Regisseur Joel Schumacher in New York, 2015.
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Regisseur Joel Schumacher in New York, 2015.

Nachruf Joel Schumacher

Nachruf auf Regisseur Joel Schumacher: Starkino mit Stilwillen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Zum Tod des Hollywood-Regisseurs Joel Schumacher.

Große Filmpreise hat Joel Schumacher nie gewonnen, und die Kritik nahm ihn oft gerade ernst genug, um sich an seinen Werken abzuarbeiten. Und doch prägte er das amerikanische Kino seit den 80er, 90er und frühen 2000er-Jahren wie nur wenige andere Filmemacher. Der Regisseur von „Flatliners“, „Batman Forever“ oder „Das Phantom der Oper“ konnte auch Mainstream-Filmen eine unverkennbare Handschrift geben: Es war der Glamour des Videoclip-Zeitalters, in dem sich Schumacher zu Hause fühlte; seine Kulissen waren oft etwas bunter und die Geschichten etwas greller. Sein Stil polarisierte, aber es war doch wenigstens ein Stil.

Nach einem Designstudium war Schumacher als Kostümbildner zum Film gekommen, Woody Allens „Der Schläfer“ und „Innenleben“ gehörten zu seinen ersten Engagements. Gleichzeitig schrieb er die Drehbücher zu der poppig-schrillen Komödie „Car Wash“ und dem „Wizard of Oz“-Remake „The Wiz“ mit Diana Ross und Michael Jackson. Seine erste wichtige Regiearbeit war 1985 der Coming-of-Age-Film „St. Elmo’s Fire“ mit frühen Auftritten von Demi Moore, Emilio Estevez und Andie McDowell. Wie nur wenige Filmemacher hatte Schumacher ein Auge für junge Talente; auch Colin Farrell, Kiefer Sutherland und Matthew McConaughey verdanken ihm entscheidende Rollen auf dem Weg zum Ruhm.

1987 folgte Schumachers berühmtestes Brat-Pack-Movie, wie man die jugendlichen Ensemblefilme inzwischen nannte: „The Lost Boys“ kombinierte die Unmittelbarkeit dieses Genres mit der Phantastik des guten alten Vampirfilms. Legionen von Teenie-Horror-Filmen anderer Filmemacher waren die Folge. Drei Jahre später folgte mit „Flatliners“ ein ähnlicher Genremix, der heute vor allem wegen seiner noch unbekannten Hauptdarstellerin, Julia Roberts, in Erinnerung blieb. „Wenn Julia Roberts mit 20 in Ihr Büro kommt, und Sie sie nicht engagieren“, sagte Schumacher später, „haben Sie nichts in der Filmbranche verloren“.

Roberts bedankte sich mit der Hauptrolle in Schumachers Folgefilm, dem romantischen Melodram „Entscheidung aus Liebe“. Auch für Schumacher begann das prägende Jahrzehnt seiner Karriere. 1993 zeigte das Festival von Cannes seinen bis heute wohl umstrittensten Film, „Falling Down“, im Wettbewerb: Der Amoklauf eines konservativen Normalbürgers polarisierte, indem er den von Michael Douglas gespielten Antihelden scheinbar hemmungslos „politische Unkorrektheiten“ ausspielen ließ. Dem offen homosexuellen Schumacher, großzügiger Spender für die Demokratische Partei, lag es freilich fern, sich mit den populistischen Thesen zu identifizieren. Tatsächlich ist es wohl eher die Lust am Tabubruch, am Eintauchen in einen makabren Alptraum, die „Falling Down“ auch jenseits des Glamours zu einem typischen Schumacher-Film macht.

Beitrag gegen Rassismus

Mehr von seinen Ansichten verriet „Die Jury“ („A Time to Kill“), seine zweite Grisham-Verfilmung: Matthew McConaughey brilliert als Anwalt eines Schwarzen, der wegen des Mordes am Vergewaltiger seiner Tochter vor Gericht steht. Ein wichtiger Beitrag gegen den Rassismus, blieb auch dieser Schumacher-Film seinerzeit bei den Oscars unberücksichtigt.

Weniger glücklich erwies sich sein nunmehr aufgesetzt wirkender Stilwille für das Batman-Franchise, dem Schumacher wenig mehr als karnevaleske Buntheit hinzufügen konnte. „Batman und Robin“ gilt unter Fans als schlechtester Beitrag zu einer Serie, die eigentlich mehr als jede andere Blockbuster-Reihe von künstlerischen Interpretationen lebt. Schumacher selbst reagierte prompt und konsequent: Sein Folgefilm, der Thriller „8mm“, überraschte mit einem minimalistischen Stil und brachte ihm eine Einladung zur Berlinale ein. Noch reduzierter war das Kammerspiel „Nicht auflegen!“, das in einer Telefonzelle spielte.

Schumacher liebte die Extreme, und auch seine misslungenen Filme wollte man ungern verpassen, denn immerhin wagte doch jemand etwas. Sein eigenes Leben, in dem er nach einigen Angaben mit 20 000 Partnern schlief, muss viel vom Hedonismus seines Kinos gehabt haben. „Ich glaube, ich bin einer der glücklichsten Menschen, die je gelebt haben“, sagte Schumacher in einem Interview. „Ich habe meinen Traum bekommen. Ich habe ihn soviel größer bekommen, als ich ihn je träumen konnte“.

Mit 80 Jahren ist Joel Schumacher am Montag in New York einem Krebsleiden erlegen.

Daniel Kothenschulte

Ihre Altersgenossen in Neapel tragen Pistolen. Zwei junge Männer bewaffnen sich lieber mit der Kamera. Einfallsreich und gewissenhaft dokumentieren sie in der Arte-Doku „Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ ihren Alltag.

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