+
Claude Lanzmann hatte für "Shoah" die Menschen dazu gebracht, endlich zu reden.

Claude Lanzmann

Es war möglich, das Schweigen zu brechen

  • schließen

Zum Tod des "Shoah"-Regisseurs Claude Lanzmann.

Der 1925 in Paris geborene Claude Lanzmann war einer der führenden Intellektuellen Frankreichs. Er war es schon sehr früh. Noch als Schüler hatte er in der Résistance gegen die deutsche Besatzungsmacht gekämpft. Ab 1947 studierte er in Tübingen Philosophie und arbeitete schon 1948/1949 als Lektor an der Freien Universität Berlin. Dort leitete er auch das neu gegründete französische Kulturzentrum. Zurück in Paris, veröffentlichte er eine Reihe von Artikeln über „Deutschland hinter dem Eisernen Vorhang“ in der 1944 gegründeten Tageszeitung „Le Monde“. Jean Paul Sartre heuerte ihn daraufhin bei seiner im Oktober 1945 gegründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“ an.

Damit war der nicht einmal 25-jährige Claude Lanzmann mitten im Zentrum der Reflexion darüber, wie eine neue Welt nach Faschismus und Stalinismus aussehen sollte. Paris war wieder einmal künstlerische und intellektuelle Hauptstadt Europas. Sartres Philosophie, seine Theaterstücke bestimmten für viele Jahre die Wahrnehmung des Weltgeschehens. Die Figur des engagierten Intellektuellen gewann in der Auseinandersetzung um die Auflösung der Kolonialreiche, vom Indochina- und vom Algerienkrieg über die Suezkrise bis zu den Befreiungskriegen in Asien, Afrika und Lateinamerika, wieder an Gewicht. 1949 erschien Simone de Beauvoirs Klassiker „Das andere Geschlecht“. 1952 bis Ende der 50er Jahre hatte Lanzmann ein Liebesverhältnis mit Simone de Beauvoir. 1971 heiratete Lanzmann in zweiter Ehe die deutsche Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff. Er war viele Jahre lang Herausgeber der „Temps Modernes“.

Ich las in den 60er und 70er Jahren viel in der Zeitschrift. Aber ich nahm Claude Lanzmann erst wahr, als ich 1985 seinen Film „Shoah“ sah. Da war ich dann sehr verblüfft, dass er schon viele Jahre lang, ohne dass ich das gewusst hatte, meine Vorstellungen über die Welt, in der ich lebte und wie ich helfen konnte, zu ihrer Humanisierung beizutragen, mitgeprägt hatte. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich Artikel von ihm gelesen hatte. Jedenfalls waren sie mir nicht so im Gedächtnis geblieben, dass er für mich zu einem Autor geworden wäre.

Das war er dann 1985 mit einem Schlag vorbei. Nein, das stimmt nicht. Es geschah im Verlauf des neuneinhalbstündigen Films schleichend. Neuneinhalb Stunden sind sehr lang. Ich weiß nicht mehr, ab wann ich registrierte, dass er nicht so bald aufhören würde. Der Film besteht aus Interviews. Er zeigt Gespräche mit Mördern und Opfern, mit Leuten, die sagten, sie hätten nichts bemerkt und mit solchen, die vom Geruch der verbrannten Leichen berichteten. Es gab Menschen, die in die Kamera hinein erklärten, es sei nicht schade um die Juden. Es war viel Schreckliches zu hören. Dass so viel gesprochen wurde, war – man versteht das heute vielleicht nicht mehr – die große Qualität des Films. So lange hatten Täter und hatten Opfer geschwiegen. So lange hatte man sich in Nachkriegseuropa darauf geeinigt, den Judenmord als großes Verbrechen zu brandmarken, aber nicht über ihn zu sprechen, dass die Redeflut, die Lanzmann in die Kinos ergoss, deutlich machte, dass – so schrecklich auch das war – nichts passierte, wenn man erzählte, von dem, was einem widerfahren war, von dem, was man anderen angetan hatte.

Die Tat, die Vernichtung der Juden, wurde nicht gezeigt. Claude Lanzmann erklärte einmal zu seinem Film: „Wenn ich einen Film gefunden hätte – einen geheimen Film, weil das Filmen verboten war –, gedreht durch die SS, in dem gezeigt wird, wie 3000 Juden – Männer, Frauen und Kinder – zusammen sterben, in der Gaskammer des Krematoriums 2 in Auschwitz ersticken, so würde ich ihn nicht nur nicht gezeigt haben, ich hätte ihn sogar vernichtet. Ich kann nicht sagen, warum. Das passiert von selbst.“ Es lebt nicht nur die Ästhetik des Films von dem, dass er das, worum es geht, nicht zeigt. Es ist auch eine Frage der Moral. Die Massenvernichtung ist kein Gemetzel. Sie kann nicht durch ein Splattermovie dargestellt werden. Die Massenvernichtung, das sind die Gasöfen und der Transport zu ihnen. Massenvernichtung ist Bürokratie. So ganz Unrecht hatte der Witzbold nicht, der damals sagte, „Shoah“ sei ein Film gegen die deutsche Bahn.

Neben den Gesprächen mit Tätern, Opfern und Zuschauern sah man die Landschaft um Auschwitz, man sah einen Fischer in seinem Boot stehen, vor allem aber sah man Züge, immer wieder Züge. Die Kamera nahm sich Zeit, Lanzmann nahm sie sich und schenkte sie uns. Diese Kamerafahrten waren der Grundakkord des Films, zu dem Lanzmann uns immer wieder zurückführte, wenn er uns erregt hatte, wenn wir uns erregt hatten über die Äußerungen unserer Zeitgenossen. Es waren ja alles Gespräche von lebenden Menschen, die Lanzmann dazu gebracht hatte, endlich zu reden. Für uns, denen das nicht einmal mit den eigenen Eltern geglückt war, war „Shoah“ ein Beleg dafür, dass es möglich war, das Schweigen zu brechen, das auch nach dem Auschwitz-Prozess und nach vielen Büchern noch über und zwischen uns lag.

„Shoah“ war eine Befreiung. Und beklemmend zugleich. Die Vergangenheit war nicht vergangen. Sie lebte unter uns. In den Erzählungen, in den Berichten von Menschen, die wir nicht befragt hatten. Claude Lanzmann hatte das für uns getan. Es wäre ganz falsch zu sagen „Shoah“ sei ein spannender Film. Obwohl er genau das war. Er hatte einen Sog, einen Klang und er lebte vom Wechsel der Perspektiven, aus denen das Geschehen erzählt wurde. So dauerte er zwar lange, aber langweilig war er nicht. Gleichzeitig aber sorgten die Bilder von den Zügen, die Aufnahmen von der Landschaft immer wieder für jene Eintönigkeit, aus der die Reflexion entspringt und die erinnerte an die große Gleichgültigkeit der Natur gegenüber dem, was wir anstellen. Sie wurde im Laufe der neun Stunden in vielen von uns zu einem mahnenden Abbild unserer eigenen Gleichgültigkeit.

Claude Lanzmann war ein großer Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er starb im Alter von 92 Jahren am 5. Juli 2018.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion