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Der Messias möge kommen

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Von: Inge Günther

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Jigal Amir beim Prozessbeginn in Tel Aviv, 1996.
Jigal Amir beim Prozessbeginn in Tel Aviv, 1996. © rtr

Ein umstrittener Film über Jigal Amir, der Jitzchak Rabin ermordete.

Die Kamera schwenkt aus der Vogelperspektive über biblische Felsmassive. Es folgt der Dialog zwischen einem kleinen Jungen und seinem Vater, dessen Stimme aus dem Off zu hören ist. Wie es ihm geht, will der Sohn wissen. „Sag mir, ob sie gut oder böse sind.“ Gemeint sind die Leute, die seinen Vater im Gefängnis halten. Woraufhin dieser erst ausweicht, dass es solche und solche gebe, um dann in väterlichem Ton hinzuzufügen: „Ich will, dass du verstehst, warum ich es getan habe.“

So beginnt der Film über den Mörder, der Ministerpräsident Jitzchak Rabin vor zwanzig Jahren nach einer Friedenskundgebung in Tel Aviv erschoss. In achtzig Minuten wird dem Zuschauer nahegebracht, dass auch jemand wie Jigal Amir, der von der israelischen Gesellschaft als Monster betrachtet wird, menschliche Züge besitzt und dazu eine Familie, die ihn liebt. Man fragt sich in mancher zähen, belanglosen Szene, ob man das überhaupt wissen will. Das Verständnisheischende daran kann – so ist aus eigener Erfahrung zu berichten – eine geradezu physisch spürbare Aversion auslösen.

Es haben sich bereits namhafte Stimmen zu Wort gemeldet, die forderten, den Film „Beyond the Fear“ (Jenseits der Angst) nicht zu zeigen. Schimon Peres, Rabins einstiger Weggefährte, argumentierte, hier stoße Meinungsfreiheit an ihre Grenzen. Kulturministerin Miri Regev rief das Publikum zum Boykott auf. Für die stramm Rechte eine willkommene Gelegenheit, sich als furchtlose Oberzensorin zu präsentieren, die nicht nur linken Kunstschaffenden Mittel entzieht, wie etwa jüngst dem arabisch-israelischen Theater Al Midan in Haifa, das ein Stück über palästinensische Häftlinge auf die Bühne brachte.

Die Zuschauer kamen

Jedenfalls wurde auf Regevs Drohung hin, die Förderung zu streichen, „Beyond the Fear“ nur außerhalb des derzeit laufenden Jerusalemer Filmfestivals gezeigt. Im Festivalprogramm wird der Film jedoch genannt, und am Wettbewerb nimmt er ebenfalls teil. Zweimal hintereinander füllte das umstrittene Werk den Saal. Und am Ausgang streckten israelische Fernsehteams den Zuschauern Mikros entgegen. Die waren großteils russischstämmig wie die Regisseure (der inzwischen verstorbene Herz Frank und Maria Kravchenko), rechte Siedlerfreunde oder beides.

Viel Aufregung um einen Film, der an ein Tabuthema rührt, der historische Rückblenden auf Friedensdemos, Selbstmordattentate und Siedlungsräumungen hineinmischt, aber im Wesentlichen um das Gefühlsleben des Mörders von Rabin kreist. Dessen Beweggründen fügt der Film kaum Neues hinzu. Außer, dass Amir, einst ein jüdisch-fanatischer Student, heute ein Lebenslanger mit sich lichtendem Haar, nichts dazugelernt hat.

Aber sein Ziel hat er erreicht. Die drei Kugeln in Rabins Rücken waren der Beginn vom Ende einer hoffnungsvollen Zeit, als viele Israelis und Palästinenser noch an eine politische Lösung glaubten. Jigal Amir sitzt seit jenem 4. November 1995 hinter Gittern, zwar isoliert, aber in recht gut ausgestatteter Zelle mit ehelicher Kontakterlaubnis einmal pro Monat. Das israelische Friedenslager indes befindet sich heute aussichtslos in der Minderheit. Und ein glaubwürdiger Frontmann wie einst Rabin, der eine Mehrheit für einen neuen Anlauf zur Aussöhnung zustande bringen könnte, ist nicht in Sicht.

Derweil räkelt sich der kleine Jinon daheim auf dem Teppich, den Telefonhörer am Ohr, und fragt den Vater, warum der nie nach Hause komme. Jinon wurde im Gefängnis gezeugt. Seine Mutter, Larisa Trembovler, eine russische Einwanderin und fromm, war fasziniert von dem einige Jahre jüngeren „Outlaw“ Jigal Amir. Also schrieb sie ihm und entdeckte, wie sie im Film gesteht, „einen Seelenverwandten“.

Sie hatte bereits vier Kinder, ließ sich aber aus Liebe zu Amir scheiden. Per Hungerstreik und Klagen vor Gericht setzten die beiden schließlich das Recht auf Heirat plus deren geschlechtlichen Vollzug durch. Ob sie sich in Amir auch verliebt hätte, wenn sie ihm in Freiheit begegnet wäre? Sie ja, aber er umgekehrt eher nicht, erwidert Trembovler da, was wahrscheinlich eine sehr ehrliche Antwort ist. Der Anwalt Amirs, ein durchaus schräger Vogel, wiederum erklärt vor der Kamera, eines könne man seinem Mandaten nicht absprechen: Er habe aus idealistischen Motiven gehandelt, um Israel zu retten. So möchte es Jigal Amir gesehen haben, besonders, wenn er seinem Sohn vor dem Einschlafen von den Heldentaten biblischer Gestalten erzählt.

Wie sehr der kleine Jinon mit diesem Vater gestraft ist, ahnt er noch nicht. Am Ende dieses angeblich vorurteilsfreien Films jedenfalls stopft der Knirps einen Zettel mit einem Gebet in die Klagemauer: Der Messias möge bald kommen, dann wäre der Vater frei.

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