Ein Schotte von Weltrang: Sean Connery 1964 als Agent James Bond in „Goldfinger“.
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Ein Schotte von Weltrang: Sean Connery 1964 als Agent James Bond in „Goldfinger“.

Sean Connery

Der letzte Ritter unserer Zeit 

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Sir Sean Connery verkörperte smarte Draufgänger und ungewöhnliche Charaktere wie kein anderer – ein Nachruf.

Es ist ein Allgemeinplatz, dass das Kino größer als das Leben sei. Für ein paar wenige Stars aber lässt sich das tatsächlich behaupten. Wenn sie abtreten, verschwindet etwas aus unserem Leben, das sich nicht ersetzen lässt. Sean Connery war so ein Star.

Seine Karriere begann er in den Sechziger Jahren. In einer Epoche, die Männlichkeitsideale zertrümmerte, die mehrere Jahrhunderte und zwei Weltkriege überstanden hatten, verteidigte der Schotte eine fast altmodische Maskulinität. Aber nicht als selbstgefälligen Machismo, sondern als Vermächtnis einer Zeit, als in den Schlössern des Hochlands wohl noch echte Ritterlichkeit herrschte.

John Hustons Abenteuerfilm „Der Mann, der König sein wollte“, ist dafür ein Beispiel. Zwei britische Soldaten im Indien der Kolonialzeit fühlen sich darin zu Höherem geboren. Sie brechen auf in die afghanische Provinz Kafiristan, um dort Könige zu werden. So formuliert es der wortgewandte Michael Caine als der drahtigere der beiden Freunde.

Sir Sean Connery.

Zum König aber krönt man seinen stoischen Begleiter, verkörpert von Sean Connery. Eine unübersehbare Herrschaftlichkeit ging von Sean Connery nicht nur in dieser Rolle aus. Er war der letzte Ritter unserer Zeit – auch wenn er erst im Jahre 2000 offiziell von Königin Elisabeth in diesen Stand erhoben wurde. Tatsächlich war es erst die lange und beschwerliche Flucht aus den offiziellen Diensten ihrer Majestät als Agent 007, der ihn die eigentlichen Höhen seiner Karriere erklimmen ließ.

Mit Bond-Fans kann man endlos darüber diskutieren, welcher der Darsteller der beste sei, und besser man versucht gar nicht erst, eine Lanze für einen seiner Nachfolger zu brechen. Connery brachte gerade genug proletarische Bodenständigkeit ins luxuriöse Ambiente der 007-Welt, dass er nie zu jenem Snob wurde, den Ian Fleming erfunden hatte. So konnte er der Filmfigur eine Kantigkeit und Härte bewahren, die sich im dolce vita sonst nur zu leicht in Wohlgefallen auflöst. Ein ironischer Zug um die Mundwinkel, ein elektrisierendes Spiel der buschigen Augenbrauen, ein jungenhafter Schalk im Nacken – man kann etliche Attribute seines Charmes aufzählen, doch das Geheimnis lag wie so oft in ihrer unnachahmlichen Kombination.

Leinwandpräsenz ist eine Frage der Aura, nicht der Kraftprotzerei. Der schottische Bodybuilding-Meister des Jahres 1950 hatte beste Voraussetzungen für beides. Einen Silberlöffel fand man allerdings nicht in seinem Mund, als er am 25. August 1930 als Sohn einer Putzfrau und eines Arbeiters in Edinburgh zur Welt kam. Er verdingte sich als Milchmann, Lastwagenfahrer und Aktmodell an der Kunstakademie und belegte einen dritten Platz bei der Konkurrenz zum Mister Universum. Nun stand er vor zwei verlockenden Perspektiven: Dem Profifußball oder der Schauspielerei. Seine Wahl ist bekannt, er selbst nennt sie eine seiner „intelligenteren Entscheidungen“.

Für die erste wichtige Filmrolle entdeckte ihn Walt Disney, der sich gern das Geld für teure Stars sparte, um lieber in die Trickkiste zu investieren. Im Fall von „Das Geheimnis der verwunschenen Höhle/ Darby O’Gill and the Little People“ (1959) war das die realistische Darstellung einer Armee winziger schottischer Kobolde, die alles daran setzten, Connery die Schau zu stehlen. Wer den Streaming-Kanal „Disney Plus“ abonniert hat, kann den Film gerade dort entdecken: Connery vermittelt darin eine Warmherzigkeit, die er bald gegen ein gänzlich gegensätzliches Leinwandimage eintauschen sollte, um es erst viel später in seiner Karriere wieder zuzulassen.

Der britische Schauspieler Sean Connery gibt seiner Kollegin Honor Blackman während einer Party in den Pinewood Film Studios einen Kuss auf die Wange.

1962 suchten die britischen Produzenten Broccoli und Saltzman den idealen Darsteller einer geplanten Filmserie nach den James-Bond-Romanen Ian Flemings. Dass sie Connery die Hauptrolle in „Dr. No“ gaben, bereuten sie nie. Anders als der Schotte, dem die Bond-Manie bald über den Kopf wuchs. Connery wusste, dass mehr in ihm steckte.

Seinen wohl bedeutendsten Film drehte er bereits 1964 unter der strengen Regie Alfred Hitchcocks. Der Thriller „Marnie“ zeigt den typischen Connery der sechziger Jahre, einen kühlen, zielstrebigen und überaus attraktiven Mann, der nach seiner eigenen Moral lebt und handelt. Selbst für Hitchcock ist es ein ausgesprochen abgründiger Held, der eine betrügerische Angestellte, in die er sich verliebt hat, zur Ehe erpresst. Aber irgendetwas an Connerys Machismo suggerierte eine verborgene Menschlichkeit, die irgendwann auf Gegenliebe treffen würde. Seine Filmpartnerin Tippi Hedren hatte derweil angesichts der Attraktivität ihres Gegenspielers große Schwierigkeiten, überhaupt die frigide Gattin zu mimen. So fragte sie Hitchcock, was sie tun sollte. Der antwortete nur achselzuckend: „Man nennt es Schauspielerei, meine Liebe“.

Connery musste man diesen Ratschlag nicht geben. Seine Bondauftritte schüttelte er förmlich aus dem Ärmel und war nur zu gerne bereit, sich für „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ vom australischen Dressman George Lazenby ersetzen zu lassen. Für ein horrende Gage ließ er sich 1971 dann für „Diamantenfieber“ zurückbitten.

Sean Connery als „James Bond“.

Denkbar weit gesteckt war sein Rollenspektrum außerhalb der Serie: In John Boormans Science-Fiction-Film „Zardoz“ spielte er einen Barbaren in postapokalyptischer Zukunft. In „Der Wind und der Löwe“ einen marokkanischen Mullah, der eine amerikanische Familie entführt und dabei aus dem Koran predigt. Jetzt aber geschah etwas Merkwürdiges: Connery wählte bewusst Rollen, die ihn älter aussehen ließen, als er tatsächlich war – wie die des gealterten, kampfesmüden Robin Hood in Richard Lesters philosophischem Heldengedicht „Robin und Marian“. Die Folge war, dass er bis zu seinem Rückzug vom Filmgeschäft im Jahre 2005 nicht mehr zu altern schien. 1988 erhielt er einen Oscar für seine Nebenrolle im Thriller „Die Unbestechlichen“. Zur selben Zeit gelang Steven Spielberg und George Lucas ein Besetzungscoup, als sie Connery in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ als Vater von Harrison Ford engagierten. Connery spielte hier so gekonnt mit dem eigenen Image, das die Erinnerung an frühere Heldentaten in der Rolle mitzuschwingen schienen. Dazu kamen eine väterliche Autorität, in der sich seine britischen Offiziersrollen widerspiegelten und die Warmherzigkeit seines frühen Disney-Auftritts.

Als in den 80er Jahren das Abenteuergenre ausblutete, war es Connery, der durch seine Mitwirkung den Filmen „Highlander“ und „Der Name der Rose“ zu klassischen Qualitäten verhalf. Zu allem Überfluss wählte ihn die Zeitschrift „People“ auch noch zum „sexiest man alive“.

Erst nach dem einfallslosen Actionfilm „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ zog Connery die Notbremse. „Es wurde einfach immer kostspieliger, die Frustration aufzuwiegen und mich davon abzuhalten, einen Mord zu begehen und im Gefängnis zu landen“, erklärte er seinen Rückzug von der Kamera. Auch wenn er mehr überwiegend in Spanien und auf den Bahamas lebte, unterstützte er die Scottish National Party und warb 2014 für die Abspaltung vom Vereinigten Königreich. Auf den Bahamas ist Connery am Sonntag, 90-jährig, im Schlaf gestorben.

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