+
Alexander McQueen mit seiner Mutter, nach deren Tod 2010 er sich das Leben nahm.

"Alexander McQueen"

Mode als Raum des Schaffens und Scheiterns

  • schließen

Die Dokumentation "Alexander McQueen" begibt sich unter die glatte Oberfläche, damit begnügt sie sich aber auch.

Im Grunde steckt alles in ein paar Sekunden. Eine kleine Szene, nur wenige Augenblicke lang, verwackelte Kamera, ein Privatvideo. Aufgetischt wird eine Geburtstagstorte, hübsch verziert mit guten Wünschen. Eine Hand schiebt sich ins Bild, drückt das Sahnewunderwerk ein, wühlt in seinem Inneren, aus den freudigen „Ohs“ und „Ahs“ der Gratulanten werden Laute des Schocks und der Entrüstung. „Das wollte ich schon immer mal machen“, sagt Alexander McQueen.

So beiläufig ist die verschwommene Szene in der Dokumentation „Alexander McQueen“, dass sie im Rausch der Bilder untergeht. Und doch umschreibt sie das beeindruckende Werk des 1969 geborenen Designers herrlich pointiert. Schönheit und Zerstörung, Wohlgefallen und Provokation, Anmut und Ekel – in den Arbeiten McQueens lagen die Extreme stets griffbereit nebeneinander. „Did it piss you off?“, wird er später im Film eine Modejournalistin fragen. Ja, die Schau habe sie verärgert. „That was the whole idea“ – das war sein Plan.

Nun ist die Provokation ein billiges Mittel. Wie feinsinnig sich aber McQueen des verlässlichen Instruments der Kunst angenommen hat, kann auch der rund zweistündige Film längst nicht umfassend klären. Dabei haben es sich die Regisseure Ian Bonhôte und Peter Ettedgui zur klaren Aufgabe gemacht, das ?uvre McQueens endlich zu fassen. Das machen schon die fünf Kapitel deutlich, die die Namen seiner populärsten Kollektionen tragen.

Gretchenfrage des Films

Wie aber kann man über McQueens Arbeit berichten, ohne auch den Menschen in den Fokus zu rücken? Das wird zur Gretchenfrage des Films. Nicht immer gelingt Bonhôte und Ettedgui die Balance. In höchstem Tempo mäandern sie durch eine Collage aus unscharfen Privataufnahmen, fabelhaften Schauenmitschnitten und intimen Interviewsequenzen. Und verlieren sich dabei zu oft in der Schönheit der Bilder.

Wie könnten sie auch nicht – die Präsentationen McQueens setzten neue Standards im Genre der Modenschau. 2001 ließ er seine Models in einem Kubus aus Einwegspiegeln umherwandeln, nichts sehend als sich selbst, nicht wissend um die Voyeure auf der anderen Seite. In der Mitte des Spiegelraumes zerbirst ein weiterer gläserner Kasten, hunderte Motten und Nachtfalter flattern heraus, Blicke werden frei auf eine runde Frauensilhouette, eine Rubensfigur mit eiserner Maske, nur durch einen Schlauch für Nahrung und Luft mit der Außenwelt verbunden: Eine Reminiszenz an Joel-Peter Watkins’ Bild von einem Alb.

An den grotesken Bildern der Schau „Voss“ bereichert sich der Film – zu wenig aber berichtet er über McQueens ganz eigene Kunst, aus modefremden Themen spektakuläre Kleider werden zu lassen. Nichts über die Macht der Forschung über den menschlichen Körper, ihre Kontrolle über Leben und Tod, die Robe aus Mikroskop-Glasplättchen etwa. Wie hat McQueen komplexe Zusammenhänge vestimentär übersetzt? Wie hat er Themen der Gesellschaft und Politik, Wissenschaft und Religion mit Stoffen nacherzählt? Wie funktionierten Materialrecherche und -auswahl, Schnitttechnik und Detail?

Ehrliches, schonungsloses Porträt

Ein paar Szenen vorher nagen sich Bonhôte und Ettedgui an den zerrissenen Kleidern und blutverschmierten Models fest, die McQueen 1995 über den Laufsteg schickte. Die „ethnischen Säuberungen“ der Engländer in den schottischen Hochlanden im 18. und 19. Jahrhundert hatten ihn zur Kollektion „Highland Rape“, der „Vergewaltigung im Hochland“ inspiriert. Wieder versäumen es Bonhôte und Ettedgui, klar von der Übersetzung in die Mode zu erzählen.

Das wird denjenigen verärgern, der hinter „Alexander McQueen“ einen kompetenten Modefilm wähnt. Wer eher an dem Menschen denn dem Designer interessiert ist, wird indes auf seine Kosten kommen. Fern von Laufstegen und Modeateliers entsteht ein ehrliches, ein schonungsloses Porträt. Bonhôte und Ettedgui zeichnen das Bild eines launischen, eines komplizierten, teils aggressiven Künstlers, der seinen Freunden, seinen Kollegen, sich selbst alles abverlangte. Und schließlich das Bild eines gebrochenen Mannes, der sich wenige Tage nach dem Tod der geliebten Mutter 2010 selbst das Leben nahm. Wichtigstes Instrument für diese Erzählweise sind Interviewaufnahmen, in denen eben nicht berühmte Models und bekannte Modejournalisten erzählen, sondern vorrangig Menschen aus McQueens privatem Umfeld, Schwestern, Brüder, Freunde, wenige Kollegen und Wegbegleiter.

Da erzählt der frühere Chef Romeo Gigli, wie McQueen einst erfolglos wieder und wieder ein neues Futter einnähen musste, wie es der Meister schließlich selbst aus dem Modell riss und das darunter Verborgene entdeckte: „McQueen hatte mit dickem schwarzen Stift ‚Fuck you Romeo‘ auf die Innenseite geschrieben.“ Da erinnert sich die Schwester, Janet McQueen, wie die gemeinsame Mutter hinter den Bühnen der großen Schauen stets darum bemüht war, ausreichend Sandwiches für die schlanken Models bereitzustellen: „Meist hat sie ihnen Wurstbrote geschmiert.“

Es sind amüsante Anekdoten wie diese, die auch den modeaffinen Zuschauer mit der Dokumentation „Alexander McQueen“ versöhnen mögen. Die Mode wird nicht als Ort des Geltungsdranges und der Gefallsucht gezeigt, als Ort der glatten Gesichter und makellosen Momente, sondern als Raum des Schaffens und des Scheiterns, als Raum der Menschen, die zwischen Bügeleisendampf und Zigarettenqualm Glücksmomente und Tragödien teilen. Eine äußerst charmante Perspektive.

„Die Mode ist eine große Blase“, sagt McQueen in einer Szene. „Manchmal will ich sie platzen lassen.“ Zumindest das ist auch Bonhôte und Ettedgui gelungen.

Alexander McQueen. Dokumentation. GB 2018. Regie: Ian Bonhôte, Peter Ettedgui. 111 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion