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Gegner in der Zeitschlaufe: Christian Ehrich, Ulrich Tukur.

„Murot und das Murmeltier“

Kennste einen, weißte nix

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„Murot und das Murmeltier“, ein fabelhafter HR-Tatort mit Ulrich Tukur.

Wer die so genannten Experimentaltatorts nicht leiden kann, muss sich klar machen, dass es ohne Experimentaltatorts auch den HR-Beitrag „Murot und das Murmeltier“ nicht gäbe. Das wäre unglaublich bedauerlich, wo er nun da ist und jedermann ihn sich anschauen und staunen kann, was alles möglich ist. 

Bevor Dietrich Brüggemann – Buch, Regie, und von ihm ist ebenso die ebenfalls erwähnenswerte Musik, eingespielt vom HR-Sinfonieorchester, und von ihm war ebenso der geniale Stuttgart-Tatort „Stau“ – anfängt, Spielchen zu spielen, verzichtet er auf ein Versteckspiel. Auch die Nachgeborenen werden wissen oder müssen nicht lange herumsuchen um festzustellen, dass Harold Ramis’ Kinoklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ 1993 den Schauspieler Bill Murray in eine Wahnsinnszeitschlaufe schickte. Das scheint nun auch dem Wiesbadener LKA-Beamten Felix Murot zu passieren, und weil „Murot und das Murmeltier“ ein echter Krimi ist, passiert es ihm am Tag einer Geiselnahme in einer Bank. Sie ist in einer früheren Schlecker-Filiale in Neu-Isenburg-Gravenbruch eingerichtet, ein trauriges Detail, ein unwirklicher Ort. Während dem Publikum also klar ist, dass er die folgenden Szenen nicht zum letzten Mal erleben wird, erlebt Routinier Murot sie aus seiner Sicht vor allem nicht zum ersten Mal. „Kennste einen, kennste alle (Geiselnehmer).“ 

Während man sich also gleich mal die Radionachrichten merkt (Groteskes aus Österreich), die stolpernde Joggerin im Murotschen Hausflur, die Mutter mit dem nölenden Kind auf der Straße, den verschütteten Kaffee des zuvorkommenden Kollegen vor der Bank, will Murot – Ulrich Tukur hier in großartiger Bill-Murray-Anverwandlung – den altvertrauten Salat schnell hinter sich bringen. Er versteht es nicht, dass alles noch vor ihm liegt. Er weiß alles, er kann alles, er drückt auf die Tube, er geht rein, er wird erschossen. Das ist die Schlaufe. 

Murot, wieder daheim in seinem Bett, ist erst überrascht, dann existenziell erschüttert, dann amüsiert. Er drückt sich und fährt raus aufs Land und mietet bei Christoph Pütthoff ein Tretboot, denn „Murot und das Murmeltier“ zeigt nicht nur einen genialen Tukur, sondern auch zahllose schöne Nebenrollen. Einige häufiger, andere weniger häufig. Denn Murots Schlaufe ist nicht so statisch, wie sie sein könnte. Er ist ohnehin nicht statisch. Wenn es ihm zu lange dauert, springt er aus dem Fenster oder erschießt sich selbst. Wenn er sich ärgert, erschießt er jemand anderen. Wenn er in eine Wohnung muss, kauft er sich vorher eine Kettensäge. Wenn er dem Schurken die Pistole wegnimmt, kommt die Frau mit der Armbrust. Wenn er schneller ist als die Frau mit der Armbrust, hat der Mann ohne Pistole eine Handgranate. Wenn er sich verkrümeln will, hat er einen Autounfall. „Murot und das Murmeltier“ ist gelegentlich ein Splattermovie mit wenig Blut, aber es geht immer schnell, auch wenn es heftig wird. 

Murot, seinerseits ungeduldig, hurtig, sagt Sachen wie: „Die hab’ ich da drin nicht gesehen, ach so, ich war ja noch gar nicht drin.“ Tukur handelt das geschäftsmäßig ab, sein nächster Tod stellt ohnehin alles wieder auf Anfang, es ist ein grandioser Anblick und es hört sich grandios an, wenn er vorwärts will und alle anderen sind bloß im Hier und Jetzt und verstehen Bahnhof. Durch die Phase der Demoralisierung hindurch, zu der auch der klassische Torte-ins-Gesicht-Quatsch gehört, findet er zurück zu neuer beruflicher Energie. 

Die Schlaufe, die zum Wirrwarr werden kann, hat nämlich eine, na ja, kriminalistische Struktur. Jedenfalls ist eine zweite Figur in die Zeitschlaufe verschlungen, einer der Geiselnehmer. Anders als Tukur will der Geiselnehmer da nicht raus, Christian Ehrich spielt ihn als bleiches Mysterium. Er stellt sich vor, dass er die Zeit nutzen und alle Youtube-Videos der Welt anschauen könnte. Murot hat einen begrenzten Spielraum, aber ohne Möglichkeiten ist er nicht. 

Selbst wenn der Krimi womöglich noch ausgeklügelter sein könnte (das war in „Stau“ auch so), ist der Augenblick erhaben, als das Leben weitergeht. Und was es bedeutet, morgens Zeit für einen Espresso zu

haben.

Zur Sendung

Krimi: „Tatort: Murot und das Murmeltier“

TV-Sendetermin: Sonntag, 17.2., 20.15 Uhr, ARD

Netz: Das Erste

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