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Peter Bogdanovich beim 71. Filmfestival von Venedig.
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Peter Bogdanovich beim 71. Filmfestival von Venedig.

Hollywoof

Nachruf auf Peter Bogdanovich: Die andere Seite der Liebe

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Peter Bogdanovich war der größte unter den cinephilen Regisseuren. Hollywood verliert mit ihm auch einen seiner wichtigsten Chronisten.

Los Angeles - Anfang der 60er Jahre erlebte die US-amerikanische Filmindustrie die größte Krise ihrer Geschichte. Doch während das mächtige Studiosystem implodierte, traf es auf Hilfe von unerwarteter Seite: Eine Gruppe junger Cinephiler war mit Leidenschaft dabei, die Spuren der verschwindenden Kunst zu sichern und Pläne für ihre Zukunft zu schmieden. Ähnlich der französischen Nouvelle Vague, die zehn Jahre zuvor aus der Filmkritik entstanden war, wurde daraus das „New Hollywood“ geboren.

Peter Bogdanovich trug als junger Filmkritiker und Kurator von Filmreihen am Museum of Modern Art die Autorentheorie der Franzosen nach Amerika. Hollywoods Altmeister zeigten sich oft überrascht vom Wissen, das er über sie angehäuft hatte. Und auch wenn sie, wie etwa John Ford, so taten, als hätten sie nichts mit der Kunst am Hut, die er ihnen attestierte, ließen sie es sich doch gefallen. Niemand führte mehr grundlegende Interviews mit Pionieren wie Fritz Lang, Howard Hawks, Leo McCarey, George Cukor oder Alfred Hitchcock als Peter Bogdanovich. Sein Eifer stoppte nicht bei dem Kanon, den die Franzosen abgesteckt hatten. Dem kaum beachteten Gründervater des modernen Erzählfilms, Allan Dwan, widmete er ein ganzes Buch.

Peter Bogdanovich: Amokschütze im Autokino

Als der 29-jährige Bogdanovich dann 1968 mit der Roger-Corman-Produktion „Bewegliche Ziele“ selbst als Regisseur reüssierte, hatte er auf diese Weise die beste Filmschule der Welt durchlaufen. Dieser minimalistische Horrorfilm um einen Amokschützen, der sich am Ende in einem Autokino verschanzt, wirkt wie ein künstlerisches Manifest: Man musste das Kino nicht neu erfinden, um es wiederzubeleben. Es reichte, seine klassischen Formen und einfachen Sensationen zu feiern, die Schönheit der Montage und der plastischen Charaktere.

Es störte die alten Filmemacher, die oft zu seinen Freuden wurden, kaum, dass sie bald ihre eigenen Klassiker in den Werken des ehrgeizigen Brillenträgers wiedererkannten. Sein Welterfolg „Is was, Doc?“ war eine offene Hommage an Howard Hawks’ legendäre Screwball-Komödie „Leoparden küsst man nicht“. Die Liebe zum Kino zieht sich wie ein roter Faden durch Bodgdanovichs Werk: In seinem vielleicht bedeutendsten Film, „Die letzte Vorstellung“ (1972), ist die Schließung eines Kleinstadtkinos Anlass für ein melancholisches Gruppenporträt junger Erwachsener. 1990 trommelte er die Hauptdarsteller für die kongeniale Fortsetzung „Texasville“ noch einmal zusammen. Seine Gaunerkomödie und zärtliche Vater-Tochter-Geschichte „Paper Moon“ verströmt den authentischen Charme des amerikanischen Kinos in der Epoche seiner Unschuld, den 20er und frühen 30er Jahren.

Diese Filme waren große Erfolge, doch das Blatt wendete sich Mitte der 70er Jahre. Obwohl auch „Nickelodeon“, seine Hommage an den Patentkrieg der Filmpioniere der 10er Jahre, noch heute großen Reiz entfaltet, war sie 1975 ein teurer Flop. Lässig hatte der einstige „golden boy“ Angebote wie „Der Pate“, „Chinatown“ oder „Der Exorzist“ abgelehnt – und nun für die Produzenten plötzlich seinen „golden touch“ verloren. Auch für die Boulevardmedien war Bogdanovich ein Thema, seit er 1971 seine Ehefrau, die Ausstatterin, Kostümbildnerin und Drehbuchautorin Polly Platt, für den Jungstar Cybill Shepherd verlassen hatte.

Peter Bogdanovich suchte die Öffentlichkeit nicht nur in vorteilhaften Momenten

Nun schienen Hochmut und Fall in seiner Karriere zusammen zu fallen. Tatsächlich suchte Bogdanovich die Öffentlichkeit nicht nur in vorteilhaften Momenten. Ich erinnere mich, wie er sich einmal überraschend bei einer Filmvorführung von „Bewegliche Ziele“ in Los Angeles aus dem Publikum zu Wort meldete. Eigentlich hatte das Kino Polly Platt eine Hommage ausgerichtet, doch der Überraschungsgast wollte sie kaum zu Wort kommen lassen.

Selbstlos engagierte er sich dagegen für die Regisseure, die er verehrte, insbesondere Orson Welles, der zeitweilig sogar in seinem Haus wohnte. Über Jahrzehnte kämpfte Bogdanovich für die postume Vollendung des letzten Welles-Projekts. Erst der Streamingkanal Netflix brachte schließlich „The Other Side of the Wind“ 2018 an die Öffentlichkeit. Bogdanovich spielte in diesem semiautobiografischen Porträt eines alternden Regisseurs das Nachwuchstalent Brooks Otterlake – eine unverkennbare Hommage an ihn selbst.

Peter Bogdanovich: Eine große Karriere

Zum Zeitpunkt der Vollendung konnte nun auch Bogdanovich auf eine Karriere zurückblicken, die an Wechselhaftigkeit den Vergleich mit der Welles’schen nicht zu scheuen brauchte, überschattet von zwei Privatinsolvenzen. Während er sich immer wieder mit Schauspielerrollen über Wasser hielt – so in 15 „Sopranos“-Folgen als Psychiater Dr. Kupferberg – gelangen ihm auch immer wieder sehenswerte Regiearbeiten. Auch wenn große Erfolge ausblieben, lohnen sie doch alle eine Begegnung. Besonders sympathisch ist „The Thing Called Love“ (1993), eine Hommage an die junge alternative Countryszene: Wieder förderte Bogdanovich junge Schauspieltalente von hohen Gnaden: River Phoenix, Samantha Mathis, Delmot Mulroney und Sandra Bullock. Auch sein verkannter Film „The Cat’s Meouw“ (2001) über einen Mordfall im Hollywood der 20er Jahre ist ein Vergnügen.

Man konnte das Kino nicht inniger lieben als Peter Bogdanovich. Sein Werk als Autor und Regisseur ist nicht weniger als ein Beweis dieser Liebe. Mit 82 Jahren starb Peter Bogdanovich am Donnerstag in seinem Haus in Los Angeles. (Daniel Kothenschulte)

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