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„Monobloc“ im Kino: Aus einem Guss

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Von: Daniel Kothenschulte

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Mensch und Monobloc. Foto: Salzgeber
Mensch und Monobloc. © Salzgeber

Hauke Wendler hat dem beliebtesten und zugleich unbeliebtesten Möbelstück der Welt einen Dokumentarfilm gewidmet: „Monobloc“.

Für einen den größten Verkaufsschlager des 20. und 21. Jahrhunderts fristet er ein vergleichsweise ruhmloses Dasein: Der Monobloc-Plastikstuhl. Allerdings ist seine Geschichte auch nicht ganz so unbekannt, wie es Hauke Wendlers Dokumentarfilm, nicht der erste zum Thema, vielleicht glauben macht. Vor allem der hauptberufliche Unternehmensberater Jens Thiel leistet seit gut zwei Jahrzehnten Grundlagenforschung. Er identifizierte nicht nur den französischen Ingenieur Henry Massonnet als Erfinder des in einem Guss gefertigten Möbelstücks 1972. Thiel teilte auch sein einzigartiges Videomaterial von einem noch kurz vor dessen Tod 2005 geglückten Besuch mit dem Filmemacher.

Hauke Wendler, der sich an anderen Stellen gern selbst ins Bild rückt, nennt Thiel im Kommentar lediglich einen „Enthusiasten“. Bis zur Ausstellung „Ein Stuhl für die Welt“ des Vitra-Designmuseums 2017, so behauptet Wendler gleich darauf, habe man überhaupt nichts von seinem Erfinder gewusst.

Der sorglose Umgang mit der Forschung anderer passt freilich zur Geschichte des umstrittenen Möbelstücks. Es reicht schon ein Besuch der englischen Wikipedia-Seite; dort gilt der italienische Designer Joe Colombo mit seinem Chair Universal 4867 von 1965 als wahrer Urheber des Billigstuhls. Weder er noch Massonnet ließen sich freilich patentieren, was es nun vielleicht schon milliardenfach gibt: Ob Pest oder Segen, der vor allem in den weniger wohlhabenden Ländern allgegenwärtige Monobloc ist aus der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken.

Diesen Bogen wiederum spannt Wendlers Film in einer Reihe lebensvoller Miniaturen, die durchaus das Ansehen lohnen: Die Begegnung mit den drei greisen Proserpio-Brüdern, die mit ihrem italienischen Familienbetrieb zu Monobloc-Millionären wurden, steht für den alten europäischen Kapitalismus. Indem sie den Herstellungsprozess zu einer Sekundensache machten, gaben sie Industrien in den Schwellenländern zugleich ein leicht kopierbares Erfolgsmodell in die Hand. In den USA erleben wir einen philanthropischen Ingenieur, der Rollstühle mit Monobloc-Sitzflächen über eine kirchliche Stiftung nach Uganda verschickt. Und auch das Sammeln und Recycling der kurzlebigen Ware hält in Brasilien noch viele Menschen in Lohn und Brot. So wird am Ende Asche zu Asche und Granulat zu Granulat.

Ästhetische wie ökologische Debatten finden bei dieser Weltreise nur am Rande Erwähnung. Und besonders der Musik fehlt zu den Fragen der Globalisierung eine eigene Haltung. Vom Musette-Walzer über afrikanisch anmutende Rhythmen bis zu Latin-Jazz komponiert Taco van Hettinga einen musikalischen Monobloc: Sitzt immer.

Monobloc. D 2021, Regie: Hauke Wendler. 95 Min.

Das Buch „Monobloc“ mit Texten Wendlers erscheint am 25. Februar bei Hatje & Cantz, 192 S., 120 Abb., 22 Euro.

Monobloc in aller Welt, mit vielen Geschichten. Foto: Salzgeber
Monobloc in aller Welt, mit vielen Geschichten. © Salzgeber

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