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Monroe-Biopic „Blonde“: Die Schönheit und das Blutvergießen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Ana de Armas als Marilyn Monroe. Netflix © 2022
Ana de Armas als Marilyn Monroe. Netflix © 2022 © 2022 © Netflix

Andrew Dominiks Marilyn-Monroe-Biopic „Blonde“ trifft in Venedig auf dokumentarische Künstlerporträts über Nan Goldin und Jazz-Veteranen.

Krise? Welche Krise? Seit acht Tagen läuft nun schon das Festival am Lido, und auch in der Schlussgeraden ist von der schwersten Krise der Kinobranche seit Jahrzehnten kaum etwas zu spüren.

Jedenfalls solange man niemandem über den Weg läuft, der ein Kino leitet. „Wir dachten zuerst, die Leute kämen zurück, aber inzwischen glauben wir das nicht mehr“, konstatiert ein Düsseldorfer Filmtheaterleiter, der seit Jahrzehnten das Festival besucht.

Dass auch das überdurchschnittlich aufgestellte US-Kino keinen Optimismus weckt, liegt an einem Strukturwandel, der sich kaum mehr umkehren wird: Fast alle der Hollywoodproduktionen, mit denen das Festival in diesem Jahr aufwartet, stammen von den Streamingdiensten. Künstlerisch entstanden sie fraglos für die große Leinwand – doch die bekommen sie, wenn überhaupt, nur wenige Wochen vor der Bildschirmpremiere zu sehen. Dazu zählt auch „Blonde“, Andrew Dominiks für Netflix entstandene aufwendige Marilyn-Monroe-Biographie. Welches Festival würde da nicht sofort zugreifen?

Sechzig Jahre nach ihrem Tod fehlte bislang eine befriedigende Annäherung an das Leben des ikonischsten Stars der Nachkriegszeit, und auch die jetzt vorliegenden 165 Minuten haben nicht unbedingt den Anspruch, diese Lücke zu füllen. Dafür ist es ein überraschend experimenteller Spielfilm, weit mehr an Marilyn Monroes Pop-Art-Nachbild interessiert als an der kontinuierlich wachsenden filmhistorischen oder gar kriminalistischen Monroe-Forschung.

Dass dieser Film nicht an seiner disparaten Form zerfällt, verdankt er einer erstaunlichen Hauptdarstellerin – Ana de Armas, der weibliche Star aus dem jüngsten Bond-Film, ist keine naheliegende Besetzung, doch sie spielt die schwierige Rolle schonungslos und mit immenser Bandbreite. Ihr Vertrauen in diese künstlerisch riskante Produktion schließt zahlreiche Nacktszenen ein – bis zum vom Regisseur als Metapher ausgespielten, ebenfalls ins Bildgedächtnis des 20. Jahrhunderts eingegangenen Anblick der Leiche.

Wechselnd zwischen dem harten Schwarzweiß der Pressefotos eines Weegee und warmbunten Technicolor-Tönen, dramatisiert der Film Joyce Carol Oates’ gleichnamige Roman-Biographie, die bereits 2001, unmittelbar nach Erscheinen, einen Fernsehmehrteiler inspirierte. Gesetzt werden dabei eher abseitige Akzente: Getrieben vom Wunsch, ihrem unbekannten Vater zu begegnen, entwickelt der Star eine Leidensfähigkeit, die sie zur Beute missbräuchlicher Männer macht – darunter die Söhne zweier Hollywoodstars, Charlie Chaplin Jr. und Edward G. Robinson Jr..

Dagegen aber steht eine enorme Durchsetzungskraft; Selbstvervollkommnung und Selbstzerstörung gehen Hand in Hand.

Durch dieses psychologische Prisma erstarren ihre prominenten Ehemänner Joe DiMaggio und Arthur Miller zu Karikaturen, letzterer in Adrian Brodys Darstellung immerhin zu einer verklärenden. Es ist ein merkwürdiges Amalgam von einem Film, wie so oft bei Netflix-Filmen wirkt die Überlänge eher als Tarnung eines Mehrteiler-Formats – schließlich produziert man „content“ nach Minuten. So entgeht dem Kinopublikum die Befriedigung einer geschlossenen Dramaturgie, doch es gibt andere Qualitäten: Kunstvoll nachinszenierte Filmszenen, die subtile Brechungen erfahren. Oder eine sich weit unter die Handlungsebene bohrende Filmmusik von Nick Cave und Warren Ellis.

Jedes Biopic aus der Filmwelt streift auch die Domäne des Dokumentarfilms, schließlich muss sich das Neuinszenierte stets am archivarischen Erbe messen. Umso leichter gelingt es Venedig, an dieser Schnittstelle auch einen Dokumentarfilm gleichberechtigt im großen Wettbewerb zu platzieren. Die Filmemacherin Laura Poitras, bekannt für ihre Arbeiten zu Wikileaks und Edward Snowdon („Risk“, „Citizenfour“), hat sich diesmal der Fotokünstlerin Nan Goldin gewidmet.

„Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“, Goldins einflussreiche Diaserie über Menschen, die außerhalb etablierter Geschlechter-Konstruktionen leben, bietet dabei nur die Backstory. Das Hauptthema ist ein anderes: Goldin betätigt sich seit Jahren als Aktivistin gegen den Pharmakonzern Purdue und seine Besitzerfamilie Sackler, die sie für die vor allem in den USA verheerende Opioid-Sucht verantwortlich macht – mit dem zunächst aggressiv beworbenen Schmerzmittel Oxycodon erzielt die Firma noch immer Milliardenumsätze, Goldin spricht von inzwischen 300 000 Suchttoten.

Die Künstlerin selbst war 2014 von dem Medikament abhängig geworden, das ihr nach einer Operation verschrieben worden war, und beschaffte sich in der Folge hohe Dosen auf dem Schwarzmarkt. Seit einem erfolgreichen Entzug 2017 organisiert sie Spontan-Performances in weltbekannten Museen wie dem New Yorker Guggenheim, das die Sacklers als großzügige Sponsoren kennt– aber auch Goldin in den Sammlungen hat. Die Aktionen zwingen die Kunstmuseen regelmäßig dazu, Spendenzusagen der Sacklers abzulehnen; zuletzt musste die Londoner National Portrait Gallery unter öffentlichem Druck eine Millionenspende ablehnen.

„All the Beauty and the Bloodshed“ hat Poitras ihren mitreißenden Film genannt, der über Goldins Aktivismus ihre künstlerisches Werk nicht aus den Augen verliert.

Kaum bemerkt vom Filmvolk am Lido ist dagegen eine betörende neuere Arbeit von Goldin selbst zu entdecken. Auf der Kunstbiennale ist ihre 16-minütigen Videoarbeit „Sirens“ im Zentralen Pavillon zu finden, dieser grandios kuratierten Versammlung oftmals ignorierter weiblicher Positionen im 20. Jahrhundert. Der Found-Footage-Film kreist um Aufnahmen des ersten afroamerikanischen „Supermodels“ Donyale Luna, das 1979 an einer Überdosis Heroin starb. Goldin nimmt einen Andy-Warhol-Screentest Lunas zum Anlass einer delirierenden Collage surreal-assoziierten Materials von rauschhaft-irrealer Schönheit.

Mit dem Dokumentarfilm hat das Festival in Venedig seit längerem eine feste Säule im Programm und betont dabei stets dessen künstlerische Aspekte. Der dänische Veteran Jørgen Leth, dessen legendären Avantgarde-Kurzfilm „Der perfekte Mensch“ einst Lars von Trier zum Thema seines Essay-Films „The Five Obstructions“ machte, meldet sich eindrucksvoll zurück mit einem Jazz-Film.

In „Music for Black Pigeons“ begibt sich der 85-Jährige gemeinsam mit Co-Regisseur Andreas Koefoed auf die Suche nach dem Geheimnis der Improvisation. Größen wie Lee Konitz und Bill Frisell zählen zu den Protagonisten eines federleichten, auf poetische Weise diskursiven Films über ein Gestaltungsprinzip, das spontane Filmarbeit mit der Musik gemeinsam hat. Ein Filmfestival tut gut daran, über den Tellerrand seiner Lieblingskunst zu blicken, gerade in der Krise.

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