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Rückt mit dem Sonderkommando an: Komissarin Liz Ritschard (Delia Mayer).

Tatort: Friss oder stirb, ARD

Missmut im Glashaus

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Der vorletzte Luzern-Tatort "Friss oder stirb" spielt Arm und Reich mit einigen Wendungen gegeneinander aus.

Auch der Schweizer Tatort „Friss oder stirb“ strapaziert in einigen Momenten das Vertrauen in die Polizei, mit schwierigen Situationen adäquat umzugehen. Allerdings ist die Ausgangssituation für Reto Flückiger und Liz Ritschard, Stefan Gubser und Delia Mayer, auch heikler als für die Frankfurter in „Der Turm“, denn in die Falle tappen die Luzerner in einem unberechenbaren Augenblick. Der Chef schimpft nachher trotzdem, aber Chefs sind wohl so. Tatsächlich geraten Flückiger und Ritschard in eine Geiselnahme, als sie lediglich einer Spur nachgehen, die in die unfassbar große und schicke Villa eines steinreichen Mannes, seiner unwirschen Frau und seiner ungezogenen Tochter führt.

Denn auch wenn „Friss oder stirb“, geschrieben von Jan Cronauer und Matthias Tuchmann, inszeniert von Andreas Senn, mit mancher Wendung verblüfft, treten die schiefen Verhältnisse deutlich zutage. Der Geiselnehmer wurde betriebsbedingt gekündigt, weil die Firma ein bestimmtes Gewinde künftig eine Spur preiswerter aus Fernost kommen lässt. Er hat das Gewinde einmal zur Anschauung mitgebracht, nicht unbeeindruckt starrt man auf die Rillen im handlichen Gegenstand, an denen berufliche Existenzen hängen. Nicht unbeeindruckt, aber als regelmäßiger Tatort-Zuschauer auch gewissermaßen im Bilde, während der Geiselnehmer noch staunt über die Riesenhaftigkeit des Einfamilienhauses, in dem so wenige Menschen so viel Platz haben.

Im goldenen Bikini

Eingangs sieht man die Mutter, Katharina von Bock, wie sie an einem großformatigen modernen Gemälde herumzuppelt. Einen Stock tiefer schwimmt die Tochter, Cecilia Steiner, in einem goldenen Bikini hin und her. Ihr kommt nachher der fantastische Satz über die Lippen: „Ich habe es satt, mich vor Leuten zu rechtfertigen, die nichts im Leben zustande gebracht haben.“ So hat man sich das Leben der Reichen immer vorgestellt, die etwas missmutig im Glashaus sitzen. Da aber greift sich der Eindringling schon die Tochter im goldenen Bikini.

Gespielt wird er von Misel Maticevic, was immer eine gute Wahl ist, aber sicht- und erwartbar den anständigen, geerdeten Typus gegen die oberen Zehntausend in Stellung bringt (ja, sein Familienleben ist den Bach heruntergegangen, aber er will seinem kleinen Sohn den Lieblingsroboter schenken). Umso hinreißender ist die hinreißendste Szene des Films. Es ist nicht das unvermeidliche späte Telefonat mit dem Sohn. Es ist nicht mal die Szene, in der er dem Kapitalisten, dem angenehm lakonisch auftretenden Roland Koch, vorrechnet, wie viele Jahresgehälter er durch seine Entlassung verliert und wie viel er darum an Geld erpressen möchte. Wobei diese Szene auch gut ist. Der Kapitalist kommt inklusive Inflationsrate etc. im Kopf flugs auf eine ungleich höhere Summe (Kapitalisten sind Schurken, aber rechnen können sie).

Schöner ist aber der Moment, als die Männer sich erst schlagen, was Regisseur Senn so zeigt, wie es vonstatten gehen mag, wenn Männer, die weder Schläger noch Stuntmen sind, versuchen, die Fäuste fliegen lassen. Es ist ein Ringen, Herumstolpern, Röcheln. Anschließend trinken sie Bier zusammen. Das schönste Bild wiederum ist eine Stürmungsszene, in der man aus der Ferne melancholisch dabei zusieht, wie Rauchbomben die Villa in einen Nebelkasten verwandeln, als wäre das ein Chemieexperiment.

In der Villa gab es derweil noch Überraschungen. Auch sie gehorchen aber Klischees, aus denen dieser mit schmucken alten Songs unterlegte Tatort nicht so souverän herauskommt, wie er sich den Anschein gibt.

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