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Julia Roberts als Mutter Holly und Lucas Hedges als Sohn Ben.

Ben is Back

Die Mutter des verlorenen Sohns

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Eine grandiose Julia Roberts rettet Peter Hedges? formelhaftes Drogendrama "Ben is Back".

Siegfried Kracauer, der große Kritiker, schrieb 1931 über den Hollywoodfilm „Mata Hari“: „Da geht man ins Kino, um die Garbo zu sehen, doch in welchem Unsinn muss man sie ertragen?“ Wer jetzt für Julia Roberts ins Kino geht, mag am Ende das gleiche denken. Das Suchtkranken-Drama „Ben is Back“ ist so formelhaft erzählt, als hätte Hollywood in knapp neunzig Jahren nichts dazugelernt.

Und doch: Ebenso wie das Spionagedrama „Mata Hari“ gewiss in Vergessenheit geraten wäre, wenn nicht Greta Garbo sie gespielt hätte, wird auch „Ben is Back“ in Erinnerung bleiben: Als Dokument der besten Performance, die Roberts seit „Erin Brockovich“ gegeben hat. Und zumindest in der ersten Stunde glaubt man auch gern daran, dass der Film, den sie maßgeblich trägt, in eine gute Richtung läuft. Ebenso wie das Schicksal der Titelfigur Ben.

An einem verschneiten Heiligabend steht der Jugendliche vor der Tür seines Elternhauses, ausgebüxt aus der Entzugsklinik. Wie ein Einbrecher versucht er, sich Zutritt zu verschaffen, bis ihn seine heimkommende Mutter freudig in die Arme schließt. Allein die jüngere Schwester reagiert allarmiert: Man habe Ben in der Klinik besuchen wollen, eine Unterbrechung der Therapie komme nicht in Frage.

In wenigen Minuten gelingt es dem Regisseur und Autor Peter Hedges, uns ins Zentrum des Familiendramas zu führen, dem er die erste vollkommen untadelige Hälfte seines Films widmet. Erst der abrupte Wechsel ins Thriller-Genre mit abstruser Zuspitzung wird das Erreichte zu einem großen Teil verspielen.

Doch zunächst einmal ist man ganz bei seinen wunderbaren Darstellern. Neben Julia Roberts, der bedingungslos liebenden und doch alles andere als naiven Mutter Holly, sind das Lucas Hedges, der Sohn des Regisseurs, in der Titelrolle, und Kathryn Newton als Schwester Ivy. Diese verfolgt Bens unverhoffte Heimkehr mit größter Skepsis. Immerhin betrauert der kleine Ort den Drogentod eines gleichaltrigen Mädchens; Ben hatte sie zur Sucht verführt.

Tatsächlich hat der Junge große Schuldgefühle, die ihn in möglicherweise suizidaler Absicht nach den letzten versteckten Drogenvorräten suchen lassen. Ivy besteht darauf, Bens Stiefvater zu alarmieren. Dem Afroamerikaner Courtney B. Vance fällt in dieser Rolle der wohl klügste Satz des Drehbuchs zu, den er nüchtern und ohne jede Anklage fallen lässt: „Wäre Ben schwarz, säße er schon längst hinter Gittern.“ Im Amerika der Trump-Ära ist ein solcher Satz eine klare politische Aussage. Noch eine weitere kleine Szene birgt Sprengstoff – da erklärt eine Apothekerin ihre Weigerung, ein Mittel vorzuhalten, mit dem Drogenkranken geholfen werden kann.

Die erste Hälfte des Films ist derart stimmig gespielt, dass man weder die melodramatisch aufgeladene Verlegung in die Weihnachtszeit noch die Analogie zum Gleichnis des verlorenen Sohns als aufdringlich abtun möchte. Selbst der Besuch eines Vesper-Gottesdienstes mit einer engelhaften Gesangsdarbietung der Schwester balanciert noch am schmalen Grat zwischen dem Anrührenden und dem Rührseligen.

Zu viele „plot points“ aus dem Lehrbuch

Doch dann beginnt mit der Entführung des Familienhunds durch den lokalen Drogenboss eine unselige Verkettung aufgesetzter und zunehmend unglaubwürdiger Handlungselemente. Mutter und Sohn machen sich gemeinsam auf die Suche nach dem Vierbeiner, verlieren einander und begegnen jeder für sich den guten und den bösen Geistern einer schier endlosen Weihnacht.

Peter Hedges, der für sein Drehbuch zu „About a Boy“ immerhin eine Oscar-Nominierung vorweisen kann, bekommt nicht genug von diesen „plot points“, wie sie in schlechten Lehrbüchern empfohlen werden. Ohne dem Filmende hier vorzugreifen, lässt sich zumindest eines verraten: Dies ist die Sorte Melodram, in der gleich zweimal ein Hund seinem sterbenden Herrchen zur Rettung eilt. Es ist ein Jammer, denn Hedges hat ja eine ehrbare Mission. Die sozialpolitische Forderung dieses Films, Drogenabhängigkeit zu entkriminalisieren, verdient in den USA die größte Öffentlichkeit. Hedges scheut sich allerdings auch nicht, sie auf Kosten der Glaubwürdigkeit mit zusätzlichen Ausrufezeichen zu versehen.

In einer Szene rettet sich die auf der nächtlichen Odyssee von ihrem Sohn im Stich gelassene Mutter ausgerechnet ins Haus der trauernden Mutter des toten Mädchens. Statt Groll gegen sie zu hegen, überlässt diese ihr ein lebensrettendes Medikament für den Sohn. In diesen überdramatischen Szenen bewundert man Julia Roberts für die Ernsthaftigkeit ihrer so gefühlvollen Darstellung. Es ist tatsächlich so: Man kann sich hier niemand besseren vorstellen. Sie ist des Films einzige Rettung.

Auch der amerikanischen Kritik sind die vielen Probleme des Drehbuchs nicht entgangen, ansonsten könnte man sicher sein, dass wenigstens das Darstellerpaar für Mutter und Sohn reelle Chancen bei den Oscars hätte. Diese beiden allein heben das Drama aus den Dimensionen eines formelhaften Problemfilms. In einer gerechten Welt müsste man Schauspieler nicht nur in guten Filmen auszeichnen, sondern gerade in den schlechten, die durch sie vor Schlimmerem bewahrt werden.

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