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Paddler vom Stamm der Chumash in einem traditionellen Kanu.

„Native America“, Arte

Die Besiegten von damals

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Die TV-Kritik: Ein Blick auf das, was von der präkolumbianischen Geschichte Amerikas geblieben ist.  

Über die Geschichte des so genannten präkolumbianischen Amerika weiß das moderne Amerika blamabel wenig, und manches von dem, was man lange Zeit zu wissen schien oder vorgab, war falsch. Scott Tiffany und Gary Glassman korrigieren in ihrem Film „Native America“ einige Irrtümer und erzählen Geschichten, die in unserem wissenschaftlich strukturierten und an Fakten orientierten Denken ein gewisses Durcheinander anrichten können.

Das hängt auch mit der Erzählweise des Films zusammen, die nicht deduktiv und logisch ist, sondern assoziativ und sprunghaft. Seine Bilderwelt benutzt Landschaften als strukturierende erzählerische Momente, arbeitet mit mystifizierend wirkende Animationen, geisterhaft fließenden Zeichenfiguren und computergenerierten Konstruktionen und Rekonstruktionen, und er springt generös und überraschend zwischen Zeiten, Regionen und Subkontinenten herum.

Die beherrschende Denkfigur dahinter ist offenbar die Idee, dass einerseits alles mit allem zusammenhängt und andererseits logische Übersichtlichkeit auch keine Probleme löst und genau so viel Irrtum wie Verständnis und Wissen produziert.

„Native America“ ist unterteilt in vier Teile

Der Film teilt sich in vier Teile, und erst der vierte kommt auf Regionen und Kulturen zu sprechen, die ehemaligen Karl-May-Lesern vorübergehend halbwegs vertraut erscheinen werden: den Comanchen.

Auf der Seite der historischen und prähistorischen Fakten korrigiert der Film die alte und lange allgemein akzeptierte Version der verschiedenen aus Asien über eine nacheiszeitliche Landbrücke stattgehabten Einwanderungswellen. Er verweist auf Zeugnisse einer präkolumbianischen Kultur im heutigen Brasilien, die viel älter ist als die erste postulierte Immigrationsphase. Waren also Einwanderungen über die Aleuten nur marginale Ereignisse in der Besiedelungsgeschichte der beiden Amerikas? Der Film sucht und findet Evidenzen dafür in motivischen Parallelen in überlieferten Mythen, in mentalen Ähnlichkeiten, in transkontinentalen Gemeinsamkeiten zwischen religiösen und spirituellen Zeichen und Symbolen. Aber er stellt keine steilen Thesen und starken Behauptungen auf, sondern bleibt bei suchenden, fragenden Bewegungsweisen durch den Stoff.

Die kulturellen Errungenschaften präkolumbianischer Bevölkerungen

Auf der Seite der Fakten berichtet er auch von den enormen kulturellen Errungenschaften präkolumbianischen Bevölkerungen: von der weit entwickelten Landwirtschaft; von imposanten architektonischen Leistungen, einem erstaunlichen Stand der astronomischen Wissenschaft. Das wichtigste Thema ist eine Zeit lang die Erfindung der Demokratie durch die eingeborenen Amerikaner des Nordostens. Wer weiß, vielleicht hätten wir ohne sie immer noch ein feudales Europa.

All das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichten, die Leistungen und Erfolge, die hier erzählt werden, Geschichten, Leistungen und Erfolge von Verlierern sind und dass die Sieger nicht klüger waren als die Besiegten, sondern nur besser bewaffnet und mit effektiveren Immunsystemen ausgestattet.

Scott Tiffany und Gary Glassman wissen aber auch, dass die Siege des weißen Mannes über die eingeborenen Amerikaner nur eine Momentaufnahme der Geschichte waren. Die Sieger von damals sind gerade dabei, sich selbst vernichtend zu schlagen. Da ist die dunkle, wenig konsistent in sich selbst kreisende Weisheit der indigenen Amerikaner, die viel mehr von Nachhaltigkeit und von der Natur zu wissen scheint als alle Eroberungs- und Ausbeutungsstrategien der heute Herrschenden, plötzlich ein Vorschein rettender Ideen. Die leider nicht ganz leicht zu verstehen sind, wie der vierteilige Film zeigt.

Zur Serie „Native America“

„Native America“, Arte

Samstag, 24. August, 20.15 Uhr (Teil 1 und 2) und 31. August, 20.15 Uhr (Teil 3 und 4).

Im Netz: Arte +7

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