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Nach Hanau

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Von: Uta Grossmann

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„Das Halbhalbe und das Ganzganze“: Ein Hörspiel von Safiye Can zum zweiten Jahrestag des Terroranschlags.

Er nennt sie Sophia. Sie nennt ihn Friedrich, weil beide, als sie sich zum ersten Mal trafen, ein Buch in der Hand hatten, dessen Autor Friedrich (Nietzsche) heißt. Friedrich (Sprecher: Murat Dikenci) sagt: „Ich bin halbhalb. Halb Deutscher und halb das andere Land, aus dem meine Vorfahren kommen.“ In seinem Zimmer hängt ein Bild des Pferdemenschen Cheiron. Sophia (Sprecherin: Kristin Alia Hunold) findet das wenig verwunderlich „bei Leuten, die sich halbehalbe fühlen“. Sie sagt von sich: „Ich bin ganzganz, ganz Deutschland und das andere Land, aus dem meine Vorfahren kommen.“ Ansonsten spielen Identitätsfragen keine Rolle in ihren Gesprächen. Jedenfalls nicht damals, als sie über Literatur reden, Gustav Mahler hören oder sich Textnachrichten schreiben, in denen das Wesentliche zwischen den Zeilen steht. Das alles war vor Hanau.

Hanau hat alles verändert. Safiye Cans Hörspiel „Das Halbhalbe und das Ganzganze“ zeigt, was der rassistische Terroranschlag vom 19. Februar 2020 mit jungen Menschen aus Einwandererfamilien gemacht hat. Auch wenn sie selbst keine Angehörigen oder Freunde verloren haben, fühlen sie sich getroffen und gemeint. Nach Hanau sind Leichtigkeit und Unbeschwertheit verloren. Nichts ist mehr sicher – das ist vielleicht das Schlimmste.

Friedrich hält die Einzeltäter-These für eine groteske Verharmlosung. Er dichtet: „nur ein Einzeltäter (…)/und noch ein aller/letzter Einzeltäter/nur einer noch“. Sophia sagt angesichts mangelhafter Aufklärung der Mordtat: „Ohnmacht ist ein großes, tiefes Wort.“

O-Töne Überlebender und Hinterbliebener aus dem im vergangenen Jahr unter anderem im Deutschlandfunk Kultur gesendeten Feature „Der letzte Tag“ von Sebastian Friedrich vergegenwärtigen das Entsetzliche, die Fassungslosigkeit, die bodenlose Trauer. Serpil Unvar hat sich nie Sorgen gemacht, wenn ihr Sohn Ferhat in Kesselstadt unterwegs war. Da ist er in Sicherheit, dachte sie. Bis der Terrorist genau dort Ferhat und weitere acht Menschen erschoss. Musik aus Hanau bildet den Soundtrack. Rapper wie Aksu („Wo wart ihr?“) oder Azzi Memo („Bist du wach?“) klagen Hass und Rassismus, das Versagen von Behörden und Polizei an. Das ist klug montiert, beklemmend.

„Das Halbhalbe und das Ganzganze“ basiert auf einer 2014 erschienen Kurzgeschichte von Safiye Can und ist ihr erstes Hörspiel. HR2 sendet es am 20. Februar aus Anlass des zweiten Jahrestags des Anschlags. Bekannt wurde Can mit Gedichten („Rose und Nachtigall“, „Poesie und Pandemie“), seit einigen Jahren veröffentlicht sie im Göttinger Wallstein-Verlag. Die in Offenbach geborene Autorin stammt selbst aus einer Einwandererfamilie – genau wie Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov, die aus rassistischen Motiven erschossen wurden. Ihnen ist das Hörspiel gewidmet, ihren Angehörigen und den Opfern rechtsextremistischer und rassistischer Gewalt in Deutschland nach 1945.

„Das Halbhalbe und das Ganzganze“ : hr2, So., 22 Uhr. Anschließend auf hr2.de und in der ARD-Audiothek.

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