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Die zweite Staffel der norwegischen Serie "Mammon" (Start am 1.11.2018 auf Arte) erzählt von einem Korruptionsskandal in der norwegischen Finanz- und Wirtschaftswelt vor dem Hintergrund politischer Intrigen.

"Mammon II", Arte

Nationale Unsicherheit

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Erneut finden die Skandinavier eine Serienformel, die den Zeitgeist einfängt: Die zweite Staffel von "Mammon" auf Arte erhöht den Einsatz und beschwört die Zerbrechlichkeit der Weltordnung.

Rette sich, wer kann: Die Skandinavier haben mal wieder neue Ideen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass Serien wie „The Killing“ oder „Borgen“ eine neue Tonalität in den internationalen Serienbereich gebracht haben. Damit waren sie nicht nur dem europäischen Markt formal und inhaltlich um Jahre voraus – ihre dunklen Plots und kargen Anti-Helden fanden sogar im Mutterland der Serienrevolution, in den USA, einflussreiche Fans und kreative Nachahmer.

Das Rezept war derweil nicht neu: Diese Serien brachten viele Elemente des „Nordic Noir“ ins Fernsehen, nachdem das Genre bereits seit den 70ern die Buchläden dominierte: brutal bis an die Grenze der Exploitation, dabei aber sozial ambitioniert und schamlos politisch. Aber wie nach jedem Erfolg stellte sich schnell die Frage: Wie geht es weiter? „The Killing“ wurde in 130 Ländern gezeigt, hat eine Romanreihe und ein US-Remake nach sich gezogen – jetzt musste etwas Neues her. Nur was?

Nun, es gibt eine neue Serie, die die internationalen Märkte stürmt: „Mammon“. Sie erobert sogar die USA: Die zweite Staffel, die hier gerade auf arte anläuft, hat 2017 den Emmy als beste internationale Serie erhalten. Erneut wenden wir uns also gen Norden, diesmal nach Norwegen, und fragen: Wohin soll der Trend gehen? Was haben sich die Skandinavier diesmal ausgedacht? Und: Was kann man sich überhaupt noch ausdenken, in dieser Serienwelt? Auf Netflix läuft derzeit eine blutige Krimiserie um einen durchgeknallten und drogensüchtigen Ex-Cop, dem ständig ein putziges blaues Zeichentrick-Einhorn vor der Nase herumhüpft. Wie will bitteschön ausgerechnet Norwegen da noch auffallen?

Die Antwort ist verblüffend: „Mammon“ erhöht den Einsatz. Das ist keine neue Technik, man findet in jeder Schreibanleitung den Rat: „raise the stakes“. Gemeint ist damit meist: Es muss etwas auf dem Spiel stehen. Eine Bombe bedroht eine Stadt; die Kinder des Helden werden entführt; es geht um alles oder nichts. In der ersten Staffel von „Mammon“ ging es um eine blutige Verschwörung aus Mord und Kontrolle im internationalen Finanzbereich, die so mächtig war, dass sie buchstäblich biblische Ausmaße annahm. Die nun anlaufende zweite Staffel hat ein vorangestelltes Zitat aus der „Edda“ und die Episodennamen aus der nordischen Mythologie, genauer gesagt aus den Legenden um den Weltenbrand Ragnarok, wo allerhand mythische Monster sich erheben, um die Welt gleichzeitig zu vernichten und zu erneuern. Und der Vergleich ist nicht unverdient: Was mit dem Mord an einem Kollegen des Journalist Peter Verås noch recht übersichtlich beginnt, entspinnt sich schnell zu einem Netz, das nicht nur die norwegische Regierung, sondern den ganzen Westen durcheinanderwirbelt.

Nun haben schon andere Serien die Einsätze erhöht und die fundamentale Unsicherheit der einstmals so selbstbewussten westlichen Kultur erkannt. Aber wenn es bei „House of Cards“ um die US-Präsidentschaft ging oder in „Game of Thrones“ um die Vorherrschaft über ganze Völker oder bei „The Man in the High Castle“ sogar den Sieg der Nazis über die Alliierten, dann blieb man doch immer abstrakt in einem fiktiven Paralleluniversum oder in Fantasywelten. „Mammon“ dagegen beschreibt eine sehr reale, heutige Welt. Mit der nüchternen, kalten Inszenierung, den grauen Farben und dem komplexen Geflecht an Figuren aus Medien, Politik und Industrie wirkt die Serie nicht spekulativer als ein stilvoller Fincher-Film. Aber was erzählt wird, von der Ermordung von Staatsoberhäuptern über rechtsradikalen Staatsterror bis zu amoklaufenden Geheimdiensten aus den USA und aus China, hört sich außerirdisch an. Bis man sich fragt: Ist es das wirklich? In der heutigen Zeit?

Dass „Mammon“ kein Einzelfall ist, sondern Teil eines Trends, zeigt die ebenfalls norwegische Miniserie „Occupied“, die arte früher in diesem Jahr ausgestrahlt hat. Darin wird die schleichende Übernahme des nordischen Staates durch die neue russische Großmachtpolitik nachzeichnet – genauso spekulativ, genauso senationalistisch – und genauso wenig ausgeschlossen, wenn man drüber nachdenkt. Und auch diese neue Serien-Richtung hat ihre Ursprünge in der Literatur, vor allem in der Weiterentwicklung des „Nordic Noir“ durch Stieg Larsson. Dem war es ebenfalls nicht genug, spannende Serienkiller-Geschichten zu schreiben, es musste die CIA, der KGB, die korrupte schwedische Regierung, die Nazi-Vergangenheit und die internationalen Wirtschaftskonglomerate mitspielen. Wenn es nicht so meisterhaft gespielt und inszeniert ist wie in „Mammon“, dann kann das sehr schnell ins Lächerliche kippen. Aber man kann nicht bestreiten, dass es in diesen unsicheren Zeiten einen Nerv trifft.

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