Filme und Serien

Nur der Nachschub aus den USA fehlt

  • Thomas Magenheim-Hörmann
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Bezahlfernsehsender und Streamingsdienste sind Gewinner der Coronakrise, auch wenn der ganz große Boom vorbei zu sein scheint.

Selten war sich die Medienwelt von ProSiebenSat1 über RTL bis Sky und darüber hinaus so einig. „Fernsehen ist das Medium der Stunde“, sagt ProSiebenSat1-Managerin Nicole Agudo Berbel. „TV hat Systemrelevanz“, meint gar Kollegin Elke Waltheim vom Bezahlsender Sky. Alle blicken in Coronazeiten auf rasant gestiegene TV-Nutzung bei linearem Fernsehen, vor allem aber bei Streamingdiensten.

So hat der Verband Privater Medien (Vaunet) im März ein Anschwellen der Nutzerzahlen auf 18,3 Millionen Zuschauer allein im Pay-TV beobachtet. Im Monatsschnitt 2019 waren es 16,4 Millionen. Streaming, wo sich die Zahlen schon 2019 im Jahresvergleich auf 13,4 Millionen Zuschauer fast verdoppelt hatten, wächst in der Pandemie wohl noch stärker, obwohl hier Halbjahresdaten fehlen.

Der Boom über alle Verbreitungswege hat aber auch eine Schattenseite. „Wir waren kurz davor, in ein Nachschubproblem reinzuschlittern“, sagt RTL-Manager Henning Tewes. Denn die Pandemie hat Dreharbeiten für Serien und Filme unterbrochen. Jenseits deutscher Grenzen und vor allem in den USA ist das immer noch so. Aber in Deutschland hat die Branche ähnlich wie die Fußball-Bundesliga ein Hygienekonzept erstellt und so zu einem weltweit beachteten Neustart gefunden. Seit Ende Mai wird hier zu Lande wieder gedreht.

„Wir konnten unsere Produktionen schneller wieder hochfahren als andere Länder und werden international beneidet“, sagt Tewes. Hätte der Produktionsstopp ein bis zwei Monate länger gedauert, wären Engpässe bei der Programmversorgung unvermeidlich gewesen. Danach sieht es mit nun wieder laufenden Eigenproduktionen nicht aus. „Unsere Inhalte-Pipeline ist prall gefüllt“, so Tewes. Kollegen anderer Sendergruppen stimmen ihm zu und versichern, dass es im Programm demnächst nicht mehr Wiederholungen geben werde. Auf eine zweite Corona-Welle sei man vorbereitet. Auch der Nachschub an Shows bleibe nicht aus. Notfalls müsse man längere Zeit ohne Publikum im Studio auskommen.

Was das internationale Programm betrifft, sieht es anders aus. Das beginnt beim Synchronisieren von Serien und Filmen für deutsche Sprache, das in der Krise ebenfalls brach lag. „Wir haben ,Westworld‘ dann mit deutschen Untertiteln gesendet“, sagt Walthelm. Vor allem aber beginnen neue US-Serien und Hollywoodfilme zu fehlen. „Der Nachschub aus den USA kommt später und ist dünner“, erklärt Tewes. Unter fehlenden Filmen leiden vor allem Kinos. Selbst fertiges Material halten Filmverleiher oft zurück, weil Hygienekonzepte deutlich weniger Kinobesucher erlauben und sie potentielle Kassenschlager nicht verschenken wollen.

Das trifft wiederum den Pay-TV-Platzhirsch Sky. Der strahlt Blockbuster oft bereits kurze Zeit nach dem Kinostart aus. Wenn dieser ausbleibt, muss auch Sky passen. Gleiches gilt selbstverständlich für Sportübertragungen.

Wegen solcher Einschränkungen verzichtet Vaunet diesmal auf eine Prognose für die Entwicklung von Pay-TV und Streaming in Deutschland für das laufende Jahr. Kein Zweifel besteht aber daran, dass es grundsätzlich aufwärts geht. Die Frage ist nur, in welchem Umfang. Ein Abflauen des Booms signalisiert Streaming-Pionier Netflix. Der hatte von April bis Juni gut zehn Millionen Abonnenten auf nunmehr weltweit 193 Millionen dazugewonnen und damit so viel wie sonst noch nie in einem zweiten Quartal. Im laufenden Quartal erwartet Netflix aber „nur“ noch ein Plus von 2,5 Millionen Kunden. Die außerordentlichen Corona-Zugewinne bleiben aber erhalten, heißt das auch. Nur das Wachstum beginnt sich zu normalisieren.

Und das hiesige Publikum wird auf Sicht verstärkt mit Serien und Filmproduktionen made in Germany vorlieb nehmen müssen. Aber auch das lag schon vor der Pandemie und ohne Engpass im Trend.

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