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Juliette Binoche als Claire in „So wie du mich willst“.

„So wie du mich willst“

„So wie du mich willst“ mit Juliette Binoche im Kino: Elektronische Liebschaften

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Schon wieder ein Film über Liebe in sozialen Netzwerken: Juliette Binoche in „So wie du mich willst“.

Ein paar Themen scheint es immer noch zu geben, über die nur ganz selten einmal ein guter Film gelingt. Lange lag zum Beispiel über dem Thema „Fußball“ so ein Fluch, die Fußball-Faszination ließ sich höchstens ab und an einmal indirekt einfangen.

Vielleicht sollte man einen speziellen Preis aussetzen für den ersten richtig guten Film über das Internet und seine Bedeutung für das Leben in unserer Zeit; er wird, wie eine Reihe von Fehlversuchen nahelegen, dringend gesucht. Die Firma Apple könnte ihn zum Beispiel spendieren; das wäre künstlerisch sinnvoller als ihr offensives Product Placement, das inzwischen rund zwei Dritteln aller Hollywoodfilme eine leicht absurde Note verleiht – weil stets suggeriert wird, es gäbe keine Konkurrenzprodukte mehr auf der Welt.

Auch „So wie du mich willst“, ein französisches Melodram über eine virtuelle Liebesbeziehung, scheint auf diese Weise zu einem unfreiwillig absurden Moment gekommen zu sein. Da doziert die Literaturprofessorin Claire (Juliette Binoche) vor ihrem Seminar über Choderlos de Laclos’ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ – und blickt im Dunkel des Hörsaals auf ein Meer von Macbooks.

Was diese Szene eigentlich aussagen möchte, liegt natürlich auf der Hand: Zwei Medien der Manipulation stehen da einander gegenüber, die Briefpost des 18. Jahrhunderts und ihre elektronischen Äquivalente in der Gegenwart. Effektiver noch als mit Papier und Tinte lassen sich die Potemkinschen Dörfer der Selbstdarstellung in modernen sozialen Netzwerken errichten. An mangelnder Gegenwehr der so Verführten hat sich indes wenig geändert. Selbst da, wo Worte nur noch Nebensache sind, bei den Diensten Tinder oder Instagram, wird kräftig zwischen den Zeilen gelesen und die Beweiskraft von Bildern sträflich überschätzt.

Juliette Binoche alias Claire entdeckt Facebook für ein Doppelleben

In dieser Verfilmung des Romans „Celle que vous croyez“ der in Frankreich sehr bekannten Autorin Camille Laurens, entdeckt Claire in ihren mittleren Fünfzigern den Messengerdienst von Facebook für ein Doppelleben. Ihr sehr viel jüngerer Partner hat sich von ihr abgewendet – auf jene schäbige Art, die schon das ältere Medium des Telefons fatalerweise über die Menschheit gebracht hat: Man meldet sich einfach nicht mehr zurück.

Nun textet sie – teils aus Lust, Teils aus Rache am männlichen Geschlecht – dessen gutaussehenden Freund an. Erstaunlich schnell springt Alex, ein Fotograf Mitte zwanzig, darauf an. Als der junge Mann nach einem Foto fragt, ergänzt sie ihr Profil, das sie unter dem Pseudonym Clara betreibt, um ein Foto ihrer 24-jährigen Nichte, einer attraktiven Blondine. Warum die Wahl gerade auf sie fällt, wird noch im letzten Drittel des Films eine Rolle spielen, wenn sich das Drama etwas überdeutlich als Rache- und Manipulationsgeschichte in die Nachfolge der „Gefährlichen Liebschaften“ stellt.

Zunächst aber entspinnt sich die Geschichte einer gegenseitigen Anziehung, die sich in einer Virtualität entzündet, die – besonders vonseiten des Mannes – danach giert, in Realität umgewandelt zu werden. Die naheliegenden Schritte sind erst das Telefon und dann der Telefonsex.

Dass sich der von François Civil zunächst in angemessener Unsichtbarkeit gespielte Alex überhaupt darauf einlässt, in Claires Stimme eine drei Jahrzehnte jüngere Frau zu imaginieren, müssen wir wohl als eine weitere Referenz an die Erzählkultur früherer Jahrhunderte verstehen: Schon die Hosenrollen klassischer Abenteuergeschichten waren nicht immer wirklich glaubhaft. Aber halten wir es einmal für möglich.

Ebenso unwahrscheinlich wäre es freilich in der wirklichen Welt, dass es einem auf diese Art Verführten lange genügen würde, seine mysteriöse Internetbekannte nicht physisch zu treffen. Und dass er auch noch an der virtuellen Beziehung festhielte, wenn diese ihn selbst bei angekündigten Treffen mit fadenscheinigen Begründungen versetzte. Zumindest filmsprachlich kommt es bei einer solchen Gelegenheit zur ersten großen Szene dieses Kammerspiels: Natürlich ist Claire zur verabredeten Zeit seiner Ankunft in Paris am Bahnsteig. Als Alex nach ihr sucht, erkennt sie ihn sofort nach seinen Fotos, nähert sich ihm auf Zentimeter und bleibt doch eine Unsichtbare.

Die immer kleinere, verlorene Juliette Binoche

So wie du mich willst. F 2018. Regie: Safy Nebbou. 102 Min.

In den der Autofiktion zugerechneten Werken von Camille Laurens spielen feministische Themen eine zentrale Rolle. Dem Regisseur dieser ersten Verfilmung eines Laurens-Romans, Safy Nebbou, gelingt hier ein metaphorisches Bild für die oft thematisierte Unsichtbarkeit einer Frau mittleren Alters für den männlichen Blick. Tatsächlich ist die Visualisierung dieser Geschichte einer allein von der Sprache gelenkten Verführung und Manipulation der interessantere Teil. Nichts ist für das Kino uninteressanter, als Handydisplays und Computerbildschirme. Daran krankten nahezu alle bisherigen Filme über das Internet, und es ist geradezu anrührend, welche Mühe sich eines der frühesten – und besten – Beispiele bereits 1998 gab, sich nicht darin zu verlieren: Nora Ephrons Komödie „E-Mail für Dich“.

Safy Nebbou nutzt die wenigen Gelegenheiten, die ihm das wortlastige Drehbuch bietet, zu Bildern, die es an Mitteilsamkeit mit den Texten aufnehmen können. Die stärkste Szene spielt auf den berühmten Rolltreppen an der Fassade des Centre Pompidou. Als Claire von ihrem Ex-Freund eine tragische Nachricht bekommt und kurz darauf allein auf einem Treppenabsatz zurückbleibt, erfasst sie die Kamera von außerhalb des Plexiglasfensters, das die Rolltreppe umhüllt. Nun fährt die Kamera, die auf einer Drohne montiert ist, zurück, um ein imposantes Panorama des Pariser Beaubourg-Viertels einzufangen – mit einer immer kleineren, verlorenen Juliette Binoche. Das ist vielleicht etwas plakativ, aber es ist mehr, als der Film sonst zu bieten hat.

Eine andere Besonderheit der Inszenierung ist die Aufwertung der eigentlich marginalen Figur des Alex zu einer anrührenden Opferrolle. So naiv die Liebesfähigkeit dieser Figur ist, so menschlich erscheint sie doch im Gegensatz zur eigentlichen Protagonistin. Was dieser Film dagegen überhaupt nicht vermittelt, ist sein eigentliches Thema, die Macht der Worte. Der Dialog ist einfach nicht gut genug, um die Verführungskraft zu vermitteln, und jeder Verweis auf den Klassiker „Gefährliche Liebschaften“ (oder seine Verfilmung durch Stephen Frears) wirkt anmaßend.

Seien wir gespannt, wann das Kino endlich einen Weg gefunden haben wird, die merkwürdigen Seelenlandschaften, die Chatrooms geniereren können, von den kleinen Displays auf die große Leinwand zu übertragen.

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