Louise, ehrgeizige Praktikantin der lokalen Zeitung, und der Polizist Tom in einer Szene der belgischen Serie „Moloch“.
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Louise, ehrgeizige Praktikantin der lokalen Zeitung, und der Polizist Tom in einer Szene der belgischen Serie „Moloch“.

TV-Kritik

„Moloch“: Schauriger und spannender Thriller auf Arte

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Arte zeigt den tiefgründigen und zeitkritischen französisch-belgischen Sechsteiler „Moloch“. Zu Beginn geht ein Mann plötzlich in Flammen auf.

  • Die Serie „Moloch“ läuft an zwei Donnerstagen auf Arte.
  • In dem Sechsteiler kommt es zu Selbstentzündungen.
  • Der Thriller lebt von Geheimnissen und der Spannung.

Der Mann auf der Rolltreppe hört auf den Namen Nicolas. Aber das werden wir erst später erfahren. Er betritt die belebte Aussichtsplattform, und plötzlich schlagen Flammen aus seinem Kragen. Im nächsten Moment wird Nicolas zur menschlichen Fackel. Währenddessen verlässt Busfahrer Jimmy (Marc Zinga) die gewohnte Strecke und fährt einfach weiter bis unmittelbar an den Strand. „Wie ein Roboter“, wird er später sagen. Er hat keine Erklärung für sein Verhalten und landet in einer psychiatrischen Klinik in der Obhut des Therapeuten Gabriel (Olivier Gourmet).

„Moloch“: Journalisten gibt sich als Versicherungsangestellte aus

Am Brandort erscheint eine angebliche Versicherungsangestellte, aber die Polizisten entlarven die Behauptung rasch als Lüge. In Wahrheit ist Louise (Marine Vacth) eine angehende Journalistin. Praktikantin eigentlich, aber mit einem guten Gespür. Der Vorfall auf der Aussichtsterrasse wird als normaler Brand ausgegeben, in offiziellen Mitteilungen ist von einem Todesopfer keine Rede. Louise weiß es besser und nimmt Witterung auf.

Anfangs findet sie wenig Gehör. Ihre Redakteurin weist sie sogar an, die Sache ruhen zu lassen. Aber dann ereignet sich ein weiterer Fall. Wieder eine Art spontaner Selbstentzündung. Eine Mutter, auf einem Spielplatz, vor den Augen ihres Sohnes. Das Kind muss psychiatrisch betreut werden – Gabriel erhält einen neuen Patienten. Die Rechtsmedizinerin ist ratlos.

„Moloch“ wird an die Mauern gesprüht

Eine Selbstentflammung wird gefilmt und geht durchs Web. Die unerklärlichen Todesfälle lassen sich nicht länger verheimlichen. An den Brandorten wird das Wort „Moloch“ an die Mauern gesprüht. „Moloch“ geht etymologisch auf das Wort für Menschenopfer zurück, wurde zum Inbegriff eines Opfer fordernden Götzen und im Weiteren in symbolischem Sinne für einschüchternde Gebilde wie Industriearchitekturen und entindividualisierte Städte. Siehe das menschenverschlingende Maschinenmonstrum in Fritz Langs „Metropolis“.

Gibt es also einen Zusammenhang zwischen den bestürzenden Ereignissen? Ist hier ein Feuerteufel am Werk? Louise war früher in der autonomen Szene aktiv und nutzt ihre Kontakte. Gabriel spricht mit betroffenen Patienten und versucht zu verstehen. Polizisten ermitteln. Mit einem von ihnen beginnt Louise eine Affäre. Ihre Magazinartikel erregen Aufmerksamkeit. Eines Tages meldet sich „Moloch“ bei ihr und bietet ein Treffen an. Ein Trittbrettfahrer, ein Mitwisser oder der tatsächliche Täter?

„Moloch“: Atmosphärischer Sechsteiler

Der französisch-belgische Sechsteiler „Moloch“ von Arnaud Malherbe (auch Regie) und Marion Festraëts ist ein Thriller in klassischem Sinne. Trotz spektakulärer Feuer-Stunts nicht auf Oberflächenreize ausgerichtet wie beispielsweise Mark Lesters Verfilmung von Stephen Kings motivlich verwandtem „Feuerkind“ aus dem Jahr 1984, sondern ausgesprochen atmosphärisch. Eher schaurig als offensiv, oft leise, immer hochgradig spannend. Geschickt legen die beiden Autoren ihre Rätsel aus, lassen das Publikum manchmal mehr wissen als die ermittelnden Figuren, und doch wahren sie das Geheimnis ihrer Erzählung bis zum Schluss.

Ein Kollege nennt Louise „Scheherazade“. Weil sie, so sagt er, so lange am Leben bleibe, wie sie etwas zu erzählen habe. Das Prinzip der Geschichten aus 1001 Nacht, das Grundmuster aller Fortsetzungserzählungen. „Moloch“ ist reich an symbolischen Inhalten, Anspielungen und Bildern in gedeckten Farben, die typische Handschrift des preisgekrönten belgischen Kameramanns Christophe Nuyens. Feuer und Wasser sind wiederkehrende Motive, unaufdringlich in die Geschichte eingebettet, nie Selbstzweck. Die äußere Handlung wird unterfüttert von einem breiten Gefühlsspektrum. Trauer, Zorn, Verzweiflung, Enttäuschung, Angst verknüpfen sich mit bestimmten Protagonisten, mischen und wandeln sich, sowie die Handlung voranschreitet. Das ist serielles Erzählen auf höchstem Niveau. Wäre „Moloch“ ein Roman, man spräche von hoher Literatur.

„Moloch“ hält der Gesellschaft einen Spiegel vor

Malherbe und Festraëts nutzen das Genre des Fantastischen, um einer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, die den Ausgegrenzten und Ausgebeuteten, den Mühseligen und Beladenen bestenfalls ein Schulterzucken entgegenbringt. In einem Interview mit dem Abrufdienst Mediatheque Numerique sinnierte der Regisseur: „Wir alle haben einen Teil von ‚Moloch‘ in uns, diesen ungezügelten Zorn, der angesichts der Ungerechtigkeit zur Revolte animiert, manchmal unbedacht oder auf eitle Weise.“

Das Fantastische, neudeutsch Mystery, mit seinen übersinnlichen und okkulten Motiven hat eine lange Tradition im französischen Filmschaffen. Bereits zu Stummfilmzeiten gab es mystisch-surreale Fortsetzungserzählungen in den Kinos. Einer der Fernsehklassiker in diesem Genre ist der auf einem Schauerroman von Arthur Bernède basierende Vierteiler „Belphégor oder das Geheimnis des Louvre“. Er hat bis heute Spuren hinterlassen. So weist der vermummte Mörder, der in der deutschen Serie „Babylon Berlin“ in den Babelsberger Filmstudios umgeht, eine gewisse Ähnlichkeit auf mit jenem Belphégor, der vor 55 Jahren nächtens durch den Pariser Louvre geisterte.

Die ersten drei Teile von „Moloch“ laufen am 22. Oktober ab 21:45 Uhr auf Arte. Die letzten drei Teile werden am 29. Oktober ab 21:35 Uhr ausgestrahlt. (Harald Keller)

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