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Michel Piccoli 2011 in Cannes.

Kino

Nachruf auf Michel Piccoli: Der diskrete Charme

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Der europäische Autorenfilm hat Michel Piccoli verloren, seinen vielleicht größten Charakterdarsteller.

Der vielleicht ungewöhnlichste Komödienerfolg der siebziger Jahre kam ohne Dialoge aus. Die einfache Handlung von Claude Faraldos „Themroc“ erzählte von einem Normalbürger, dem – nach einem Rüffel vom Chef – plötzlich der Geduldsfaden reißt. So mauert sich der Anstreicher Themroc erst in seiner Etagenwohnung ein, um sie sodann genüsslich mit einem Abbruchhammer in eine moderne Steinzeithöhle zu verwandeln. Kein geringerer als Michel Piccoli, der wohl angesehenste Charakterdarsteller des französischen Autorenfilms, spielte diesen glücklichen Anarchisten, der bald ganz Paris von den Fesseln der Zivilisation befreit.

Glaubte man der zeitgenössischen Kritik, die zu einem großen Teil zunächst wenig mit dem späteren Kultfilm anfangen konnte, zerlegte Piccoli allerdings zuerst einmal sein Image: „Michel Piccoli grummelt, schreit, röhrt, grunzt, knurrt und grölt sich bewundernswert durch den sprachlosen Film und zerstört radikal sein Salonlöwen-Image“, wunderte sich seinerzeit die „Zeit“.

Michel Piccoli mit Romy Schneider 1970 in Cannes zur Filmvorstellung von „Die Dinge des Lebens“.  

Wenn niemand im Jahr 1973 einen Bürgerschreck so überzeugend verkörpern konnte wie Michel Piccoli, lag das wohl daran, dass er auch alles Bürgerliche idealtypisch repräsentierte. Allein siebenmal besetzte ihn Luis Buñuel in seinen gesellschaftskritischen Meisterwerken, seine erste große Rolle war die des Priesters Lizzardi in dessen „Pesthauch des Dschungels“ (1956) gewesen. Mehr als ein Jahrzehnt hatte der Sohn einer Musikerfamilie da schon vor der Kamera gestanden. Eigentlich hatte der Kino-Surrealist Buñuel einen dünnen, jungen Mann für die Rolle eines Priesters gesucht. Piccoli war zwar eher kräftig und schon dreißig – doch die Rolle gewann er ebenso wie Buñuels dauerhafte Freundschaft. 1964 trug sie ihm – in „Tagebuch einer Kammerzofe“ – die bissig-ironische Rolle eines Jägers ein, der den Frauen mit ähnlichen Methoden nachstellt wie dem Wild.

Kaum ein Gesicht steht mehr für die französische Filmkunst als das des maskulinen Individualisten mit den buschigen Augenbrauen unter der eleganten Halbglatze. Piccoli wurde groß mit den Regisseuren, unter denen er arbeitete, andere machte er groß durch seine Größe.

Und ironischerweise war es gerade ein Film über das Filmemachen, der das Kräftemessen zwischen Kunst und Kommerz thematisierte, der ihm den Weg zum Weltstar ebnete: Jean-Luc Godards intellektueller Augenschmaus „Die Verachtung“ von 1963. Fritz Lang spielt sich darin selbst als Regisseur eines teutonischen Monumentalfilms nach der Odyssee, Piccoli ist der Drehbuchautor, der das Projekt für die US-Geldgeber kommerzieller machen soll. Tatsächlich ist der ehrgeizige Autor bereit, einiges für seinen Erfolg einzusetzen, auch die attraktive, von Brigitte Bardot gespielte Ehefrau.

Kaum je waren sich Kunst- und Starkino so nahe wie in diesem aufwändigen Farbfilm in CinemaScope. Und mit Piccoli war ein neuer Tpyus des männlichen Filmhelden geboren, der potente Intellektuelle. Tatsächlich aber steckte noch einiges mehr in diesem auch hinter der Kamera überzeugenden Charismatiker.

Piccoli scheint in dieser Zeit die ideale Verkörperung eines entromantisierten Don Juan gewesen zu sein, eine Rolle, die er 1965 sogar nach Molières Komödientext für das Fernsehen verkörperte. Es brauchte schon einen Romantiker wie Jacques Demy, um diesen Macho-Geist auch wieder zu vertreiben: Im Musical „Die Mädchen von Rochefort“ gibt Piccoli einen liebeskranken Musikalienhändler namens „Monsieur Dame“.

Fortan war ihm alles zuzutrauen: Der empfindsame, aber dominante Maler in Rivettes „Die schöne Querulantin“ ebenso wie der elegante Mörder in „Trio Infernal“. Der Giftmischer hinter der Fassade eines Ratsherrn in Claude Chabrols „Blutige Hochzeit“ und der Fernsehboss, der sich in Ferreris Groteske „Das große Fressen“ zu Tode amüsiert. Aber dann auch wieder Marianne Sägebrechts liebevoller Ehemann im NS-Drama „Martha und ich“.

Wenn man Michel Piccoli in den letzten Jahren nur noch selten im Kino sah – eine seiner letzten große Hauptrolle war die des Papstes in Nanni Morettis „Habemus Papam“ – lag das auch an einem Wandel der französischen Filmindustrie. Piccoli symbolisierte förmlich den großen französischen Autorenfilm, der in den Schatten einer kommerziell ausgerichteten Filmproduktion getreten ist.

Wo Michel Piccoli draufstand, da war nun einmal Kunst drin: Schauspielkunst im weitesten Sinn des Wortes, nichts Menschliches war diesem großen Mimen fremd. Mit 94 Jahren starb er, im Kreise seiner Liebsten, bereits am 12. Mai an den Folgen eines Schlaganfalls.

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