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„Moonage Daydream“ im Kino: Asche zu Asche

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Von: Daniel Kothenschulte

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Szene aus dem Dokumentarfilm „Moonage Daydream“.
Szene aus dem Dokumentarfilm „Moonage Daydream“. © epd

David Bowies Nachlass wird für die große Leinwand geöffnet – nicht unbedingt immer mit Feingefühl: Der Dokumentarfilm „Moonage Daydream“.

Frankfurt – Es wäre ein Allgemeinplatz zu sagen, David Bowie sei ein Mann mit vielen Gesichtern gewesen. Tatsächlich bestand sein Genie im ständigen Auswischen und Neuschreiben seiner künstlerischen Persona – und das wiederum stimulierte seine überragende Musikalität und audiovisuelle Kunst.

Bowies Wandlungsfähigkeit machte ihn weit über die Musikkultur hinaus zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der zweiten Jahrhunderthälfte. Nicht nur die Gegenkultur sah in ihm ein Vorbild. In einer Zeit, als Geschlechteridentitäten noch kaum ein Thema waren, öffnete er stellvertretend verschlossen geglaubte Türen gerade für Schichten, die zur Underground-Kultur der 60er keinen Zugang hatten.

David Bowie: Ein Tag ohne kreative spuren ist ein verlorener Tag

Sein erstaunlicher, für Außenstehende ans Selbstzerstörerische grenzender Mut zur Selbstkritik und Neuerfindung sollte das ideale Thema einer Filmbiografie sein. Auch der Dokumentarfilmer Brett Morgen findet in den zweieinviertel Stunden von „Moonage Daydream“ genug Bowie-Zitate in Talkshow-Auftritten und verstreuten Audio-Interviews, die dies belegen. Ein Tag, der so war wie der vorangegangene oder gar ohne kreative Spuren blieb, war für Bowie ein verlorener Tag.

Entsprechend disparat war sein Werk auch abseits der Musik, das eine zwischen 2013 und 2018 tourende Ausstellung erstmals in Ansätzen präsentierte. Damals schien die chronologische Präsentation der beste Weg, um die vielen, manchmal geheim gehaltenen Nebenschauplätze nachzuvollziehen.

Dazu zählten erstaunliche Gemälde wie eine Serie von Porträts, deren Modelle er auf Berliner Straßen gefunden hatte, und frühe Experimente mit analoger Videokunst. Auch seine Arbeit als Schauspieler nahm Bowie zeitweilig ebenso ernst wie die Musik. Bemerkenswert ist in diesem Film ein Ausschnitt aus seiner Verkörperung des „Elephant Man“ John Merrick 1980 an einem Londoner Theater, noch bevor David Lynch das Thema adaptierte: Bowie spielt die Figur weitgehend, ohne sich auf die Arbeit der Maskenbildnerei zu stützen.

„Moonage Daydream“ im Kino: Abarbeiten eines vorgezeichneten Lebensentwurfs

Als vor Jahren Sammlungsstücke aus seinem Nachlass versteigert wurden, bekam man erstmals eine Ahnung davon, welch vielseitige kulturelle Bildung hinter seiner stilsicheren Erscheinung steckte. Unter anderem besaß er einen erstklassigen Tintoretto. Was für ein Fest müsste es für einen Dokumentarfilmer sein, aus den verborgenen Schätzen des Bowie-Nachlasses erstmals ein umfassendes Porträt dieses Renaissancemenschen zu zeichnen.

Doch etwas an Morgens filmemacherischem Ordnungswillen arbeitet beharrlich dagegen. Als sei das Ideal jeder Filmmontage das homogene Bild, begradigt er, was er findet, bis aus Bowie genau das geworden ist, wogegen er so vehement angekämpft hat: Ein zwar schillerndes, aber doch geradliniges, verwertbares Produkt. Die einzigen Kommentare stammen von Bowie selbst, doch sie wirken oft aus dem Zusammenhang gerissen.

Wenn ein Künstler seine Intentionen so oft ändert wie Bowie, kann es höchst missverständlich wirken, späte Äußerungen früheren Bildern zu unterlegen. Milde scheint der Revolutionär dann aus dem Jenseits zu uns zu sprechen. Und aus dem Unvorhersehbaren einer Karriere wird in der Rückschau letztlich das Abarbeiten eines vorgezeichneten Lebensentwurfs, dessen Ziel (aus der Sicht der Produzenten) dann der Nachruhm ist – und die endlose kommerzielle Verfügbarkeit der zu Lebzeiten so flüchtigen Pop-Ikone.

„Moonage Daydream“ im Kino: Live-Auftritte aus David Bowies Berliner Zeit

Fans werden das alles natürlich trotzdem nicht missen wollen, dafür ist das Filmmaterial einfach zum Teil zu spektakulär: Zu makellosem Zustand restauriert, füllen sattfarbige 16mm-Bilder der „Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“-Auftritte der frühen 70er Jahre nun mühelos die größten Leinwände (in den USA läuft der Film auch in Imax-Kinos). Auch spätere Tourneen sind großzügig repräsentiert.

Von besonderem Reiz sind Live-Auftritte aus der Berliner Zeit: Vielleicht erlaubt die Verwertungsmaschinerie ja noch einen eigenen Dokumentarfilm über diese Periode, möglicherweise sogar mit Erinnerungen seiner damaligen Mitstreiter Brian Eno und Robert Fripp.

Genau diesen Talking-Heads-Stil üblicher Rockumentaries wollte Morgen vermeiden; es wäre gut gewesen, wenn ihm etwas Besseres eingefallen wäre. Stattdessen wirft er dutzendweise assoziierte Filmausschnitte in seinen Schnittcomputer, die er für passend hält, von George Méliès über Murnau zu Eisenstein, Bergman oder Stanley Kubrick. Bowie erscheint dann als Erbe von „Nosferatu“ und dem Somnambulen aus dem „Kabinett des Dr. Caligari“, doch der Effekt erweitert das Bild weniger, als dass er Bowies Kreativität zu etwas Epigonalem reduziert.

„Moonage Daydream“ im Kino: Fülle an Nebensächlichkeiten wirkt ermüdend

Gern hätte man mehr von seiner eigenen Videokunst gesehen, die wenigen Sekunden machen neugierig. Kann es sein, dass die verrauschten Schwarzweißbilder auf der Suche nach abstrakten Effekten einfach nicht attraktiv gefunden wurden für die große Leinwand? Seinen Meisterwerken, vielen großen Songs, geht es nicht besser. Wie so viele aufwendig produzierte Musikdokumentationen fürchtet auch diese die Konzentration auf das Einzelwerk.

Die Fülle an Nebensächlichem oder reinem Zeitkolorit wirkt entsprechend ermüdend – was den seltenen Effekt hat, dass selbst wer sich brennend für das Thema interessiert, irgendwann nur noch auf das Ende wartet. Andererseits: Nun, da Bowies Nachlass in den Händen der „men who sold the world“ ist, wird die Verwertungsmaschinerie sicher noch weitere und vielleicht auch bessere Einblicke ausspucken. (Daniel Kothenschulte)

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