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Mr. Long (Chen Chang), ein taiwanesischer Auftragskiller, strandet nach einem gescheiterten Job in Japan.

Mr. Long“, arte

TV-Kritik zu „Mr. Long“: In Japan sterben die Menschen schnell und beiläufig

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Der japanische Meisterregisseur Sabu knüpft mit diesem zärtlich-brutalen Film über einen Killer und einen kleinen Jungen an die größten Erfolge seiner Generation an. 

In den späten 90er Jahren mischte eine neue Generation asiatischer Filmemacher die westlichen Filmfestivals auf: Takeshi Kitano, Takashi Miike oder Johnny To kamen allesamt aus dem brutalen und hektischen Gangster- und Yakuza-Genre, drehten aber plötzlich meditative, bildgewaltige und romantische Dramen – ohne auf die asiatische Gewalt zu verzichten.

Einer von ihnen war Hiroyuki Tanaka, der unter dem Künstlernamen Sabu eigentlich schnelle, chaotische und nicht selten alberne Plots inszenierte – bis er im Jahr 2000 mit nachdenklichen, kuriosen und einzigartig verschrobenen Genre-Hybriden wie „Blessing Bell“ oder „Monday“ für Aufsehen sorgte.

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Um viele aus dieser Gruppe ist es in den letzten Jahren etwas ruhiger geworden: Kitano und To sind mit ihren Alterswerken im Westen etwas aus der Mode gekommen, während Miike mit seinen inzwischen mehr als 100 Regie-Arbeiten immer noch ein Geheimtipp auf den Fantasy-Festivals und bei Mitternachts-Screenings geblieben ist. Sabu dagegen ist weiterhin ein Stammgast auf der Berlinale, wo auch „Mr. Long“ 2017 im Wettbewerb lief.

„Mr. Long“ verwebt die größte Zärtlichkeit mit der rabiatesten Gewalt 

Das wundert nicht, wenn man den Film sieht. Genau wie die großen Werke dieser Filmemacher aus dieser Zeit, genau wie Kitanos „Hana-Bi“ oder Miikes „Audition“ oder Tos „Sparrow“, folgt Sabus „Mr. Long“ der effektivsten Formel und verwebt die größte Zärtlichkeit mit der rabiatesten Gewalt. Asiatische Filmgewalt wirkt nicht wegen ihrer Brutalität so abschreckend und zugleich faszinierend auf das westliche Publikum, sondern wegen ihrer Beiläufigkeit – und wegen ihres ungewöhnlichen Kontexts. 

„Mr. Long“, Montag, 12. August 2019, 21.50 Uhr, arte, Video (verfügbar bis 10.9.2019)

In Hollywood sieht man viel grausigere Gewalt-Exzesse – aber sie sind verfremdet und ästhetisiert, es ist ein Zeitlupenballet aus Kugeln und Körpern, mit dramatischer, pulsierender Musik. Westliche Gewalt ist zudem eingebettet in ein eigenes Action-Genre aus Pathos und Sensationalismus: Diese Welt hier ist voller Gewalt! Schaut nur, wie schlimm! Schaut nur wie schön! Hollywood-Filmgewalt findet nicht in romantischen Komödien oder Familiendramen statt. Im asiatischen Kino dagegen sterben Menschen beiläufig und schnell – und in Filmen voller Zärtlichkeit und Komik. Die Welt wirkt dadurch zerbrechlich, Gewalt kann jederzeit und in jedem Kontext vorkommen, und keine Zeitlupe und kein Streichereinsatz wird sie relativieren.

„Mr. Long“: ein stilles, unscheinbares Meisterwerk

So auch in diesem stillen, unscheinbaren Meisterwerk. Der titelgebende Mr. Long ist ein taiwanesischer Auftragskiller, der schnell, leise und blutig sein grausiges Werk mit einem Messer erledigt. Doch der Job, einen Yakuza-Boss in Tokio umzubringen, endet in der Katastrophe. Der verletzt fliehende Mörder rettet sich in einen heruntergekommenen Vorort, wo er von einem kleinen Jungen versorgt und aufgepäppelt wird. Und so lebt sich der schweigsame, fremde Antiheld ungewollt in eine kleine Gemeinschaft hinein: Er trifft die Mutter des Jungen, die drogenabhängig ist und die er mit eher rabiaten Methoden auf Entzug setzt. 

Er trifft die ärmlichen Nachbarn, die er mit seinen schweigsamen Kochkünsten zu einer Gemeinschaft vereint und denen er neue Hoffnung gibt. Vor allem aber nimmt er sich des verwahrlosten Jungen an, der spürbar nach einer Vaterfigur sucht und dessen unbeholfene Zärtlichkeit ganz neue Seiten in ihm weckt. Bis seine Verfolger ihn schließlich auch hier einholen – und bis in eine Welt der liebevollen Harmonie erneut diese kalte, alltägliche, reale Gewalt einbricht. 

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Die Geschichte mag etwas archetypisch sein, aber Sabus Gespür für intime Bilder und ein hervorragender Cast machen dies zu einem sehr empfehlenswerten Film. Aber das wirkliche Alleinstellungsmerkmal, das qualitative Sahnehäubchen, ist die Musik von Junichi Matsumoto. Dieser noch junge Komponist hat bisher nur zwei Filmcredits: die bewegende Klaviermusik für Kor-Edas Cannes-prämiertes Familiendrama „Vater und Sohn“ und die mittelalterlich angehauchte Pathosmusik der grandiosen Anime-Serie „The Ancient Magus‘ Bride“.

„Mr. Long“: unendlicher Reichtum an Ideen und originellen Umsetzungen

Für „Mr. Long“ schafft Matsumoto nun faszinierende Tonteppiche, irgendwo zwischen den dissonanten Klanglandschaften eines Johnny Greenwood („There Will Be Blood“) und den tickenden, klickenden Geräuschkulissen eines Carter Burwell („No Country For Old Men“). In einem sehr wortkargen Film ist es die Art Soundtrack, die nicht bescheiden im Hintergrund bleibt und mit dem Film verschmilzt, sondern die gegen den Film ankämpft, sich mutig in den Vordergrund drängt und verkündet: „Hör zu, hier gibt es noch etwas Anderes.“

Eine einzelne Free-Jazz-Trompete mäandert über eine dramatische Verfolgungsjagd. Ein tollpatschiges Cello spielt eine holprige Tonleiter während eines liebevoll-chaotischen Familienessens. Ein leises Piano kommentiert eine berührende Liebesszene. Nicht nur für Freunde der Filmmusik sind diese zwei Stunden ein unendlicher Reichtum an faszinierenden Ideen und originellen Umsetzungen.

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