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Kathrin Angerer als mysteriöse Unbekannte in „Spieglein, Spieglein“.

„Tatort: Spieglein, Spieglein“, ARD

Rache ist kompliziert

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Der Münster-Tatort „Spieglein, Spieglein“ mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers parodiert ganz entspannt grausige Thriller.

Wer die vergangenen Sonntagabende zwischen Begeisterung und mulmigen Gefühlen, aber jedenfalls recht aufgewühlt verlebt hat, kann sich diesmal entspannen. Der WDR-Tatort „Spieglein, Spieglein“ aus Münster schmerzt und überfordert nicht. Eher parodiert er grausige Thriller, in denen Psychopathen so kompliziert denken und morden, dass man vor lauter Huchs und Hähs keine Angst mehr hat.

Diesmal werden Menschen umgebracht, die den Mitgliedern des Tatort-Teams unheimlich ähnlich sehen: Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) liegt tot auf dem Bordstein, aber dann ist sie es eben nicht, aber alle erschrecken sich natürlich furchtbar. Benjamin Hessler (Buch) und Matthias Tiefenbacher (Regie) zeigen das zunächst geruhsam und verheißungsvoll, Ermittler Thiel, Axel Prahl, ist in der Szene schlecht in Form und darum besonders empfindsam, nicht zuletzt, weil seine Schuhe weg sind und er inadäquat gekleidet am Tatort erscheinen muss. Man hält das zu diesem Zeitpunkt für einen typischen Münster-Tatort-Witz, und so ist es dann auch. Zwischendurch aber sind die verschwundenen Schuhe Teil eines perfiden Plans.

Die Person, die an allem schuld ist, ist schurkisch, aber nicht die hellste, obwohl man es ihr nicht ansieht und sie sich auch absolut wohl und sicher fühlt (wir würden so weit gehen zu sagen: So doof kann keiner sein). Ihr Plan ist für eine Weile nicht zu durchschauen und dann im Grunde genommen immer noch nicht. An dieser Stelle zeigt sich die problematische Seite des Unterfangens: Entweder ist es spannend, geschmackvoll und rasant unkölnerisch, nicht sämtliche Fragen en detail aufzuklären (vor allem die Frage: Wie um alles in der Welt konnte das alles praktisch funktionieren?) oder es ist schiere Drückebergerei.

Zwischendurch und nicht nur zwischendurch bleibt Zeit für Tändeleien. Vater Thiel, Claus D. Clausnitzer, gönnt sich einen illegalen Zug und klimpert auf der Ukulele dazu. Frau Haller, ChrisTine Urspruch, schießt scharf gegen Professor Boerne, Jan Josef Liefers. Frau Klemm darf so lange nicht im Innenraum rauchen, bis sie es doch darf. Unter einem irren Druck legen alle eine Nachtschicht ein, um Akten zu wälzen, bevor sie am Morgen mit den Errungenschaften einer digitalen Volltextsuche bekannt gemacht werden. 

Nadeshda Krusenstern hat Urlaub, aber auch einen wackeren Ersatz – Börn Meyer spielt ihn freundlich und als wäre er schon immer dagewesen –, der einen Kaffee kocht, von dem unsereiner offenbar nur träumen kann. Händisch nachgewürzt und tassenweise handgefiltert im umgekrempelten Filter, da schau her. Man hat ausreichend Zeit, nach dem Porzellanfilter der in diesen Fragen ebenfalls sehr eigensinnigen Großmutter zu suchen und ihn zu finden, bis man sich wieder etwas mehr konzentrieren muss. Boerne führt jetzt nämlich den Begriff „Herostratin“ ein, Klemm guckt leer, aber an dieser Stelle wird alles erklärt. Außerdem liegt Boerne falsch.

Die Polizei fühlt sich zu Recht gehetzt, aber es ist eine unsinnige Art des Gehetztseins (die Regeln eines Geistesgestörten, man darf sie halt nicht groß hinterfragen). Der Versuch, Menschen in Münster ausfindig zu machen, die den Ermittlern aufs Haar gleichen, gestaltet sich dafür bizarr erfolgreich. Einige Möglichkeiten für Späße werden dabei genutzt – die Erstellung von Phantombildern für Thiel und Boerne –, andere nicht – denn solche Phantombilder könnten ja verheerende Folgen haben.

Gelungen ist, dass „Spieglein, Spieglein“ sich wirklich nicht wichtig macht. Bisschen dumm rumlachen, Erdnüsse essen, den Filter suchen, ein behaglicher Abend. Auch läuft es darauf hinaus, dass irgendwann Thiels und Boernes Doppelgänger, genießerisch gespielt von Prahl und Liefers, auftauchen. Das ist sehenswert gestaltet und in der Durchführung gar nicht so vorhersehbar.

„Tatort: Spieglein, Spieglein“, ARD, So., 20.15 Uhr

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