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Ann Hathaway überzeugt mit ihrer Darstellung einer Anwältin mit bipolarer Störung. Gary Carr übernimmt die (Neben-)Rolle einer Zufallsbekanntschaft im Supermarkt.

Streaming-Serie „Nächste Folge“

„Modern Love“: Die „New York Times“ scheitert am eigenen Anspruch

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Die Streaming-Version der Zeitungskolumne „Modern Love“ feiert die Liebe, erzählt sie aber leider vor allem aus weißer Perspektive. Warum Sie trotzdem unbedingt einen Blick auf die erste Staffel werfen sollten.

Rund achteinhalb Millionen Menschen leben in New York City – eine unversiegbare Quelle für Liebesgeschichten, aus der die „New York Times“ seit 15 Jahren für ihre Kolumne „Modern Love“ schöpft. In persönlichen Essays breiten Großstädterinnen und Großstädter ihr Gefühlsleben aus, berichten von sexueller, platonischer, familiärer Liebe, von romantischen Begegnungen und One Night Stands, von verpassten Chancen und bereuten Entscheidungen, von siechenden Beziehungen, alter Liebe, die neu erwacht – und von der Liebe zu sich selbst.

Die wöchentliche Kolumne gibt es auch als Podcast, als „Love Letter“-Newsletter, in Buchform und seit kurzem auch als Streaming-Serie, die mit ihren vielen Szenen auf New Yorks Straßen und Plätzen vor allem eine Liebeserklärung an den Big Apple ist.

Paare unterschiedlichen Alters, sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft reiht der Vorspann aneinander, doch an der versprochenen Diversität scheitern die Macher leider. An den Darstellerinnen und Darstellern liegt es nicht. Der leitende Drehbuchautor und -Regisseur John Carney („Once“) und die koproduzierenden Fernsehtochter der „New York Times“ konnten reihenweise Serien- und Filmstars für das Projekt gewinnen: Christin Milioti („How I Met Your Mother“) mimt eine alleinerziehende junge Mutter, die auf den prinzipienfesten Portier ihres New Yorker Apartmenthauses (Laurentiu Possa) bauen kann. Catherine Keener („Being John Malkovich“) als Journalistin (der „New York Times“, natürlich) und ihr Interviewpartner Dev Patel („Slumdog Millionaire“) ziehen sich gegenseitig ins Vertrauen, was ihrem Liebesleben eine Wendung gibt. John Slattery („Mad Men“) und Tina Fey („30 Rock“) stellen fest, dass die einzig verbliebene gemeinsame Unternehmung der Gang zur Paartherapie ist, und versuchen es stattdessen mal mit dem Tennisplatz. Sofia Boutella und John Gallagher Jr. entdecken die beschleunigende Wirkung des Kennenlernens, wenn man unversehens in eine Extremsituation geworfen wird. Julia Garner („Ozark“) sucht verzweifelt den Vater, den sie nie hatte, während Andrew Scott („Sherlock Holmes“) und sein Mann Brandon Kyle Goodman sich ihren Kinderwunsch mit Unterstützung von Olivia Cooke („Bates Motel“) erfüllen. Jane Alexander und James Saito schließlich finden im Alter zueinander, um sich bald wieder zu verlieren.

„Modern Love“, Anthologie-Serie, 1. Staffel auf Amazon Prime. Zweite Staffel angekündigt.

Ein Cast, der diverse Lebenswelten überzeugend darzustellen vermag – wenn man ihn denn ließe. Aber: Die Protagonisten entstammen nicht nur nahezu durchweg der (gehobenen) Mittelschicht. Bis auf eine Ausnahme werden alle Geschichten aus weißer Perspektive erzählt, People of Color besetzen fast ausschließlich Nebenrollen. Auch bei dem einzigen schwulen (Quoten-?)Paar ist es der weiße Partner Tobin, der zusammen mit Leihmutter Karla die Story vorantreibt, während sein Mann, der schwarze Adoptivvater Andy, schon bald in den Hintergrund tritt.

Wenn hier dennoch eine Empfehlung für „Modern Love“ ausgesprochen wird, dann nicht nur, weil es die Jahreszeit für herzerwärmende Liebesgeschichten ist. Es ist vor allem eine herausragende Ann Hathaway, die Sie auf keinen Fall verpassen sollten. In der Folge „Nimm mich so, wie ich bin, wer auch immer ich bin“ verkörpert sie die New Yorker Anwältin Lexie, die an einer bipolaren Störung leidet, hin- und hergeworfen zwischen Phasen höchster Euphorie und abgrundtiefer Depression. Morgens macht Lexie im Paillettentop den Supermarkt-Parkplatz „La La Land“-mäßig zur Musical-Bühne und in der Obst- und Gemüseabteilung ohne große Umschweife ein Date klar, doch schon am selben Abend legt sich unabwendbar dieser bleischwere Schatten über sie, zwingt sie nahezu bewegungsunfähig für mehrere Tage unter die Bettdecke – ein anderer Mensch, nicht wiederzuerkennen von dem Mann vom Pfirsichstand, der nach drei Tagen wie verabredet vor der Tür steht, im Laufe des Abends scheinbar im Scherz nach der Existenz einer Zwillingsschwester fragt und sich am Ende verstört abwendet.

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Wer schon einmal in seinem Leben einem depressiven Menschen geraten hat, „sich doch mal zusammenzureißen“, bekommt hier eine eindringliche Vorstellung von der zerstörerischen Wirkung dieser Erkrankung und von der ungeheuren Anstrengung, die es kostet, das Leben trotzdem Tag für Tag neu anzugehen. In der Vorbereitung auf ihre Rolle sprach Ann Hathaway mit Terry Cheney, deren persönliche Geschichte die Grundlage dieser Episode ist. „Ich hatte ein großartiges Gespräch mit ihr über die Darstellung von Depressionen (…) wie sich alles verlangsamt, und sie scheint es wirklich zu verstehen“, schildert Cheney später in der „New York Times“. Wie Terry findet Lexie am Ende einen Weg, mit ihrer Krankheit umzugehen – und Liebe dort, wo sie sie gar nicht gesucht hatte.

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick.

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