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München-Tatort „Mord unter Misteln“: Der Butler ist tot, schöne Bescherung

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Von: Sylvia Staude

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„Mord unter Misteln“: Man erkennt sie gar nicht wieder. Bis man sie natürlich doch erkennt. Foto: Hendrik Heiden/BR/Bavaria Fiction GmbH
„Mord unter Misteln“: Man erkennt sie gar nicht wieder. Bis man sie natürlich doch erkennt. Foto: Hendrik Heiden/BR/Bavaria Fiction GmbH © BR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik Heiden

„Mord unter Misteln“: Der München-Tatort spielt englischen Herrenhaus-Krimi.

Wie sehen die denn aus? Ivo Batic in alter Bobby-Uniform, Franz Leitmayr mit Tweedjackett und Pfeife. Beide tragen ein Oberlippenbärtchen und Koteletten. Haben die Kommissare es in der Weihnachtsfolge mit einem Verbrecher à la Bond-Schurke zu tun, der sie, superfies wie er ist, kurzerhand in die Vergangenheit gebeamt hat? Aus einem noch unbekannten Grund, der sich im Laufe der Ermittlungen herausstellen wird?

Aber nein, Kalli Hammermann und das Drehbuch von Robert Löhr sind schuld. Assistent Kalli hat die zwei Kollegen eingeladen, ihnen verschwiegen, dass es um ein Krimi-Dinner geht. Wären sie gekommen, wenn sie gewusst hätten, dass sie in einem Spiel – Motto: „jeder könnte der Mörder sein“ – Constable Ivor Partrige und Chief Inspector Francis Lightmyer sein sollen? Selbstverständlich nicht.

Das Dinner- und das richtige Drehbuch hat den Titel „Mord unter Misteln“, auch wenn man sich unter denen ja eigentlich küssen soll. Im richtigen Drehbuch geht es alsbald munter hin und her zwischen Kallis Wohnung und einem englischen Herrenhaus im Jahr 1922, in dem Sunnyi Melles – „Simone“ bei Kalli – als Lady Mona Bantam regiert und ebenfalls Gäste eingeladen hat.

Da liegt auch schon der Butler tot neben dem Christbaum, schöne Bescherung. Die Polizei wird gerufen. Kurze Diskussion zwischen den Kommissaren: warum darf Franz Chief Inspector sein und Ivo nur Constable? Die Auflösung liegt wohl in der Gegenwart: Batic hat sich erkundigt, wie das mit dem Ruhestand ist, Leitmayr ist stocksauer, dass der Kollege vorher nicht mit ihm gesprochen hat. Nach 30 Jahren! Wobei das noch abgerundet ist, denn Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec sind seit 1991 das Münchner Ermittlerteam. Da erschrickt auch die Tatort-Guckerin: hat der BR womöglich üble Pläne, Stichwort Altersdiskriminierung?

Aber jetzt für die zwei älteren Herren und alle Zuschauerinnen und Zuschauer erstmal ein gemütlicher, augenzwinkernder „britischer“ Krimi, Regie führte ganz unverkrampft Jobst Christian Oetzmann. „Hier sieht’s ja aus wie bei Rosamunde Pilcher“, findet Batic. Lady Bantam wiederum möchte erstmal wissen: „Haben Sie gedient, Officers?“ Sie hat zu Weihnachten wie üblich ihren Sohn Charlie zu Gast, alias Kalli, alias Ferdinand Hofer. Ein schnöseliger Jungadliger. Dazu dessen Ex-Freundin Kitty, Katharina Schlothauer, die eine große Sängerinnen-Karriere vor sich hatte, ehe sie in der Grippe-Pandemie „Florence Nightingale spielte“ – Dr. Mallard, Alexander Hörbe, hatte sie gewarnt. Mallard trinkt sich durch den Abend, ist da wenigstens offen und außerdem Kommunist. Reverend Teal, Joshua Jaco Seelenbinder, hat dafür eine Schwäche für Heather, Marie Rathscheck, das hübsche Dienstmädchen. Und Moment, Teal wird gesprochen wie Thiel.

Das Verdächtigenfeld ist einerseits nicht sehr groß, andererseits konnte niemand, wirklich niemand den Butler ausstehen. Genau so muss das in einem ordentlichen Landhaus-Krimi nach Agatha-Christie-Manier sein. Zimmer sind verschlossen – oder eben in Wahrheit nicht. Opfer werden mit Mistelbeeren vergiftet – oder eher nicht, weil man dafür zu viele bräuchte. Eine Katze spielt mit und eine Lady mit Haaren auf den Zähnen, die ihre alten Katzen einschläfert und sie dann präpariert. Es gibt heimliche Affären und un-heimliche Diebe. Scherze auf Kosten der Engländer. Und Scherze auf Kosten der „Krauts“.

Keineswegs weicht man Klischees aus, aber das ist zu so einem Anlass auch richtig so. „Mord unter Misteln“ ist wie eine Nachspeise, die nicht so üppig ist, dass sie im Magen liegt. Ideal also für den zweiten Weihnachtsfeiertag.

„Tatort: Mord unter Misteln“, ARD, Mo., 20.15 Uhr.

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