Hanneke Tietzsche (Almut Zilcher) steht ihrer totkranken Partnerin Irene Wohlleben (Eleonore Weisgerber) bei.
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Hanneke Tietzsche (Almut Zilcher) steht ihrer totkranken Partnerin Irene Wohlleben (Eleonore Weisgerber) bei.

Tatort "Dein Name sei Harbinger"

Die Moral vom Unsinn

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Der rbb-Tatort "Dein Name sei Harbinger" erzählt eine durchgeknallte Geschichte und hat auch noch eine biblische Strafe zur Hand.

Dunkle Aufregung herrscht in diesem Berlin-Tatort von Anfang an, und wäre es etwas heller, könnte man von heller Aufregung sprechen. In einer von einem Straßenschlagzeuger spannender und lauter gemachten Anfangssequenz weiß man kaum, wie einem geschieht – und wo –, und eine Weile lang blickt man so wenig durch wie die Polizei.

Der Vorsprung, schnell ein verdächtiges Individuum kennenzulernen, das sich unter dem Alexanderplatz tummelt wie einst das Phantom unter der Pariser Oper und ebenso menschenscheu, hilft dabei nicht weiter. 

Die verbrannte Leiche eines jungen Mannes in einem alten, gestohlenen Lieferwagen lässt Rubin und Karow, Meret Becker und Mark Waschke, nach ähnlichen Fällen aus den vergangenen Jahren Ausschau halten.

Krimiwelt wimmelt von idiotischen Motiven

Bald finden sie sich, und im Gespräch mit den unglücklichen, von der Polizei schamlos schlecht behandelten Eltern tut sich tatsächlich ein Zusammenhang auf. Das ist eine schöne, offene Szene, dieses Herumreden und Herumstochern, bis bei der Erwähnung einer Ärztin der Vater des einen Toten und die Mutter einer anderen aufhorchen. Und schon hat „Dein Name sei Harbinger“ die Erwartungen auf eine Weise gedehnt, dass jetzt eine fabelhafte Erklärung nachkommen müsste. 

Stattdessen führt das Buch von Michael Comtesse und Matthias Tuchmann, der während der Arbeit im Alter von nur 42 Jahren starb, in eine krude Verwicklung. Wen es nervt, wenn am Sonntagabend immer gleich am ganz großen Rad (verbrecherische Machenschaften bis in die höchsten gesellschaftlichen Kreise) gedreht wird, wird hier zwar vordergründig mit einer Privatgeschichte erfreut. Die aber ist – schwer nachzuvollziehen. Zumal man sich fragen muss, wie das verdächtige Individuum, bei dem es sich um einen ausgewachsenen Psychopathen handelt, über derartig ausgefeilte technische Möglichkeiten verfügen kann. Dann wieder: Unterschätzt die Leute vom Schlüsseldienst nicht. 

Christoph Bach spielt diesen natürlich jammervollen Mann mit gepflegter Untertreibung. Hätte die Geschichte in ihrer Gesamtheit irgendeinen Sinn, könnte man sich auf eine solche Figur, deren Sozialverhalten sehenswert ist, sofort einlassen. Und auf ihr seltsames Leben im von Florian Baxmeyer stimmungsvoll, geradezu hymnisch in Szene gesetzten Untergrund, in dem sie noch dazu eine arglose Blumenverkäuferin, Luise Aschenbrenner, kennenlernt. 

Stattdessen muss man aber zur Kenntnis nehmen, dass der stille junge Schlüsseldienstbetreiber zum Werkzeug eines weiteren Irren gemacht worden ist, über dessen Identität ausgereifte Krimizuschauer nur wenige Augenblicke nach seinem ersten Auftritt im Bilde sein werden. Er ist es auch, der dem jungen Psychopathen seinen Namen gab (Englisch für Vorbote) und dem rbb die Gelegenheit zu einer Anspielung auf Max Frisch.

Nun wimmelt die Krimiwelt von idiotischen Motiven, und das Leben letztlich auch. Etwas anderes ist darum das wirklich Unangenehme. Nicht dass Rubin sich die Bluse mit Kaffee vollkleckert und (mit Gründen) ihren eigenen Sohn festnehmen lässt. Nicht einmal so sehr, dass Nachwuchskriminalistin Feil, Carolyn Genzkow, trotz extremer Betroffenheit unverdrossen weiter hinter den Kollegen herschleicht. Was „Dein Name sei Harbinger“ eine dubiose Note gibt, ist, dass – hierin ähnlich dem Zombietatort „Böser Boden“, der vor zwei Wochen lief – in einen solchen Quatsch ein brisantes Thema hineingewurschtelt wird.

Die Frage, ob es statthaft ist (legal ist es in Deutschland nicht), analog zur Samen- auch eine Eizellspende durchzuführen, wird hier, wenngleich in einem besonders heiklen Fall, eindeutig beantwortet: Rund um eine lesbische Ärztin (Almut Zilcher) und ihre inzwischen schwerkranke Frau, die sich in dieser Frage über Recht und Gesetz in der Tat rigoros und justiziabel hinweggesetzt haben, wüten nun Wahnsinn und Zerstörung.

Wie eine biblische Strafe kommt es im Showdown auf sie herab, und auch Frau Rubin weiß nicht, wohin mit sich vor Abscheu und Entsetzen (während Karow sich am Rande auf die blödestmögliche Art in Lebensgefahr begibt, aber das nur am Rande). So dass dem Unsinn eine überdurchschnittliche Portion Moral folgt – die Moral Unbetroffener, die immer ein bisschen unsympathisch ist. 

Überhaupt ist es ein kalter Tatort, ohne dass man den Eindruck hätte, es wäre den Machern bewusst. Eher scheint es sich um einen Sieg der Schnauze über ein ganz herkömmliches Mitleid zu handeln.
 

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