Reisebericht aus Tibet

Mosaiksteine am Wegesrand

Der Dokumentarfilm "Die roten Drachen und das Dach der Welt" sammelt per einfacher Digitalkamera Mosaiksteine.

Von xxmk

Nachdem die Geschichte Tibets unter der chinesischen Okkupation lange nur in Fachkreisen diskutiert wurde, steht das Thema mittlerweile weltweit auf der Tagesordnung. Nicht selten gehen dabei Menschenrechtsfragen und Legendenbildung Hand in Hand: Zum einen, weil die Abschottungspolitik der chinesischen Behörden der Spekulation neue Nahrung gibt, zum anderen, weil die Sehnsüchte der Zivilisationsmüden schon immer gerne ins tibetische Hochland führten. Aus dem Blickwinkel mancher Esoteriker setzt die chinesische Spielart des Raubtier-Kapitalismus nur die Verwüstungen der Kulturrevolution unter anderem Namen fort.

Ein Land auf Augenhöhe

In Zeiten politischer Zensur kommt einem Reisebericht, wie ihn Marco Keller und Ronny Pfreundschuh mit "Die roten Drachen und das Dach der Welt" heimgebracht haben, besondere Bedeutung zu. Natürlich konnten sich auch die mit touristischen Visa nach Tibet gereisten Filmemacher nicht frei bewegen, und was sie mit ihrer einfachen Digitalkamera an Mosaiksteinen aufsammeln, ist allein der Zufälligkeit ihrer Reiseroute geschuldet. Dennoch sind sie der tibetischen Wirklichkeit näher als die etablierten Medien: Man sieht die Attraktionen des Landes auf Augenhöhe, taucht in die ebenso karge wie schöne Landschaft ein und wohnt bedrückenden Straßenszenen bei.

Sowohl in den spärlichen Erläuterungen wie auch in den Bildern machen die Filmemacher keinen Hehl aus ihrer Zuneigung zur alten tibetischen Kultur und beziehen in diesem Sinne politisch Position. Unbestreitbar stellt die Modernisierung eines rückständigen Gebiets einen gewalttätigen Eingriff dar - gerade in den Städten wirken die Tibeter wie Randfiguren einer radikal veränderten Umgebung.

Wie in Nordamerika

In einem Interview abseits der Wanderroute nennt ein Vertreter der tibetischen Exilregierung die chinesische Zugverbindung nach Lhasa in einem Atemzug mit der Besiedlung Nordamerikas. Dieser Vergleich fasst die Bedrohung der traditionellen tibetischen Lebensweise treffend zusammen und bringt zugleich eine mythologische Komponente ins Spiel, die je nach Standpunkt einen grausamen Völkermord oder eine bedeutende Zivilisationsleistung zum Inhalt hat. Zwischen diesen Polen bewegt sich auch die gegenwärtige Kontroverse zur Tibet-Frage. Keller und Pfreundschuh versuchen zumindest, die Entfernung zwischen ihnen auszumessen.

Die roten Drachen und das Dach der Welt, Regie: Marco Keller;

Ronny Pfreundschuh, Deutschland 2007, 80 Minuten.

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