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„Mit 20 wirst du sterben“ im Kino: Chronik eines angekündigten Todes

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Von: Daniel Kothenschulte

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In dem Film „Mit 20 wirst du sterben“ nimmt eine Prophezeiung fatalen Einfluss auf das Leben eines jungen Mannes. Foto: Missingfilms
In dem Film „Mit 20 wirst du sterben“ nimmt eine Prophezeiung fatalen Einfluss auf das Leben eines jungen Mannes. Foto: Missingfilms © Missingfilms

Afrikanische Filme auf der Documenta und im Kino: Isaac Nabwanas „Football Kommando“ und Amjad Abu Alalas Islamismus-kritische Parabel „Mit 20 wirst du sterben“.

Wer glaubt, sich in der Filmgeschichte auszukennen, hat dabei selten den ganzen Globus im Blick. Das Beste an der documenta fifteen ist ein Film aus Uganda, Isaac Nabwanas surreales Action-Kunstwerk „Football Kommando“. Die Farce um den deutschen Fußballstar Rummenigger (so steht es wirklich in den Untertiteln), der auf einer Urlaubsreise in die ugandische Heimat seiner Ehefrau in eine Entführung verwickelt wird und Gangstern tödliche Kopfbälle verpasst, kühlt dabei erhitzte Debatten erfrischend herunter: Künstlerische Erfindung triumphiert über kulturelle Aneignung in einem Film, der Tarantino mit seinen eigenen Waffen schlägt. Selten hat man die Parameter des Genrefilms derart fantasievoll demontiert und zugleich zelebriert gesehen.

Noch immer sind die Filme aus Nabwanas Wakaliga-Studio, das als Wakaliwood bekannt ist, in den Slums von Kampala ein Geheimtipp außerhalb Ugandas. Dort wiederum gelten sie als liebevolle Alternative zu den marktbeherrschenden Unterhaltungsfilmen aus Nigeria. Nabwana, der schon ganze Spielfilme für 200 Dollar gedreht hat, konnte hier erstmals bescheidene deutsche Fördermittel investieren – und selten wurden sie besser angelegt (zu sehen noch während der gesamten Ausstellungsdauer in einem eigens in die Documenta-Halle gebauten Kino).

Auch die Filmkultur im Sudan wird gerade neu erfunden, nach langer Unterdrückung durch radikal-islamische Herrschaft. In der arte-Mediathek ist derzeit „Talking About Trees“ zu sehen, Suhaib Gasmelbari’s semidokumentarisches Road Movie über eine Gruppe betagter Filmemacher, die ein Kino besetzen, um ihrem Land eine Kinokultur zu hinterlassen.

Nun kommt auch einer der wenigen sudanesischen Spielfilme ins Kino. „Mit 20 wirst du sterben“ nennt Regisseur Amjad Abu Alala die erst achte abendfüllende Filmerzählung, in der Filmgeschichte seiner nordostafrikanischen Heimat. In einem Land, wo es nur arabisches Kino und Hollywoodfilme zu sehen gibt, muss er gleichwohl exotisch anmuten.

In elegischen Breitwandbildern erzählt er vom Heranwachsen eines Jungen, dem ein Geistlicher bei der Feier seiner Geburt die Prophezeiung des Titels auferlegte. Das Kind, das mit 20 sterben soll, wird von Gleichaltrigen gemieden, sein Vater ergreift die Flucht. Eine überbehütende Mutter schickt ihn zu einem Scheich in die Koranschule – in der Hoffnung, ein sündenfreies Leben könne den Fluch brechen. Tatsächlich wächst mit der Gläubigkeit des schweigsamen Einzelgängers auch seine Schicksalsergebenheit. Ein Mädchen, das sich in ihn verliebt, rührt er trotz aller Anziehung nicht an. Erst als sie sich mit einem anderen verlobt und es zu spät ist, bekommt sein Weltgebäude endlich Risse.

Sollte es wirklich möglich sein, dass solcherart als Gotteswort getarnte Spökenkiekerei in einer ansonsten durchaus lebensbejahenden Dorfgemeinschaft derartige Macht entfalten kann? Können Menschen solch morbidem Unsinn erliegen und gleichzeitig im Kiosk, wo der Junge arbeitet, kistenweise fröhlich Coca-Cola ordern? Ja, sogar der Verkauf von Alkohol wird toleriert.

Allein zwei älteren Männern ist es vorbehalten, gegen den Wind zu reden: dem heimkehrenden, grummelden Vater, dem seine Frau klaglos den Patriarchen-Platz freiräumt. Und einem ehemaligen Dokumentarfilmer, der dem Jungen auf 16mm die vergangenen Schönheiten Khartums vorführt vor Machtübernahme der Islamisten (gezeigt wird der gleichnamige Kurzfilm des Dokumentaristen Gadalla Gubarras von 1960, einer der wenigen Klassiker des sudanesischen Kinos; für den Filmemacher ist es Hommage und stolze Selbstverortung zugleich). Doch nicht mal dem jungen Mann können diese Lebensbilder den Glauben an den eigenen Tod an seinem 20. Geburtstag austreiben.

Natürlich ist die Macht selbsternannter Islamgelehrter in einer so absurden Angelegenheit nur symbolisch zu verstehen. Amjad Abu Alalas Film ist eine Parabel über eine erstarrte Nation, und in der gegenwärtigen Militärdiktatur – auch wenn sie regelmäßig Demonstrationen niederschlägt – konnte er immerhin entstehen. Ein wirklich freier Film aber ist nicht entstanden. Deutlich inspiriert von Klassikern des ägyptischen und iranischen Kinos, wirkt er mit seinem ästhetisierenden Blick seltsam aus der Zeit gefallen. Natürlich wäre es schwer, einen lebendigeren Film über einen derart introvertierten, ja lebensfeindlichen Helden zur entwerfen, aber der geschmackssichere Stil mit seinen warm leuchtenden Farben und dem minimalistisch-harmonischen Soundtrack ist nicht das eigentliche Problem. Eher ist es das Frauenbild innerhalb eines gesellschaftskritischen Tableaus, das auch die wenigen Inseln des Subversiven den Männern vorbehält.

Als der junge Mann den Tag seines vorhergesagten Todes nahen sieht, drängt er der trauernden Witwe seines älteren Freundes den eigenen Körper auf. Szenen, in denen sich Frauen der Übermacht einer ungewollten sexuellen Offerte hingeben, sind glücklicherweise heute weitgehend tabuisiert im Weltkino. Doch dieser unangenehme Moment ist hier auch nicht eingesetzt, um die Figur des Helden, der endlich ein Sünder werden will, zu demontieren. Im Gegenteil, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sein Interesse an der älteren Frau sogar Sympathien wecken soll.

Aber ebenso, wie es im Kino einzelnen Glücksmomenten gelingen kann, ganze Filme zu verzaubern, ziehen auch problematische Augenblicke manchmal ganze Filme mit sich. Auf Film Nummer 8 der sudanesischen Filmgeschichte werden gewiss noch bedeutendere Werke folgen.

Mit 20 wirst du sterben. Sudan 2019. Regie: Amjad Abu Alala. 105 Min.

Football Kommando ist während der Ausstellungsdauer in der Documentahalle zu sehen.

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