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Auf dem Podium in angespannter Atmosphäre: Til Schweiger.

Streit in der Filmbranche

Wir müssen reden

Nach einem offenen Brief machen Vertreter von Filmbranche und Filmkritik einen ersten Annäherungsversuch. Seit Langem ist das Verhältnis zwischen beiden belastet, vor allem die Entscheidungen beim Deutschen Filmpreis hatten für Unmut gesorgt.

Von Anke Westphal

Zum Schlamm-Catchen kam es dann doch nicht am Freitagabend im Kreuzberger Fluxbau. Aber die Atmosphäre war doch deutlich angespannt, als sich auf Einladung der Produzentenallianz und Deutschen Filmakademie Vertreter der deutschen Filmbranche und Filmkritik zum therapeutischen Gespräch trafen. Seit Langem ist das Verhältnis zwischen beiden belastet, und es ist nicht besser geworden, seit die Filmakademie beim jährlichen Deutschen Filmpreis öffentliche Gelder in Höhe von gut drei Millionen Euro an die Branche, also auch die eigenen Mitglieder vergeben darf.

Dies und die in einem – demokratischen Auswahlverfahren getroffenen – hochdotierten Preisentscheidungen unterlagen in den vergangenen Jahren leidenschaftlicher Kritik seitens der Medien: Das Konsenskino werde dabei bevorzugt, hieß es, künstlerische Extreme blieben ebenso wie Kassenerfolge außen vor. Nun wurde am Freitag also dem Wunsch nach mehr Dialog zwischen den Lagern stattgegeben. Es war ein interessanter Abend: Fast drei Stunden lang redete man sich die Köpfe heiß.

Vor allem darüber, warum die Filmkritik so ist, wie sie ist. Warum sie den deutschen Film nicht viel doller lieb hat. Das wäre doch eine schöne Aufgabe! Fand die Filmbranche, die auf dem Podium durch Til Schweiger, Manuela Stehr (X-Verleih, Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V.), den Regisseur Marc Rothemund (u. a. „Mann tut was Mann kann“) und den Produzenten Sven Burgemeister (u. a. „Sophie Scholl“, „Die Wanderhure“) vertreten war. Auch wenn diese vier es wörtlich nicht so formulierten, wurde doch eine wohl allgemein herrschende Erwartung offensichtlich, von der Filmkritik vor allem freundliche Unterstützung für die Filmbranche zu erhalten, letztlich also doch parteiische Verbraucherberatung.

Die Auseinandersetzung war lange fällig

Die Kritik war durch Andreas Kilb (FAZ), Cristina Nord (taz) und Peter Körte (FAS) repräsentiert und sieht ihre Aufgabe wiederum in einer ästhetischen Beurteilung von Filmen und in deren Vermittlung an den Leser. Das Gefälle in den Erwartungen artikulierte sich teils hochemotional: Hier forsche Schnodderigkeit (Rothemund, Schweiger), da der Versuch, dem Gekränktsein reflektiert (Nord, Kilb) und sogar cool (Körte) zu begegnen. Die einen (Branche) fühlen sich also ungeliebt, die anderen (Kritik) unverstanden.

Eine solche Auseinandersetzung war lange fällig. Beschleunigt wurde sie am vergangenen Donnerstag durch einen offenen Brief von 20 Kritikern an die Filmakademie, den auch die Autorin dieser Zeilen unterzeichnet hat. Kurz vor Beginn der Debatte im Fluxbau wurde die im Brief formulierte Kritik und Bitte, die Modalitäten für die Wahl zum Deutschen Filmpreis gründlich zu überdenken, per E-Mail sowohl von der Deutschen Filmakademie als auch der Produzentenallianz zurückgewiesen.

Er sei mit dem deutschen Film nun seit 25 Jahren zusammen, sagte Andreas Kilb, aber derzeit würde er an Scheidung denken. Unterhaltsam auch die robusten Beiträge von Til Schweiger, der nicht müde wurde zu betonen, dass er sich keineswegs beleidigt fühle von den Feuilletons – denen er seine Filme übrigens seit Jahren nicht vorab zeigt! Ami-Filme würden von der deutschen Presse viel besser behandelt als deutsche, die „gern in die Fresse kriegten“ bei gleichem Genre, so Schweiger. Gut, dass diese Diskussion nicht in einem Boxring ausgetragen wurde.

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