Meisterdiebe? Eher Scherzkekse. Evan Rachel Wood (v. l.), Debra Winger, Richard Jenkins.
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Meisterdiebe? Eher Scherzkekse. Evan Rachel Wood (v. l.), Debra Winger, Richard Jenkins.

Miranda Julys „Kajillionaire“ im Kino

„Plötzlich glauben alle, mein Film sei für sie in der Pandemie gemacht“

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Die Künstlerin Miranda July bringt ihren bislang aufwendigsten Kinofilm „Kajillionaire“ ins Kino, ohne das Haus zu verlassen.

Die Amerikanerin Miranda July (46) begann ihre Karriere als Performance-Künstlerin und gewann 2001 die Oberhausener Kurzfilmtage, bevor sie 2005 als Regisseurin der ungewöhnlichen Komödie „Ich und Du und alle, die wir kennen“ bekannt wurde. Wenig später hatte sie einen Weltbestseller mit der Kurzgeschichtensammlung „Zehn Wahrheiten“. Mit „Kajillionaire“ kommt heute ihr bislang aufwendigster Film ins Kino. Auch unter dem Dach des großen Hollywoodstudios Universal bleibt July sich treu: Wie immer in ihrem Werk treffen Gegensätze aufeinander: Teils Familienfilm, teils Gesellschaftsatire und teils Gaunerkomödie, ist „Kajillionaire“ doch vor allem eine surrealistische Farce mit erstaunlichem emotionalem Nachhall.

Dabei wirkt das kleinkriminelle Trio aus Vater Robert (Richard Jenkins), Mutter Theresa (Debra Winger) und Tochter Old Dolio (Evan Rachel Wood) zunächst alles andere als liebenswert. Daran ändert auch nichts, dass ihre gemeinsamen Beutezüge von geradezu erbärmlicher Harmlosigkeit sind. Mal klauen sie – von July kunstvoll choreografiert – ein paar Päckchen im Postamt, von denen ein Spielzeug samt Kassenbon noch das wertvollste ist, denn das kann man wenigstens umtauschen. Ein anderes Mal fingieren sie den Verlust eines Gepäckstücks für die Entschädigung – auch wenn sie dafür extra eine Flugreise buchen müssen. Eine befremdliche Kühle strahlen die Eltern in dieser skurrilen Antithese einer amerikanischen Musterfamilie aus – July lenkt unsere Anteilnahme umso mehr auf die autistisch wirkende Tochter. „Wir haben dir die Erniedrigung erspart, dich wie ein Kind zu behandeln“, erklären sie einmal die fehlende Zärtlichkeit. Den merkwürdigen Namen „Old Dolio“ gaben sie dem Mädchen zu Ehren eines vermögenden Obdachlosen, in der irrigen Hoffnung, sein Geld zu erben.

Ähnlich der koreanischen Satire „Parasite“ zeigt „Kajillionaire“ den Einfallsreichtum einer Familie von Trickdieben als Spiegelbild kapitalistischen Unternehmergeistes. Und wie dieser Oscarpreisträger verortet sie ihre Helden in einer surrealen Heimstätte, einem kaum bewohnbaren Büroraum unter einer Seifenfabrik. Für die günstige Miete wird erwartet, dass sie mehrmals täglich gewaltige Massen rosa Seifenschaums abschöpfen, der in ihre Wohnung dringt. Hinter der kunstvollen Mischung aus Slapstick und unterschwelliger Tragik solcher Szenen versteckt sich der eigentliche Film: Eine verhaltene Coming-of-Age-Geschichte über den unvermittelten Einbruch einer Gefühlswelt, die Old Dolio nie kennengelernt hat.

Frau July, als wir uns vor Jahren anlässlich Ihres Films „The Future“ unterhielten, erzählten Sie, wie Sie durch die Finanzkrise zum Bücherschreiben gekommen waren. Hat die Pandemie Ihre Arbeit ebenfalls beeinflusst?

Wir sind ja noch immer im Krisenjahr, hier in Kalifornien. Ich stecke gerade mittendrin in der Pandemie, um die Frage zu beantworten und weiß noch nicht, wie es letztlich meine Arbeit beeinflussen wird. Mein Kind schreit gerade auf dem Fußboden, wir sind hier seit sechs Monaten zu Hause. Und mein Bruder in Nordkalifornien kann mit seinem Kind kaum atmen – wegen der Waldbrände.

Viele Leute erzählen einem ja plötzlich, wie viel sie in der Krise geschafft kriegen. Sehen Sie da für sich auch irgendwas Gutes?

Es führt schon zu einer besonderen Aufmerksamkeit, wobei ich noch nicht weiß, wie sich das auf die Kreativität auswirkt. Es macht doch einen Unterschied, ob man sich so etwas nur vorstellt oder ob es tatsächlich passiert. Insbesondere im Gesundheitswesen; es kann danach nicht mehr so weitergehen wie vorher. Sogar für die Reichen, auch die merken, wie schnell es mit ihrem Leben vorbei sein kann.

Miranda July.

Nun handeln Ihre Filme, Geschichten und Performances ja fast immer von Ausnahmesituationen, Regelverstößen oder einer verschobenen Wahrnehmung. Haben Sie da etwas von Ihren Visionen in der Wirklichkeit wiedererkannt?

Ja, schon die Vorstellung ist so etwas, wie ich diesen Film herausbringen soll, ohne je mein Haus zu verlassen.

Zur Person:

Miranda July, geboren 1974 in Barre, Vermont, ist Filmregisseurin, Schauspielerin, Schriftstellerin, Performancekünstlerin und Musikerin. Ihr Spielfilm „The Future“ war 2011 bei der Berlinale für den Goldenen Bären nominiert. Auf Deutsch erschien zuletzt der Roman „Der erste fiese Typ“ (Kiepenheuer & Witsch).

Auch wir sprechen notgedrungen am Telefon…

Und alle Menschen, die ihn jetzt sehen, sehen ihn im Kontext der Pandemie, wo er ihnen auf eine seltsame Weise zu gehören scheint. Als wäre er für diese Zeit gemacht. Damit muss ich jetzt leben, mit all diesen unheimlichen Resonanzen. Die Art, wie sich die Figuren berühren oder die Wahl des Postamts für einen Raubzug, das schien einigen Zuschauern plötzlich geradezu symbolisch.

„Kajillionaire“ spielt in breiten Tableaus und hat mit Evan Rachel Wood, Debra Winger und Richard Jenkins die prominenteste Besetzung all ihrer Filme. Mit Universal haben Sie auch einen großen Verleih; wollten Sie diesmal auch das breite Publikum in den Multiplexen erreichen?

Ich habe diesen Film schon für ein größeres Publikum konzipiert. Das ist ja auch ein Grund, warum man bekannte Gesichter besetzt, man will dadurch auch deren Publikum einladen. Der Trick ist aber: Wie bewahrt man gleichzeitig das Geheimnisvolle und Unvertraute? Auf der einen Seite haben wir die typische Räuberbanden-Geschichte, dann fehlt aber wiederum die große Explosion auf dem Parkplatz. Auf jeden Fall kommt der Film auch im Mittleren Westen in die Multiplexe. Ich fände ja schon gut, wenn er für alle möglichen Zuschauergruppen funktionieren würde. Mal abwarten. Das ist ja der Spaß dabei. Anders als bei einem Buch ist das im Kino ja manchmal möglich, aus dem Zielpublikum auszubrechen und plötzlich vor ganz vielen verschiedenen Leuten zu erscheinen. Ich liebe das.

Das war alles auch mal sehr viel kleiner, mit ihrem frühen Kurzfilm „Nest of Tens“ gewannen Sie vor zwanzig Jahren bei den Oberhausener Kurzfilmtagen, Ihre ersten Videoarbeiten verschickten Sie per Mailorder für 10 Dollar. Dann kamen die Kunstszene und die Literatur dazu. Welche Welt hat Sie denn am besten behandelt, die Film-, Kunst- oder die Literaturwelt?

Gute Frage. Wahrscheinlich die wirkliche Welt! Trotz ihres ganzen Sexismus. Die Literaturwelt ist da natürlich etwas ganz anderes, es gibt so viele Schriftstellerinnen und so viele gute, und viele haben etwas zu sagen im Verlagswesen. Das ist so anders als in Hollywood. Es gibt wohl keine junge Frau, die kein Vorbild in einer Autorin finden könnte. Aber das ist ja auch langweilig, wenn man nicht mehr so selbstbewusst sein muss und so hart für sich kämpfen. Und dann ist man wieder in einer anderen Welt, und alles ist wieder anders. Aber es hat sich immer wieder geändert, kommt immer darauf an, mit wem man arbeitet. Ich hab da schon überall die Richtigen gefunden.

Interview: Daniel Kothenschulte

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