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Der Rückzug ist eine ungewöhnliche Marschrichtung für einen Kriegsfilm.

"Dunkirk" im Kino

Das nackte Überleben

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Christopher Nolans ungewöhnlicher Kriegsfilm "Dunkirk" ist ein Meisterwerk mit kleinen Fehlern.

Welchen Sieg hat dieser Film über eine verlorene Schlacht schon vor seinem deutschen Kinostart errungen! Geht es nach der überwältigenden Mehrheit der amerikanischen Kritiker, ist die nächste Oscarverleihung bereits entschieden.

Tatsächlich gibt es viele Gründe, Christopher Nolans Kriegsfilm zu loben, aber wer kein Haar darin findet, muss blind sein. Allerdings sind die Zutaten dieser Suppe derart erlesen, ist die Zubereitung so verwegen und ist der Koch so sichtbar stolz auf sein Rezept, dass man zögern würde, den Kellner herbei zu rufen, um sich zu beschweren. „Dunkirk“ hat tatsächlich allen großen Hollywoodfilmen der Saison etwas voraus, das einmal gar nicht mal so außergewöhnlich war: Es ist ein Film wie keiner sonst.

Es beginnt mit der ungewöhnlichen Klarheit der Fotografie. Der Kriegsfilm ist ein Genre, bei dem man auch unscharfe und verwackelte Bilder akzeptiert. Der Verismus der Reportagefotografie eines Robert Capa ist zu einer Konvention geworden, der auch jüngere High-Tech-Produkte wie Mel Gibsons „Hacksaw Ridge“ nichts entgegenzusetzen haben. Hier aber blicken wir durch die Optik einer 65mm-Filmkamera mit einem flüchtenden Soldaten auf die leeren Straßen von Dunkerque. Das breite Filmmaterial gilt eigentlich als obsolete Technik, der Christopher Nolan die Treue hält. Neben Quentin Tarantino und Paul Thomas Anderson ist einer der letzten Kämpfer für den Zelluloidfilm, und anders als 1940 in Dunkerque ist die Schlacht ja auch nicht ganz verloren.

„Dunkirk“ wird in 4K-Laserprojektion gezeigt

Ein Gefühl gespenstischer Überwirklichkeit elektrisiert den Zuschauer, und irritiert zugleich. Die Schärfe der Bilder – der Film wird in Kinos, die dafür ausgestattet sind, auch in hochauflösender 4K-Laserprojektion gezeigt – erfasst auch Gebäude im Hintergrund, die offensichtlich erst nach dem Krieg gebaut wurden. Ist das ein Fehler? Ist es bewusste Verfremdung?

Der Fluss der Montage ist zu elegant, als dass wir uns mit dieser Frage aufhalten würden. Und der thematische Fokus ist zu ungewöhnlich: Der Rückzug, das Retten der eigenen Haut, ist eine ungewöhnliche Marschrichtung für einen Kriegsfilm. Am Strand werden die Soldaten beschossen, die Überlebensquote ist gering.

Und wieder gibt es Raum für eine Irritation: Geschosse treffen offensichtlich in die Masse, doch man sieht keine zerfetzten Leiber oder wenigstens Einschusskrater. Manchmal scheint niemand getroffen zu sein. Dies ist fraglos absichtsvoll und passt zum Erleben von Todesnähe, die dieser Film über seine fast zweieinhalb Stunden aus unterschiedlichster Perspektive vermittelt. Für einen Augenblick denkt man gar an die Möglichkeit der Perspektive eines Toten.

Der Soldat tut sich mit einem unbekannten Kameraden zusammen, um einen Sterbenden auf einer Trage wegzuschleppen. Dies erlaubt ihnen, sich an den Hunderten vorbei zu drängeln, die an einem Holzsteg auf den Einstieg in das einzige Schiff hoffen, das zur Rettung bereitsteht. Es liegt nichts Heroisches im Retten der eigenen Haut, aber etwas allzu Menschliches, das in dieser stummen Szene mehr Anteilnahme weckt als aller Aufwand, der einst im Spielberg-Film zur Rettung des Soldaten Ryan führte.

Anstelle einer konventionellen Handlung, die auf einzelne Helden fokussierte, entwirft Nolan ein breites Panorama des Überlebens. Einmal auf dem Wasser droht im Augenblick der Rettung sogleich das Kentern. Eine Nebenhandlung spielt im Cockpit eines Kampfpiloten, der um sein Leben zittert. Ein weiterer Schauplatz ist die private Yacht eines britischen Zivilisten, der unter eigenem Kommando auf Rettungsmission ist. Es ist eine geradezu altmodisch anrührende Geschichte um seinen mutigen Helfer, einen einsamen Teenager, der nur mit an Bord gekommen ist, damit er am Ende als Held in der Zeitung steht.

Jede dieser Geschichten hätte man zu einem eigenen Film ausspinnen können, doch Nolan, der die Filmhistorie kennt, hält sich lieber an das Stummfilmkino eines Griffith: So wie dieser in seinem Klassiker „Intolerance“ zelebriert Nolan die Parallelmontage bis hin zu einem großen Furioso zum Finale.

Hier wird alles Heroische, das dem großartigen Anfang so erfreulich fehlte, in hoher Dosis nachgereicht. Ein käsiges Pathos liegt über den letzten zehn Minuten. Es ist wie das Haar, das sich noch am Boden des Suppentellers versteckt hat. Und Nolan war ja auch nicht allein in der Küche. Sein wichtigster künstlerischer Mitarbeiter neben dem Bildgestalter Hoyte van Hoytema ist Komponist Hans Zimmer. Nahezu allgegenwärtig ist seine Orchestermusik, doch der Weg, den sie geht, verläuft noch geradliniger als die Flucht aus Dunkerque: Es ist die alte Reise vom Dissonanten ins Harmonische, die hier wie ein später Endsieg der Spätromantik über die Moderne klingt. Sicher, oft wird dem Deutschen angeblicher Wagnerianismus vorgeworfen, was gewiss nicht fair gegenüber Wagner ist.

Doch wer einst so feinsinnig an den Grenzen der Tonalität arbeitete wie Zimmer bei seiner Musik zu Terence Malicks „Der schmale Grat“, hätte mit dieser großen Chance des über weite Strecken wortlosen „Dunkirk“ auch mehr anfangen können. Allein wegen seiner Bildgewalt sollte man sich diesen Film nicht entgehen lassen. Nur einmal hat es in einem Kriegsfilm ähnlich plastische und tiefe Bilder gegeben, 1970 in Franklin J. Schaffners 70mm-Produktion „Patton – Rebell in Uniform“. Als dieser Film vor einigen Jahren auf einer Berlinale-Retrospektive im Originalformat wiederentdeckt wurde, waren sich alle sicher: Nie mehr wird es ein solches Kino geben. Nun ist es auferstanden und es wird etwas Neues daraus. Das in der Tat ist ein Sieg für die Filmkunst.

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