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Die Beatles in ihrer Anfangszeit- im Film von Sam Taylor-Wood.

John-Lennon-Film

All You Miss is Love

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Die Filmkünstlerin Sam Taylor-Wood verfilmte John Lennons tragische Kindheit: Es ist der beste Beatles-Film seit den Beatles

Die Filmkünstlerin Sam Taylor-Wood verfilmte John Lennons tragische Kindheit: Es ist der beste Beatles-Film seit den Beatles

Es beginnt mit einem Klang, den jeder Beatles-Fan im Schlaf erkennt: dem Anfangsakkord von „A Hard Days Night“. Er verklingt, während ein Teenager wie befreit an den klassizistischen Säulen von Liverpools monströser Stadthalle, der St. George’s Hall, entlang rennt. Es ist eine Szene wie aus einem der Beatles-Filme Richard Lesters, in denen die Pilzköpfe unentwegt vor irgendetwas davonliefen. Kreischende Fans aber sind nirgends auszumachen, und die Blaumiesen noch fern von „Pepperland“. Was also treibt diesen Jungen derart an, dass er alles hinter sich lassen möchte?

Die renommierte englische Videokünstlerin Sam Taylor-Wood wird davon 90 Minuten lang erzählen und die so schnell und eindrücklich vergehen lassen wie eine Single-Seite. In jener Mischung aus Euphorie und Melancholie, mit der auch die Beatles so gern überraschend in Moll-Akkorde wechselten. Und der Verzweiflung noch einen mitreißenden Sog verliehen: „Help! You know I need someone“. Doch so naheliegend dieser Song für einen Film über die traumatische Kindheit und Jugend Lennons wäre, so weise wurde darauf verzichtet. Auch der vorzüglich ausgesuchte Soundtrack bleibt in der Zeit, die Taylor-Wood beleuchtet.

Im Alter von fünf Jahren verliert John sein Elternhaus. Mutter Julia (Anne-Marie Duff), von einem anderen Mann schwanger, und gibt das Kind ihrer Schwester Mimi. Später wird Lennon sie in einem berühmten Song anklagen: „Mother you left me but I never left you“. Im Vergleich zur hübschen, lebenslustigen Julia ist Mimi, gespielt von Kristin Scott Thomas, eine typische Vertreterin britischen Gouvernantentums. Mit dem Tod des herzensguten Onkels verschwindet jedes Leben aus dem ordentlichen Reihenhaus.

Die Unzuverlässigkeit der Liebe

Man ahnt hier, warum frühe Beatles-Songs wie „Tell Me Why“ oder „No Reply“ von der Unzuverlässligkeit in der Liebe erzählen. Und warum es Lennon so ernst war mit der vermeintlich trivialen Botschaft „All You Need Is Love“. In seiner Kindheit war nicht viel davon zu finden. Obwohl seine Mutter nur ein paar Bushaltestellen entfernt wohnt, besteht kein Kontakt. Bis sich Julia plötzlich im Leben des nun 15-Jährigen zurück meldet, ihn umwirbt ihn wie eine Freundin, sich als Rock’n’-Roll-Fan entpuppt und John das Banjospielen zu den Klängen einer Buddy-Holly-Platte lehrt.

Die wunderschöne Szene ist eine exakte Rekonstruktion einer bekannten Interview-Äußerung Lennons. „Sie war eine Perfektionistin. Sie drehte den Plattenspieler langsamer, damit ich die Worte mitschreiben konnte. Als ich Buddy das erste Mal hörte, warf mich das um. Und man stelle sich vor: Es war meine Mutter, die mich dafür begeistert hat.“

Wie passt denn das in die Rock-Mythologie? Wurde Rock’n’Roll nicht erfunden, um spießige Eltern zu erschrecken? Was Sam Taylor-Wood und Drehbuchautor Matt Greenhalgh („Control“) hier psychologisch interessiert, ist eine verhinderte Abnabelung: Mit 17 hat sich Lennon soweit von seiner Stiefmutter emanzipiert, dass er sich frei zwischen den Häusern der Schwestern bewegen kann. Auch emotional hat er zu seiner Mutter zurückgefunden. Da stirbt sie bei einem Autounfall.

Lennons Schwester missfiel der Film

Man kann es nicht mehr im Vorspann lesen, aber der Film verdankt viel der Autobiographie von Julia Baird, einer Halbschwester John Lennons („Imagine This. Growing up with my brother John Lennon“, London 2007, 8,99 Pfund). Zuerst hatte Baird, die in Liverpool auch Beatles-Führungen veranstaltet, den Film unterstützt, doch dann missfiel ihr die Art, wie das Drehbuch ihre Familiengeschichte in filmische Fiktion verwandelte. Zwar folgt das Bild der unteren Mittelschicht von Liverpool ihren Schilderungen bis ins Detail. Doch ist man aber auch nicht überrascht, dass jemand seiner traumatischen Kindheit nicht freudestrahlend in einem Spielfilm wieder begegnen möchte. Auch wenn der ein Kunstwerk ist.

Im Buch wird Julia, die vermeintliche Rabenmutter, gründlich rehabilitiert. Mit dem Blick der Außenstehenden sieht Beatles-Fan Sam Taylor-Wood allerdings auch die Schatten über ihrem Temperament: Was mag es für einen jungen Mann in der Pubertät bedeuten, wenn ihm seine Mutter als mädchenhafte Freundin begegnet? Hier ist also ein rebellischer Junge, der die Schule schwänzt, aber dann von seiner Mutter Rock’n’Roll-Unterricht bekommt. Und seine künstlerische Erweckung jener Frau verdankt, die ihm zuvor seine schwersten Narben zugefügt hat.

In tiefen Farben und doch mit aller gebotenen Zurückhaltung überführt Taylor-Wood diese ungewöhnliche emotionale Beziehung in großes Gefühlskino. Und vergisst dabei nicht, was man von einer solchen Musikerbiographie erwartet: Haargenau erlebt man, wie aus den modischen Musikrichtungen Rock’n’Roll und Skiffle in Lennons Händen etwas Neues entsteht. Die einfühlsam nachempfundenen Musikaufnahmen verschmelzen mit dem visuellen Stil des Films zu einer Einheit.

Begegnungen mit Paul und George

In liebevollen Miniaturen inszeniert Taylor-Wood die Begegnungen mit Paul McCartney und George Harrison. Im Vergleich zum machohaft auftrumpfenden John sind die beiden noch mächtig grün hinter den Ohren – und gewinnen doch durch ihre Musikalität seinen Respekt. Es ist erstaunlich, dass nicht früher jemand auf die Idee gekommen ist, aus der Vorgeschichte der Beatles einen Film zu machen. Aber man kann froh darüber sein: Eine Regisseurin, die sich so genau einfühlen kann in die psychologischen Untiefen der Popkultur wie Sam Taylor-Wood, musste auch erst gefunden werden.

Bekannt geworden 1993 ausgerechnet mit einer Fotoarbeit, in der sie sich in der Rolle Yoko Onos inszeniert, war sie 2008 ins Kinofach gewechselt. Ihr Kurzfilm „Love You More“ verwandelt den klassischen Punk-Hit der Buzzcocks in ein erotisches Kabinettstück. „Nowhere Boy“ ist ihr erster Langfilm – und ein echtes Meisterstück. Stilsicher schwelgt die Künstlerin mal in der Anmutung klassischer Farbfilm-Melodramen der Fünfziger und mal in der Selbstvergessenheit des englischen „Free Cinema“ der frühen Sechziger. Nichts scheint dieser großartigen Bildschöpferin fremd, und so ist dies wohl der beste Beatles-Film geworden seit den Beatles.

Nowhere Boy, Regie: Sam Talyor-Wood, GB 2009, 98 Minuten.

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