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David Caruso als unbestechlicher Horatio Caine.

Fernsehkrimis

Mord und Totschlag Tag für Tag

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Die Krimi-Serien im Fernsehen. Ein Zwischenruf.

Hier gesteht einer ohne Reue, dass „CIS Miami“ durch David Caruso als Horatio Caine, den unbestechlichen Chef-Ermittler eines ungewöhnlich sympathischen Teams junger Frauen und Männer, und der abenteuerlich schnellen Schnitte wegen die amerikanische Fernseh-Serie gewesen ist, die ihn angeregt hat dazu, eine Zeitlang auch Filme des gleichen Krimi-Genres sich zuzumuten, die als deutsche Produktionen von den öffentlich- rechtlichen wie den privaten Sendern zumal (aber keineswegs nur) in den Vorabend-Programmen angeboten werden. Es ist eine Übung auf den Tod zu.

Es gibt nämlich nahezu keinen einzigen der täglich über fast alle Kanäle und zu bald allen Tageszeiten ausgestrahlten Verfilmungen von Kriminal-Stoffen, der ohne mindestens eine Leiche auskommt. Mit einem Toten fängt es immer an. Zu Tode kommen Frauen, Männer, Kinder zu Land, zu Wasser und in der Luft, werden vergewaltigt, verstümmelt, erwürgt, vergiftet, erschlagen, erschossen, ertränkt. Die Fundorte der toten Körper sind von Fall zu Fall Wälder, einsame Strände, Berggipfel, führerlose Ruderboote, Müllplätze, können aber auch normale Stadtwohnungen, Hotelzimmer und luxuriöse Villen sein. Vom Fund an läuft stets das gleiche Ritual ab: Absperrungen der Polizei, das Auftauchen eines Vertreters der Rechtsmedizin und meist auch schon eines Pathologen im weißen Kittel, der später, nach der Obduktion, den unnatürlichen Tod konstatieren wird.

Derart wird der Auftritt der Kriminalisten vorbereitet. Sie kommen ab und zu als einzelne, vorzugsweise aber als Paare, zwei Männer oder ein Mann und eine Frau. Das sind die Kriminalisten von der Soko, Sonderkommision – diese polizeilichen Gruppierungen verteilen sich über das ganze Land, weswegen die Morde, um die sie sich als Ermittler zu kümmern haben, sich in den Serien des Fernsehens ereignen von Flensburg und Usedom bis zum Bodensee. Hamburg, Stuttgart, Frankfurt, Leipzig, Berlin, München, das Ruhrgebiet und das Saarland – es wimmelt nur so von Sokos. Sie werden, weil Deutschland ihnen schon zu eng wird, mit Sonderbefugnissen tätig auch noch in Istanbul, Südtirol, Wien, Wales, Venedig.

Der Vorteil der paarweisen Ermittlung liegt darin, dass die Handlungsabläufe sich verzweigen können in Konflikte, zu denen es während ihrer Arbeit unter den Kriminalisten kommt, vom Alkohol gefährdeter Beamter ist verliebt in Beamtin, die ihrerseits besondere Beziehungen zur Verdachtsperson unterhält – Possen dieser Art. Die Theaterwissenschaft hat ermittelt, dass sich in der Geschichte der Dramas, von Aischylos bis zu Dürrenmatt, nicht mehr als siebenundzwanzig grundsätzliche Handlungs-Muster nachweisen lassen, das heißt: Es geht daher in Hinsicht auf mögliche dramatischen Stoffe notwendig immer entscheidend um das Wie einer Erzählung mehr als darum, was erzählt wird.

Und es geht um die intelligente Variante – das ist das Problem der mehr und mehr anödenden deutschen Soko-Serien. Sie finden zu der sie umgebenden Gesellschaft offenbar Zugang nur durch Schilderungen der Aufdeckung von Mord und Totschlag. Wodurch es zu der Absurdität kommt, dass die deutsche Kriminalstatistik für das Jahr 2017 je Tag „nur“ 1,1 Morde verzeichnet – wir im Fernsehen aber täglich, nimmt man alle Angebote der Sender zusammen, mit Dutzenden von Morden konfrontiert werden.

Woher diese, offenbar beim Publikum vorausgesetzte und durch leidliche Quoten auch bestätigte Lust am gewaltsamen Tod fiktiver Zeitgenossen? Ist es Ausdruck der Ablenkung von der Wahrheit des unausweichlichen eigenen Endes durch die Wahrnehmung von Totschlag als beiläufiger Normalität? Das enthielte auch eine Form von Trost: Da wir selber ja nicht ständig mit Mordanschlägen zu rechnen haben, können wir uns aus dem Spiel nehmen und das Sterben generell verschieben auf andere.

Oder hätten wir es vielmehr zu tun mit einer kaschierten Ausprägung des kollektiven Todestriebs, den Freud als ein Merkmal der Epoche meinte bestimmen zur können? Im Gegensatz zu Elias Canetti, der in „Masse und Macht“ unter den Empfindungen von Trauernden am Grab eines Verschiedenen ein Gefühl der Genugtuung nicht ausschließen wollte: Gut, dass ich noch lebe? Wären also all die Sokos in Serie womöglich mit den vielen Toten auf die Steigerung der Lebensfreude ihrer Zuschauer aus? In ihrer Häufung erträglicher würden sie nicht einmal damit.

Zuweilen aber haben die Kameraleute ein Einsehen – man sieht dann einen schönen Abendhimmel über dem Totenland.

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