1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Nastassja Kinski in „Die stillen Trabanten“: Zärtlich ist die Nacht

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Neuanfänge und behutsame Annäherungen vor und auch hinter der Kamera. Hier Nastassja Kinski als Birgitt und Martina Gedeck als Christa. Foto: epd
Neuanfänge und behutsame Annäherungen vor und auch hinter der Kamera. Hier Nastassja Kinski als Birgitt und Martina Gedeck als Christa. Foto: epd © epd

Nastassja Kinskis Comeback ist das Ereignis von Thomas Stubers Literaturverfilmung „Die stillen Trabanten“

Die Platten-Hochhäuser der DDR, einst mit ihren „Vollkomfortwohnungen“ der Stolz der Republik, finden auch heute noch ihre Bewunderer. Die Pet Shop Boys nutzten 2006 die Balkons eines Komplexes in Dresdens Prager Straße als Orchestergraben ihrer „Hochhaussinfonie“ – und ließen die städtischen Sinfoniker live Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ untermalen.

Im gleichnamigen Film „Die stillen Trabanten“ inspiriert ähnliche Architektur einen einsamen Imbissbudenkoch zu romantischen Worten. Aus einer geteilten Zigarette auf dem Flur-Balkon mit seiner muslimischen Nachbarin ist ein heimliches Date geworden. „Gleich kann man die Lichter der Trabanten sehen…“, verspricht er ihr als die Nacht noch jung ist. Und als der Morgen schon fast dämmert, sieht man gemeinsam zu, wie sie nach und nach verlöschen.

In diesem Augenblick entfaltet Thomas Stubers Ensemblefilm einen Hauch von Wong Kar-wai. Wie bei dem Hongkong-Poeten von „Chungking Express“ meinen es auch bei ihm die Nächte gut mit den einsamen Herzen: Der Reinigungskraft, die sich in der Bahnhofsbar in eine Friseurin verliebt, und dem Wachmann, der einer ukrainischen Migrantin durch den Zaun ihrer Unterkunft Komplimente macht. Nur als der liebgewonnene rote Teppichboden aus der Imbissbude verschwindet, um abwaschbaren Fliesen zu weichen, fürchtet der Koch einen Moment lang um den Glamour im grauen Alltag.

Was die miteinander verschnittenen Geschichten dann selbst ein wenig auf dem Teppich festhält, ist der Text, dem sie entstammen. Verfilmt wurden Teile aus Clemens Meyers gleichnamigem Erzählband. Seine romantischen Annäherungen an Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen wirken mitunter ähnlich entrückt, wie der Applaus, der während der Corona-Pandemie von Bürgerwohnungen schallte. Die prominente Besetzung vergrößert die Distanz mitunter nur noch weiter, was weniger den Mitwirkenden anzulasten ist als der skizzenhaften Drehbuchzeichnung.

Die eigentlich unfehlbare Martina Gedeck trägt als Reinigungskraft Christa, die nach der Wende ihre Arbeit im feinen Astoria-Hotel verlor, nichts von den jahrzehntlangen Mühen mit sich, die dem folgten. Ebenso scheint Jens Schuchs Jens erst vorgestern in seinen Job in der Imbissbude gerutscht zu sein. Charly Hübner soll als Wachmann Erik, wenigstens beichtet er das, einmal Ausländerfeind gewesen sein, bevor er sich in eine schaukelnde Schönheit (Irina Starshenbaum) hinter dem Drahtzaun verknallt. Und gibt es die nun wirklich – oder ist sie nur eine Männerfantasie?

Man mag sich nicht vorstellen, was Menschen, die wirklich in prekären Verhältnissen leben, mit diesen Kunstfiguren anfangen würden. Oder wie man in Filmkulturen, die eine andere Tradition in der Darstellung sozialer Ungleichheit haben, darauf blicken würde. Vielleicht im an Ken Loach geschulten Großbritannien.

Aber sozialen Realismus hat hier natürlich auch niemand angestrebt. Das Genre, wenn es einen Namen hat, wäre wohl eher die Sozial-Fantasie. Und darauf kann man sich durchaus auch einlassen. Zwei andere Darstellerinnen jedenfalls faszinieren und verwandeln literarische Erfindungen in filmisches Leben: Lilith Stangenberg als Muslimin Aisha, die verzweifelt und überaus glaubhaft mit ihrer früheren Identität namens Jana kämpft.

Und der Besetzungscoup des Films schlechthin, die große Nastassja Kinski als Friseurin Birgitt. Wie lange haben wir sie nicht mehr auf der Leinwand gesehen, und nun kehrt sie zurück, bescheiden und grandios: Bevor sie die Kamera noch ganz erfasst hat, füllt sie doch bereits den Raum – im unverkennbaren, verhuscht-mädchenhaften Sprechduktus ihrer frühen deutschen Rollen. Dieses in Natürlichkeit und Würde gealterte Gesicht wird eins mit dieser Rolle, einer Frau, die sich eine innere Jugend bewahrt hat – und nun, mit aller Vorsicht, etwas Neues kennenlernt.

Behutsam nähert sich der begabte Bildgestalter Peter Matjasko, der schon Stubers vorangegangene Clemens-Meyer-Verfilmung „In den Gängen“ fotografierte, dieser Leinwandikone. Zuletzt war Nastassja Kinski 2013 in einer Nebenrolle des Fernsehfilms „Sugar“ zu sehen, ihre letzte bedeutende Filmrolle spielte sie 2006 in David Lynchs „Inland Empire“. Dies könnte der Auftakt zu einer neuen Filmkarriere sein; manchmal erinnert sie in ihrer ebenso selbstbewussten wie verletzlichen Ausstrahlung an Hildegard Knef.

Allein schon, sie zu diesem Schritt aus der Unsichtbarkeit bewegt zu haben, ist eine großartige Leistung, und der Respekt, mit dem Thomas Stuber sich seinem Star in dieser tragenden Nebenrolle nähert, ist bewundernswert. Tatsächlich fügt sich diese Geschichte einer Rückkehr in die Sichtbarkeit vorzüglich ein in die hoffnungsvollen Episoden dieses Films – und füllt die poetische Fiktion mit mehr als einem Funken Wirklichkeit.

Die stillen Trabanten. D 2022. Regie: Thomas Stuber. 120 Min.

Auch interessant

Kommentare