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Großstadt-Detective Jay Swan (Aaron Pedersen) trifft auf Kleinstadt-Sheriff Emma James (Judy Davis)

„Mystery Road – Verschwunden im Outback“, arte

Der eingeborene Detektiv

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Diese sechsteilige Miniserie aus Australien führt die Geschichte einer faszinierenden Krimi-Hauptfigur weiter.

Die Produktionsgeschichte dieser Miniserie ist ebenso faszinierend wie die Krimi-Handlung selbst. Denn „Mystery Road“ war 2013 schonmal ein Kinofilm des indigenen Multitalents Ivan Sen, der den Film damals selbst geschrieben, inszeniert, geschnitten und sogar die Kamera und die Musik gemacht hat – genauso wie für das Sequel „Goldstone“ drei Jahre später. Diese Miniserie nun hat weiterhin Aaron Pedersen als Aborigine-Detektiv Jay Swan in der Hauptrolle und spielt zwischen den beiden Filmen – und Ivan Sen hat diesmal nur produziert. Dass er gleich vier Autoren seine Geschichte weiterschreiben ließ und seiner ebenfalls indigenen Kollegin Rachel Perkins den Regiestuhl überließ, führt zu faszinierenden Vergleichen.

Erstmal freut man sich über alles, was gleich geblieben ist: Aaron Pedersen spielt die Rolle des unbequemen, wortkargen Antihelden und Einzelgängers weiterhin brillant. Seine doppelte Identität als Polizist und Aborigine führt auch weiterhin zu angespannten „Mr. Tibbs“-Momenten bei weißen Kollegen und Farmern, und seine inzwischen etablierte Reputation als sturer Störenfried macht seinen ohnehin schon schwierigen Job eigentlich ganz unmöglich.

Ebenso konstant ist die Mitwirkung australischer Schauspieler von Weltrang. In den Filmen waren dies Hugo Weaving, David Wenham und Jackie Weaver, diesmal freut man sich über ein viel zu selten gewordenes Wiedersehen mit der großen Judy Davis, die in den 80ern und 90ern in den Filmen von Woody Allen, David Lean und den Coens glänzen durfte. Als sarkastische, knochentrockene Lokalpolizistin gibt sie einen spannenden Gegenpart zu Jay Swan – und eine freudige Abwechslung zu den korrupten Kleinstadtpolizisten, auf die er in seinen sonstigen Fällen gestoßen ist.

Der Fall ist ein anderer, aber ganz ehrlich: Die Krimi-Handlung war noch nie der Punkt, weswegen man sich „Mystery Road“ angeschaut hat, in welcher Inkarnation auch immer. Die Geschichte um die zwei verschwundenen Arbeiter auf einer Viehzucht-Station, die sich schnell als komplizierte Räuberpistole um Drogen und Identitäten herausstellt, ist nun weder sonderlich originell noch beleidigt sie den Zuschauer. Die Dramaturgie ist natürlich deutlich gemütlicher im Gegensatz zu den zweistündigen Filmen, in denen alles recht zügig auf Ivan Sens mitreißende Schießereien am Ende hinauslief. Diese sechsteilige Serie lässt es da etwas ruhiger angehen, dafür darf man eben noch mehr Zeit mit dem Protagonisten und einer ganzen Reihe faszinierender Figuren verbringen.

Ebenfalls geblieben ist die Landschaft und der Blick darauf. Rachel Perkins hat eine ebenso eingeborene, aber doch deutlich unterschiedliche Sichtweise auf die Landschaft, die hier im australischen Outback eine der heimlichen Hauptfiguren ist, als ihr Vorgänger Ivan Sen. Dieser hatte das Hinterland noch schmutzig und gemein gefilmt, ein sandiges Moloch, in dem „den Staub abkriegen“ synonym war für: „korrupt werden“. Bei Perkins ist die Landschaft ebenso bedrohlich, aber deutlich ästhetischer und pittoresker. Sie bietet damit als majestätischer Hintergrund einen ironischen Kontrast zu den kleinlich-grausamen Schicksalen der Menschheit, die sich davor abspielen.

Wer also etwas Abwechslung vom grauen deutschen Großstadtkrimi oder dem grünen deutschen Flachlandkrimi sucht, findet hier eine meisterlich produzierte, wundervoll anzuschauende und durchaus unterhaltsame Miniserie, die vor allem durch eigenwillige Figuren, grandiose Darsteller und eine starke Inszenierung besticht.

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