+
Ferch als Fritz Lang

"Fritz Lang ? Der Andere in uns", arte

Der Mörder im Spiegel

  • schließen

Aus der eigentlich unappetitlichen Doppelsünde von "Doku-Drama" und "Film-über-Film" zaubern die Filmemacher eine mitreißende Reflektion über Trieb, Schuld und Kunst.

Man weiß, wie „Doku-Dramen“ heutzutage eigentlich aussehen: körnige Dokumentaraufnahmen, die mit schlampig gefilmten und hektisch geschriebenen Spielszenen zwischengeschnitten werden, am besten noch mit reißerischer Voice-Over-Erzählung und überkandidelter Musik. Aber irgendwo in der Entwicklung dieses Films muss etwas anders gelaufen sein – von der Kamera bis zum Schauspiel arbeiten alle Gewerke hier auf höchstem Niveau und transzendieren nicht nur das schwache Genre, sondern nutzen tatsächlich dessen Stilmittel in origineller und brillanter Weise.

Man weiß auch, wie Filme über Filme funktionieren: Künstlich zugespitzte Making-of-Fiktionalisierungen, die manchmal im peinlichen Komplettausfall enden wie „Jud Süss – Film ohne Gewissen“, meist im müder Nabelschau-Marathon wie „Hitchcock“ und bestenfalls in drolliger Zitate-Spielerei wie „Shakespeare in Love“. Auch hier, wo die Entstehung von Fritz Langs erstem Tonfilm „M – Ein Stadt sucht einen Mörder“ aus seinem Kontakt mit dem Serienmörder Peter Kürten erklärt werden soll, gibt es solche Szenen, die man sofort als Inspiration für Drehbuchszenen erkennt. Aber spätestens ab Minute zehn wird klar, dass hier so viel mehr passiert.

Denn in Minute zehn geschieht etwas Außergewöhnliches. Da entdeckt Fritz Lang einen rechtsnationalen Aufmarsch inmitten eines kommunistischen Viertels, es droht eine Straßenschlacht. Anstatt wie befohlen das Weite zu suchen, schlendert er dem Chaos entgegen, gabelt eine Prostituierte auf und nimmt sie noch im Hauseingang brutal ran. Ist er suizidal? Geilt ihn die Aussicht auf politischen Extremismus auf? Es ist ein harter Fick an der Grenze zur sexuellen Gewalt, zwischengeschnitten mit der biederen Pornographie der Zeit, aber auch mit  halbgaren Filmszenen und chaotischen Doku-Aufnahmen von politischen Tumulten. Und während der ganzen Zeit starrt Lang seine eigene, hasserfüllte, lustverzerrte Fratze in der Spiegelung des Fensters an, gegen das er die Prostituierte drückt. Es ist die vielleicht spannendste Sexszene im deutschen Kino der letzten Jahre, voller verwirrender historischer, psychologischer und medialer Implikationen, ebenso verstörend und fesselnd.

Spätestens in dieser Szene wird klar, dass Gordian Maugg und sein Co-Autor Alexander Häusser mehr wollen als nur eine historische Nacherzählung. Hier wird aus dem „Doku-Drama“ oder der „Collage“ ein echter Film, mit einem Standpunkt, einer Figur und einem (An-)Trieb. War Fritz Lang wirklich so gestört? Schöpfte er die psychologische Meisterschaft seiner Tonfilme wirklich aus seinen eigenen Abgründen aus Sexualität, Schuld und Selbsthass? War „M“ wirklich eine Aufarbeitung des nie offiziell aufgeklärten Todes seiner ersten Ehefrau durch Langs eigene Waffe, nachdem sie Lang mit Thea von Harbou erwischt hat? War Lang wirklich ein davongekommener Mörder, der seine vom Ersten Weltkrieg und vom häuslichen Mordfall zerschossenen Triebe kaum unter Kontrolle hatte? Ganz ehrlich: Wen kümmert's? Anders gefragt: Hat Mark Zuckerberg Facebook wirklich nur gegründet, um seine Exfreundin zurückzukriegen? War Richard der Dritte tatsächlich ein solches Monster? Wer in einem Film eine faszinierende These über die menschliche Natur durchspielt, der transzendiert solche Fragen. Und wer so grandiose Szenen hat, der muss keine Beweise vorbringen.

Denn seine historische These beschert dem Film eine unschlagbare und herrlich originelle Prämisse: Hier haben wir keinen Kommissar, der sich in den Täter hineinversetzen kann und ihn dadurch zur Strecke bringt. Keinen Anwalt, der der geschundenen Täterseele eine Stimme geben kann und ihn dadurch zumindest moralisch rettet. Es ist nicht einmal (wie in „Capote“ zum Beispiel), die Geschichte der Inspiration eines großen Künstlers durch ein grausames Verbrechen. Nein, Peter Kürten, der „Vampir von Düsseldorf“, der kleine Kinder ebenso ermordete wie flirtende Frauen, ist ein banaler und letztlich reuloser Mörder. Er ist hier nur Katalysator – der legendäre Schlussmonolog des Täters in „M“, dieser Verzweiflungsschrei des Triebtäters, der kommt aus Lang selbst. Maugg und Häusser erzählen die Geschichte eines Künstlers, der angesichts eines „unvollkommenen“ Spiegelbilds – eines unreflektierten, stumpfen Täters – endlich das viel eloquentere, faszinierende Monster in sich selbst zum Ausdruck bringen kann. Und das ist nicht nur mutig, sondern auch ungeheuer mitreißend.

Heino Ferch wirft sich so hungrig in dieses Projekt, dass es fast absurd wirkt. Er spielt Lang als einen manischen Marschierer am Abgrund, der weiß, dass seine Fassade alles ist, was er braucht, um oben zu bleiben – der aber schrecklich damit kämpft, diese Fassade aufrecht zu erhalten. Die schwarzweiße Bildgestaltung und die Lichtstimmungen von Lutz Reitemeier sind ebenfalls unerwartet betörend und scharfkantig. Und der Film strotzt vor klugen visuellen und filmischen Ideen wie dem Zwei-Wege-Spiegel im Verhörraum, der für Lang ein echter, sogar ein doppelter Spiegel ist. Kurzum: Dies ist ein wichtiges, kluges Werk, mehrfaches Hinsehen und angeregte Diskussion erfordert – und weit mehr als nur ein „Doku-Drama“.

„Fritz Lang – Der Andere in uns“, arte, Montag, 1. Mai, 20.15 Uhr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion