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Wie der Mossad es einst mit Eichmann machte

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Die beiden uruguayischen Nazi-Jäger, geduldig.
Die beiden uruguayischen Nazi-Jäger, geduldig. © Neue Visionen Filmverleih

Ein 76-Jähriger will in Uruguay einen alten Nazi jagen: „Señor Kaplan“, ein kleines Film-Meisterwerk von Álvaro Brechner, hat es ausnahmsweise in die hiesigen Kinos geschafft.

Von Anke Westphal

Jacob wurde einmal Yankele gerufen. Das war in Polen, als er noch Mutter und Vater hatte. Doch die schickten den Jungen zu Beginn der 40er Jahre weg nach Montevideo, denn das Kind sollte die beginnenden Deportationen der Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager überleben. So wurde aus dem Polen Yankele der Uruguayer Jacob.

An seinem 76. Geburtstag holt ihn die Vergangenheit ein mit aller Macht – und zwar in Form einer Frage: Was habe ich Nützliches getan? Señor Kaplans Antwort darauf ist vielleicht ein wenig zu selbstkritisch: Nichts. So kann es für ihn nicht weitergehen. Und da Uruguay nicht nur jüdische Flüchtlinge, sondern nach 1945 auch flüchtige Nazis aufnahm, liegt Jacobs Lebensabschlussaufgabe auf der Hand.

„Señor Kaplan“ ist der Titel eines schönen Films des 1976 in Montevideo geborenen Regisseurs Álvaro Brechner, der wiederum den preisgekrönten Roman „Kaplans Psalm“ des kolumbianischen Autors Marco Schwartz fürs Kino adaptiert hat. Aber auch Brechners Familiengeschichte spielte eine Rolle: Großvater Jaime Brechner wurde 1912 in Polen geboren; 1938 flüchtete er nach Südamerika und musste seine Familie zurücklassen. Fast ein Jahrhundert später besuchte Álvaro Brechner den Heimatort seines Großvaters: Sosnowiec, unweit von Krakau.

Der Helfer kann schießen

Der Untertitel des Films „Ein Rentner räumt auf“ suggeriert Handfestigkeit, für die der Hauptprotagonist indes zu gebrechlich ist. Doch nicht nur deswegen haben ihm Roman und Drehbuch einen Gefährten zur Seite gestellt: Der chronisch abgebrannte Ex-Polizist Wilson Contreras (Néstor Guzzini) ist nicht nur kräftig gebaut – er weiß auch mit einer Feuerwaffe umzugehen. Nützliche Eigenschaften bei der Jagd nach dem vermeintlichen Nazi, der sich gewiss unter falscher Identität in Uruguays Sonne aalt.

Was für Menschen, was für Geschichten, was für Orte! Nur alle paar Jahre erreicht ein Film aus Uruguay die deutschen Kinos, und es sei hier geraten, diesen dann nicht zu verpassen. Gewiss ist „Señor Kaplan“ kein Höhepunkt irgendeines experimentellen Kinos, aber als Dramödie, die bewegt, ohne sentimental aufzutrumpfen, ist dieser Film ein kleines Meisterwerk. Und außerdem voller Sarkasmen. Das beginnt schon beim lässigen Titel-Schlager „SS in Uruguay“, der in der Interpretation von Serge Gainsbourg zu einiger Bekanntheit gelangte. Grauenhaft lustig!

Ein greiser Anti-Held

Natürlich ist Jacobs Plan, den per Verdacht zum Kriegsverbrecher erklärten Deutschen (Rolf Becker) nach Art der legendären Entführung Adolf Eichmanns durch den Mossad zu kidnappen, zum Scheitern verurteilt. Doch Thrill und Action bilden ja keineswegs das Herzstücks dieses Films, der seinem greisen Anti-Helden vielmehr dabei zusieht, wie der wieder in der Realität Fuß fassen muss – der Realität des eigenes physischen Verfalls, aber auch der einer biografischen Durchschnittlichkeit. Letztere will erst einmal akzeptiert werden. Und nicht jeder Deutsche in Uruguay war einmal ein Nazi.

„Señor Kaplan“ erzählt von offenen Rechnungen mit der Geschichte und von ungeraden Bilanzen im Alter. Der Film bietet auch ein Porträt von Uruguay selbst: Er erzählt nebenbei von Korruption und Arbeitslosigkeit. Die Hauptfigur bleibt dabei stets sozial aufgehoben – etwa in einem Kreis von Nebenfiguren, die Wilson in punkto Einzigartigkeit allesamt das Wasser reichen können. Jacobs Enkelin Lottie entzückt den Zuschauer durch ihren unnachahmlich gelangweilten Gesichtsausdruck – dabei ist sie eine Seele von Mensch. Und Jacobs Frau Rebecca möchte man nur zu gern stützen im Tohuwabohu mit diesem Gatten: Ist er doch eine wahrlich explosive Synthese aus Fatalist und Don Quichote – und gespielt wird er von Héctor Noguera, einem der bedeutendsten Schauspieler Lateinamerikas.

Señor Kaplan. Uruguay/Spanien/Dtl. 2014. Regie: Álvaro Brechner.

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