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Rupert (Barnaby Metschurat) und Ann Kathrin Klaasen (Christiane Paul) betrachten die Leiche von Reinhold Münzner (Frank Köbe). Hat der Mörder noch mehr Menschen im Visier?

"Ostfriesenblut", ZDF

Der Mörder wartet vor der Tür

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Trotz Personalwechsel: Mit dem "Ostfriesland"-Krimi nach einer Vorlage von Klaus-Peter Wolf hält das ZDF das Niveau des Vorgängers.

Ein bisschen paradox ist es schon: In Zeiten, in denen die Welt dort draußen scheinbar gefährlicher geworden ist, verbringen mehr Deutsche ihre Ferien im Inland. Und lesen gern Krimis aus ihrer Urlaubsregion, in denen nach Kräften gemordet wird. Ostfriesland beispielsweise müsste mittlerweile nahezu ausgestorben sein, kämen die vielen „Friesen-“ und „Küstenkrimis“ der Realität auch nur ansatzweise nahe.

Vorreiter dieser Sparte war der Schriftsteller Klaus-Peter Wolf, der zuvor mit Jugendbüchern und sozialkritischen Romanen hervorgetreten war. 2007 gelang ihm mit „Ostfriesenkiller“ ein Bestseller. Seither hat er die Geschichte seiner Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen kontinuierlich fortgeschrieben. Und zahlreiche Nachahmer inspiriert – mittlerweile gibt es Friesenkrimis, so weit das Auge reicht. Und in Friesland reicht es sehr weit.

Mord an einer alten Dame

Das ZDF bedient die Nachfrage bereits seit 2013 mit der heiteren Reihe „Friesland“. Zusätzlich hatte sich der Sender die Rechte an Wolfs Ostfriesland-Zyklus gesichert. Im April 2017 startete die Reihe mit „Ostfriesenkiller“, einem erkennbar ambitionierten und im Kontrast zu „Friesland“ eher sinister gefärbten Unternehmen. Für den nun folgenden zweiten Film „Ostfriesenblut“ wurde das Drehbuch- und Regieteam ausgewechselt und Peter Heinrich Brix in der Rolle des Dienststellenleiters Ubbo Heide durch Kai Maertens ersetzt, dessen Darstellung aber der Romanfigur weitgehend treu bleibt.

Im Zentrum steht abermals die von Christiane Paul trefflich verkörperte Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Zu Beginn des Zyklus geriet ihre Familie in eine Krise, als ihr Ehemann Hero Klaasen (Andreas Pietschmann) die Trennung verkündete, zu seiner Freundin zog und Eike (Alexis Salsali), den Sohn aus der gerade zerbrochenen Beziehung, mitnahm ins neue Zuhause.

In seinen Romanen erzählt Klaus-Peter Wolf Ann Kathrin Klaasens Privatleben in fortgesetzten Kapiteln, die sich zwangsläufig mit der Krimihandlung verschränken. Aktuell bereitet ihr das schulische Fehlverhalten von Sohn Eike große Sorgen. Womöglich eine Folge der zerrütteten Familienverhältnisse. Weiterhin macht Ann Kathrin Klaasen der gewaltsame Tod des Vaters zu schaffen. Er war ebenfalls Polizist und wurde im Dienst getötet. Klaasen hat sich in die Vorstellung verbissen, den nie ermittelten Mörder doch noch zu fassen.

Doch diese privaten Nachforschungen gehören zu den Nebensträngen. Aktuell ist das Kommissariat mit dem Mord an einer alten Dame befasst. Das Publikum kennt den Täter von Anfang an und weiß, dass dieser Thomas Hagemann (Jörg Schüttauf) mit großer Grausamkeit zu Werke geht. Der Grund dafür und das Motiv für weitere Taten finden sich in seiner Vergangenheit.

Klaasen wird in besonderem Maße in den Fall verwickelt. Hagemann hat sie als Interviewpartnerin im Fernsehen gesehen – der ZDF-Moderator Rudi Cerne liefert in der kurzen Szene einen Gastauftritt – und fühlt sich ihr verbunden. Er ist ihr näher als sie ahnt, verirrt in den Wahn, in ihrem Sinne zu handeln.

Autor Nils-Morten Osburg und Regisseur Rick Ostermann widerstehen der Versuchung, die Gewalttaten breit auszumalen. Eine spekulative, nicht selten lächerlich überzogene Gestaltung, wie sie im sogenannten „Nordic Noir“ und dessen Epigonen – vergleiche die ebenfalls vom ZDF verantwortete Grand-Guignol-Serie „Parfum“ – gepflegt wird, hätte das eigentliche erzählerische Anliegen als schlichten dramaturgischen Kniff diskreditiert: Hagemann, der unbarmherzige Täter, ist ein Opfer der „Schwarzen Pädagogik“ der Fünfzigerjahre. Er wurde von Lehrern und Altersgenossen psychisch und physisch misshandelt. Nun, da er an Krebs erkrankt ist und den Tod erwartet, sucht er diese alte Last abzuwerfen. Er tut es, wie er es als Kind gelernt hat: mittels Gewalt.

Wie sehr eine unaufgeregte Erzählweise die innere Spannung eher fördert denn hemmt, zeigt sich beispielsweise, als Ann Kathrin Klaasen und ihr Kollege Frank Weller (Christian Erdmann) zum ersten Mal miteinander schlafen. Regisseur Rick Ostermann wahrt Zurückhaltung, belässt es bei der Ouvertüre und blendet dann zum heimlichen Zeugen Hagemann, der das Geschehen am Monitor seines Überwachungssystems verfolgt. Wie wird der unberechenbare Gewalttäter reagieren?

Wie in dieser Sequenz, konzentriert sich die Regie häufig auf Schauspielleistung und Atmosphäre. Ann Kathrin Klaasen kann minutenlang dasitzen und sich ins Opfer versetzen und man sieht dennoch gebannt zu. In dialogischen Passagen erfolgt der Szenenwechsel nicht zwingend mit der letzten Silbe; oft bleibt die Kamera noch auf den Gesichtern, wenn bereits alles gesagt scheint. So entstehen Dichte und Intimität und damit eine Nähe zum Zuschauer, wie sie ein ständiger hochfrequenter Wirbel optischer Attraktionen nicht zu bieten in der Lage ist.

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