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Anton Corbijn bei einem Pressegespräch in Dresden.
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Anton Corbijn bei einem Pressegespräch in Dresden.

Anton Corbijn

Der Mönch am Meer

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Ein stimmungsvolles, wenn auch einseitiges Filmporträt des Fotografen Anton Corbijn, das die humorvolle und farbige Seite seiner Arbeit im Dunkeln lässt.

Der ältere Mann in der letzten Reihe genießt die Musik nicht weniger als all die Fans ganz vorne. Aber es drängt ihn wenig, der Band Arcade Fire noch dabei zu zusehen, wie sie jene Klänge produziert, die seinen Körper augenscheinlich in Bewegung setzen. Der Musikliebhaber heißt Anton Corbijn und ist der wohl bekannteste Rock- und Pop-Porträtist der letzten drei Jahrzehnte. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie er in seinem Leben offensichtlich das Hören und das Sehen von einander trennen kann.

Dokumentarfilme über Fotografen blitzen, bildlich gesprochen, häufig ab an einer unsichtbaren Grenze. Denn anders als den Malern kann man den Lichtbildnern schwer über die Schultern schauen. Im entscheidenden Augenblick ist der Fotografenblick verdeckt durch einen Sucher. Dann macht es Klick, und das Gewünschte ist bereits sicher verwahrt im dunklen Kasten.

Die niederländische Dokumentarfilmerin Klaatje Ouirijns hat die Rückenansicht des Konzertbesuchers Corbijn zum Plakatmotiv gewählt. Ein Kopf, allein im Raum seiner Wahrnehmungen. Qurins hat Erfahrung darin, Ereignisse aus dem Abseits darzustellen. Ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm „The Dictator Hunter“ galt den Menschenrechtsverletzungen, die der Machthaber Hissene Habre in den Achtzigerjahren im Tschad verübte. Da ging es um gerichtsverwertbare Dokumente für etwas kaum Vorstellbares. Ihr niederländischer Landsmann Corbijn dagegen liefert Bildzeugnisse ungleich positiverer Erfahrungen; unsichtbar sind sie trotzdem.

Stets auf der Suche nach Licht

„Musiker haben mich immer fasziniert, weil sie genau wie ich ihr Leben nur einer einzigen Sache widmen“, sagt er. „Aber immerhin können sie die mit vielen Menschen teilen.“

Das gilt ebenso für Corbijns Covermotive für U2, Depeche Mode, Herbert Grönemeyer oder Metallica, die zu visuellen Trägern kollektiver musikalischer Erinnerungen wurden. Auch zwei Spielfilme gibt es von Anton Corbijn, „Control“ und „The American“, beide handeln ebenfalls von einsamen Männern und ihrer jeweiligen Bestimmung.

Wer Corbijn einmal getroffen hat, kann den bedächtigen und wortkargen Mann sofort darin wiedererkennen. Es ist nicht leicht, so einen Künstler in Interviewszenen zu porträtieren. Andererseits muss man auch nicht lange in der Biografie des Pfarrersohns forschen, um überzeugende psychologische Erklärmuster für seine existenzialistische Bildsprache zu finden.

„Wir redeten alle nicht viel in der Familie“, bekennt die Schwester und belegt es mit einem Corbijn-Frühwerk: Schon das Album mit Familienfotos zeigt ernste Gestalten in tonreichem SchwarzWeiß. Ein gut gelaunter Bono sieht das alles etwas positiver: „Was uns verbindet, worum es auch in der Musik von U2 geht, das ist die Suche nach Licht.“

Beim Fotoshoot mit der Gruppe findet Corbijn dann die eine Steinmauer, die noch etwas grauer und schäbiger aussieht als tausend andere in der irischen Provinz – dafür aber eine reiche Schwarz-Weiß-Struktur abgibt. Er findet den einen verhangenen Himmel, der noch etwas schwerer wiegt über dem einsamen Strand. Für Herbert Grönemeyer hat Corbijn dann eine unwesentlich heimeligere, brüchig-weiß getünchte Hauswand entdeckt.

Großartiger Künstler mit Schalk im Nacken

Das bliebt nicht ohne Wechselwirkung. Auch für den Fotografen bemüht sich die Regisseurin in jeder Szene, etwas Vergleichbares zu finden. Vorzugsweise zeigt sie den Einsamen in weiten Totalen frei nach Casper David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“. Machte man sich die Perspektive dieses Films zu eigen, dann wäre Corbijn das tragischste künstlerische Produkt des strengen niederländischen Protestantismus seit Vincent van Gogh.

Aber das geht natürlich nur, wenn man wie die Regisseurin all die humorvollen und farbigen Corbijn-Arbeiten weglässt, wie im übrigen auch sein mindestens ebenso bedeutendes Werk als Musikvideo-Regisseur. Der wandernde König im Depeche-Mode-Klassiker „Enjoy the Silence“ und der grellbunte Nirvana-Clip „Heart Shaped Box“ zeigen einen anderen, nicht weniger großartigen Künstler. Dem dazu allerdings, anders als es dieser Film darstellt, der Schalk im Nacken sitzt.

Anton Corbijn – Inside Out Dokumentarfilm, NL/D/GB/I/S 2011. Regie: Klaatje Ouirijns; 80 Minuten.

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