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ie Kommissare Angelika Flierl (Bernadette Heerwagen, M.), Harald Neuhauser (Marcus Mittermeier, r.) und Ludwig Schaller (Alexander Held, l.) versuchen, wichtige Hinweise zu dem Mord herauszufinden.

TV-Kritik

„München Mord: Leben und Sterben in Schwabing“ (ZDF): Die Außenseiterbande

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Krimifiguren aus der Feder von Friedrich Ani und Ina Jung klären einen Mord und träumen von einem besseren Schwabing.

Angelika Flierl (Bernadette Heerwagen) singt zur Ukulele eine Akustikversion von David Bowies „Heroes“. Von „Helden für einen Tag“ ist dort die Rede. Ein stimmungsvoller Auftakt. Alsbald treten immer mehr Figuren in die Geschichte ein, die mal Helden waren, es gern noch wären oder werden möchten.

„Leben und Sterben in Schwabing“ ist der achte Fall der Münchner Außenseiterbande. Die Drehbuchautoren Friedrich Ani und Ina Jung, die zum dritten Mal zur ursprünglich von Alexander Adolph und Eva Wehrum erdachten Reihe beisteuern, erwähnen gar nicht mehr groß, warum der Kriminaloberrat Zangel (Christoph Süß) immer so allergisch auf diese drei Eigenbrötler reagiert. Ursprünglich hatte man seinen Vorgänger Ludwig Schaller (Alexander Held), Harald Neuhauser (Marcus Mittermaier) und eben Angelika Flierl sanft aus dem aktiven Dienst entfernt und auf ein Abstellgleis geschoben. 

Schaller leidet unter Wahnvorstellungen, Neuhauser wurde öfter mal verhaltensauffällig, Flierl kam frisch aus der Ausbildung und musste wegen ihrer Verwandtschaft zum Polizeipräsidenten irgendwo untergebracht werden. Also parkte der schlitzohrige Zangel das in seinen Augen unnütze Trio in einer eigens gegründeten Sonderabteilung, die nichts anderes zu tun hatte, als Opferangehörige über den Stand der Ermittlungen zu informieren.

Ende eines Spekulanten

„München Mord: Leben und Sterben in Schwabing“, Samstag, 18.5.2019, 20.15 Uhr, ZDF

Seither sind fünf Jahre ins Land gegangen. Flierl ist zu einer recht tauglichen Polizistin und Neuhauser besonnener geworden. Spürbar knistert es ein wenig zwischen den beiden. Nur Schaller ist immer noch schwer bescheuert, aber auf eine sympathische Weise. Unbeeindruckt bietet er dem nach guter Presse und dem Wohlwollen der Münchner Notabeln gierenden Karrieristen Zangel die Stirn, schnappt sich schon mal einfach einen aktuellen Fall, obwohl er im Grunde nicht zuständig ist. Aber die junge Frau mit dem Hund hatte nun einmal direkt ihn angerufen, nachdem sie beim Gassigehen in Schwabing einen stadtbekannten Immobilienhai an einen Laternenmast gebunden vorfand. Schaller hat einige Jahre in Schwabing gewohnt, war mit dem Vater der Hundehalterin befreundet und kennt viele der Originale, die in dem einstigen Bohemeviertel ihre Runden drehen. Schwabing, das war einmal, wie Neuhauser verklärend aus dem Off erläutert, „… weltbekannt wegen seiner Partys, wegen der Menschen und wegen seiner Lässigkeit. Die Männer trinkfest und die Frauen immer auf der Suche nach dem Abenteuer. Und heute? Mei ‒ Schwabing kämpft gegen das Altern und gegen das Vergessenwerden.“

Den Bewohnern machen Menschen wie der zwangsweise ins Jenseits umgesiedelte Investor Armin Riester – „wie die Rente“ – inzwischen das Leben schwer, vertreiben sie aus ihren Wohnungen, aus ihren Läden, schließen die traditionellen Kneipen. Hie eröffnet ein „Kindercafé“, und dort, wo Angelika Flierl eben noch Gelegenheit fand, ihre musikalischen Passionen auszuleben, wird wohl bald „irgendwas mit Tofu“ entstehen, wie Schaller gallig kommentiert.

Choreografierte Spurensuche

Auf der Suche nach dem Mörder – oder waren es mehrere? – treiben die Ermittler und vor allem der ortskundige Schaller durch das heutige Schwabing und es bereitet Vergnügen, sie dabei zu begleiten. Der Film wurde mit Gespür für authentisches Kolorit angerichtet, zugleich mit ausgeprägtem Augenmerk fürs Detail. Da wird beispielsweise der Gitarrenkoffer der lokalen Rock-Größe Türkenrudi (Michael Fitz) nur noch von mehreren Lagen Gaffatape zusammengehalten, in seinem Stammlokal entdecken aufmerksame Zuschauer ein Foto von Laurie Anderson.

Regisseur Sascha Bigler beherrscht die zu dieser Stimmung passende leise szenische Komik. Einmal müssen die Ermittler an einem möglichen Tatort ganz still stehen, weil keiner von ihnen Schutzkleidung eingesteckt hat und sie sich deshalb bis zum Eintreffen der Spurensicherung nicht rühren dürfen. Ein andermal beugen sich Schaller und Mittermaier bildschön choreografiert synchron zu einem Mordopfer hinunter. Immer werden diese Momente aus dem Geschehen heraus entwickelt, wirken nie aufgepfropft, das gilt auch für die geschliffenen Dialoge. 

Dieser Reihenbeitrag hält Entdeckungen bereit, die nur von größeren Bildschirmen preisgegeben werden. Bei allem Amüsement entwerfen die Autoren ein triftiges, über die melancholische Schwabinger Milieustudie hinausweisendes Zeitbild und lassen beiläufig auch ein paar moralische Fragen anklingen. Sie legen damit auch Zeugnis aber darüber, was das bei manchen Kritikern verfemte Subgenre des Regionalkrimis bestenfalls zu leisten versteht.

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