Polittalk, immer wieder Sonntags mit Anne Will.
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Polittalk, immer wieder Sonntags mit Anne Will.

TV Kritik "Anne Will"

1,8 Millionen vogelfreie Kinder

Zu einer Spendenaktion für die Erdbebenopfer in Haiti rief Anne Will gestern Abend in der ARD auf. Beckmann koordinierte die Telefonhotline, und die Zuschauer spendeten über eine Million Euro. Von Natalie Soondrum

Von Natalie Soondrum

Nie hätten wir gedacht, dass wir noch einmal so erleichtert sein könnten, US-amerikanische Soldaten in irgendeinem Land eintreffen zu sehen. Die Fernsehbilder von Marines, die die Hilfsgüterverteilung in Haiti überwachen, lassen einen aufatmen. Und während in der ganzen Welt, unter anderem gestern Nacht bei Anne Will in der ARD, Spendenaktionen gerade erst anlaufen, haben die US-Amerikaner längst 35 Millionen Dollar gesammelt.

Der langjährige ARD-Korrespondent Dieter Kronzucker mutmaßte, die schnelle Hilfe aus den USA hänge damit zusammen, dass Barack Obama Afroamerikaner sei - was er im strengen Sinne überhaupt nicht ist - und eine "breite Schicht der US-Amerikaner von Sklaven abstamme, wie die Bevölkerung auf Haiti, deshalb passiert eine Fraternisierung".

Gottseidank wurde er sofort von Sabine Christiansen unterbrochen, die seit Jahren als Botschafterin für Unicef tätig ist und schon öfter in Haiti war. Deshalb blieb Kronzucker auch erspart zu erklären, welche afroamerikanischen Wurzeln Bill Clinton und George W. Bush vorweisen können, die als Sonderbeauftragte in den USA zu Spenden aufrufen.

"Wir wissen, Sie wollen gerne Decken schicken und Wasserflaschen", hörte man Bush im Deutschlandfunk sagen und dann ohne Umschweife: "Just send your cash" - Schicken Sie einfach ihr Geld. Dazu wollte auch Anne Will mit Hilfe ihres Kollegen Reinhold Beckmann aufrufen. Beckmann hatte eine Handvoll Prominenter, darunter Benno Fürmann, Susanne Thomalla, Esther Schweins und Johann Lafer zusammengetrommelt, die an der Spendenhotline Anrufe entgegennahmen. Über eine Million Euro sind bis zum Ende der Sendung zusammengekommen. Und auf dem Anrufbeantworter warteten immer noch mehr als 15.000 Anrufer darauf, Ihren Beitrag leisten zu dürfen.

Eine gute Sendung: Im Publikum saßen die gebürtigen Haitianer Jean Renald Benoit, der mit seiner Familie das Erdbeben überlebt hat und Mario Laroche, der verzweifelt versucht hat, telefonisch Freunde im Karibikstaat zu erreichen. "Wo soll man sich sicher fühlen, wenn man sich auf der Erde unter den eigenen Füßen nicht mehr sicher fühlt?"

Benoits Bericht über die 15 Sekunden, die ihm so lang vorkamen wie eine Stunde, helfen allen anderen zu verstehen, warum so viele Haitianer jetzt traumatisiert sind. Laroche dagegen wusste zu berichten, wie die Kinder seines Freundes Micha den Vater noch lebend aus den Trümmern des Justizministeriums zu bergen vermochten. Der Vater gab den Söhnen noch letzte Instruktionen und starb in ihren Armen. Die Söhne begruben ihn, wie in Haiti üblich auf seinem Grundstück. Diese Geschichte bietet Trost.

Neben Sabine Christiansen und Dieter Kronzucker waren die Schauspielerin Alissa Jung, die zwei Schulen in Port-au-Prince unterstützt und die Kindernothilfe-Botschafterin Christina Rau in der Runde anwesend. Alissa Jung berichtete, wie schlimm die Situation auf Haiti schon vor dem Beben war. Im Slum Cité Soleil lebten eine halbe Millionen Menschen. Christiansen, die schon auf der ganzen Welt für Unicef war, sagte, so etwas Schlimmes habe sie noch nie gesehen.

Ein disfunktionaler Staat. Und das, obwohl Haiti nach einem Sklavenaufstand 1804 bereits die Unabhängigkeit erklärte, wie Kronzucker erzählte. Das erste Land überhaupt nach den Vereinigten Staaten. Doch die Duvalier-Diktatoren "Papa Doc" und sein Sohn "Baby Doc" ruinierten Haiti von 1964 bis 1986 nachhaltig. Ein Einspieler klärte die Zuschauer bei Will über politische und wirtschaftliche Hintergründe des Zwergstaats in der Karibik auf.

7,5 Millionen Euro reichen nicht

Guido Westerwelle hatte einen Auftritt, ebenso Bundespräsident Horst Köhler, der Schirmherr der Welthungerhilfe ist. 7,5 Millionen Euro Hilfe hat die Bundesregierung bisher für Haiti locker gemacht. Wie viel Geld floss doch gleich in die marode Hypo-Real-Estate-Bank? - Okay, kein Kommentar. Selbst Westerwelle sagte: "Das reicht nicht."

Nach der Nachhaltigkeit der Hilfsaktionen fragten viele Anrufer die Promis in der Hotline. Für sie stehen Organisationen wie Miseroer und die Welthungerhilfe, die schon seit Jahren in Haiti aktiv sind. Doch Christiansen brachte die augenblickliche Situation auf den Punkt: 1,8 Millionen Kinder laufen verwirrt und traumatisiert in Haiti umher. Sie sind Freiwild für Organdiebe und Menschenhändler und sie haben nichts zu essen und zu trinken. Sie brauchen sofort Hilfe. Just send your cash - Schicken Sie einfach Ihr Geld.

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