieser Frauenfigur, ihr Umgang mit den Verwundungen der Männer, wirkt heute überaus modern. Aus Bergmans einstiger Unschuldsikone wurde in dieser späteren Rolle ein Idealbild von Überlebensfähigkeit. In späteren Jahren engagierte sich Andersson in der Friedens- und Frauenbewegung und fand ihre größten künstlerischen Herausforderungen auf der Bühne.

1993 spielte sie unter Bergmans Regie in dessen zweiter Annäherung an Peer Gynt, eine Inszenierung, die auch für den Kritiker zu den schönsten Theater-Erlebnissen zählt. Bergman führ darin noch einmal all den archaischen Bühnenzauber auf, der schon seine „Zauberflöte“ einzigartig machte. In der punkigen Mutterrolle fand sich Bibi Andersson wieder in selbstgezimmert wirkenden Kulissen ganz in der Art ihres allerersten Filmauftritts – der Prinzessin aus der Seifenwerbung. 2009 erlitt Andersson einen Schlaganfall, bei dem sie ihr Sprachvermögen verlor und lebte seitdem in einem Pflegeheim. Am 14. April starb sie 83-jährig in Stockholm.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion