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Visueller Maximalismus mit Scarlett Johansson.

Neu im Kino: "Ghost in the Shell"

Die Nacktheit der schönen Puppe

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Schauspielerin Scarlett Johansson trägt das erstaunlich phantasievolle Science-Fiction-Remake des japanischen Anime-Klassikers. Wer "Ghost in the Shell" liebt, der liebt die Farbe Blau.

Kaum ein Genre wird so sehr von Glaubenskriegen erschüttert wie die Science Fiction. Und je höher der Kultstatus eines Werkes, desto lauter summt es in den Wespennestern der Fans, die es bewachen. Bei „Ghost in the Shell“ hat man es freilich nicht nur mit den Tempelwächtern der Cyberpunk-Literatur zu tun, mit dessen Motiven der 1989 erschienene Manga von Masamune Shirow arbeitet. Die japanischen Bildromane folgen ihren eigenen Traditionen, ebenso wie das gezeichnete Bewegtbild, der Anime.

Die vielen Fans von Mamoru Oshiis „Ghost in the Shell“-Verfilmung von 1995 haben also gleich eine Menge auf einmal zu bewundern: Nicht nur hat ist diese rätselhafte Coming-of-Age-Geschichte eines Cyborgs ihr Geheimnis auf eine besondere Art bewahrt und dem Science-Fiction-Anime ein breites westliches Publikum eröffnet. Mit seinem visuellen Minimalismus eroberte er sich auch gleich einen Platz in der Filmgeschichte neben Tarkwoskijs „Solaris“ und „Blade Runner“ von Ridley Scott.

Keine der Fortsetzungen und Imitationen konnte es mit dem Original aufnehmen. Weshalb spätestens jetzt die Gralshüter Spalier stehen sollten: Ist nicht ein aufwendiges Hollywood-Remake, noch dazu mit Scarlett Johansson als Star aus Fleisch und Blut geradezu die Antithese zur magischen Abstraktionsleistung des Originalfilms?

So muss man es sehen, und genau darin liegt die Chance dieser Annäherung. Hat man seine 3D-Brille auf der Nase, die in Zeiten virtueller Realitäten ja auch schon „old school“ ist, wirkt das zunächst wie ein Rückschritt; man fühlt sich der Kulissenwelt von „Blade Runner“ näher als dem, was der Anime aus seiner endzeitlichen Urbanität destillierte. Dieses stickige, zum Bersten mit allerhand visuellem Zukunftsmüll gefüllte Metropolis wirkt wie das Pixelmeer eines Videospiels der vorletzten Generation. Und doch besitzt es eine ungewöhnliche Stilsicherheit gerade in seinen Visionen von schlechtem Geschmack: Monumentale Werbefiguren flankieren die Wolkenkratzer und übersteigern die architektonischen Geschmacksverirrungen gegenwärtiger ostasiatischer Boomtowns ins Groteske.

Wie nahezu jeder Hollywood-Blockbuster ist auch „Ghost in the Shell“ in technischer Hinsicht selbst ein Cyborg, ein Mischwesen aus Real- und Animationsfilm. Nur dass man selten ein derart ideales Sujet findet, dies zu thematisieren.

Scarlett Johansson tritt in der Hauptrolle des „Major“ genannten Kunstkörpers mit einer Frankenstein-Sequenz in diesen Film ein – geschaffen von einer von Juliette Binoche verkörperten Ingenieurin im Ärztinnenkittel.

Das macht das Versprechen dieses Films, eine „Realverfilmung“ zu sein, in all seiner Absurdität bewusst: Wie sollte eine Johansson mit ihrem echten Körper einen künstlichen Menschen spielen? Folglich trägt sie über weite Strecken des Films eine animierte, zweite Haut. Wenn sie sich todesmutig von Hausdächern stürzt, entledigt sie sich vorher ihrer Kleidung und trägt nichts als die falsche Nacktheit einer Schaufensterpuppe. Fast hat man den Eindruck dass man den chinesischen Koproduzenten damit ein Schnippchen schlagen wollte – mit Beinahe-Nacktszenen, welche die strengen Zensoren an der Nase herumführen werden.

Man kann diesen Film wie in Trance genießen, so wie man Mamoru Oshiis Originalfilm und den späteren zweiten Teil „Innocence“ in sich einsaugen konnte, ohne der Handlung unbedingt zu folgen. Und als wäre dieser Film nicht eine einzige, epische Traumsequenz, leistet er sich noch schwelgerische, surreale Höhepunkte: Dann begibt sich die Heldin auf Seelenreisen und schwimmt durch tiefblaue Hafenbecken, wo vorzeitliche Lebewesen an ihr vorüberziehen.

Wer „Ghost in the Shell“ liebt, der liebt die Farbe Blau. Auch wenn die 3-D-Brillen viel von der optischen Brillanz auffrisst, hat sich Filmemacher Rubert Sanders alle Mühe gegeben, so viel wie möglich von diesem tiefen Blau hindurchscheinen zu lassen.

Seit langem ist niemand der alten Frage des Blade Runner erfolgreicher auf den Grund gegangen, ob Androiden von künstlichen Schafen träumen. So wie der alte Film das Glück in der Auslassung fand, Freiräume zwischen den bemalten Zelluloidfolien seiner Figuren versteckte, führt auch Sanders in imaginäre Zwischenreiche. Nur dass er dazu Realfilm- und Computeranimationen wie mit breitem Pinsel verrührt. Der einzige Streit, den Gralshüter des Klassikers darüber am Ende führen werden, wird sich daran aufhängen, ob noch immer weniger mehr oder diesmal nicht eher mehr mehr ist.

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