Der Film kommt am 23.04.2015 in die deutschen Kinos.
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Der Film kommt am 23.04.2015 in die deutschen Kinos.

„Big Eyes“

Menschliches Leid hat viele Gesichter

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Tim Burton erzählt in „Big Eyes“ voller Bewunderung die Geschichte der Künstlerin Margaret Keane. Die Komplexität ihres schurkischen Mannes, gespielt von Christoph Waltz, blendet er seltsamerweise aus.

Tränen rinnen Bahnen aus übergroßen Kulleraugen. Menschliches Leid hat viele Gesichter, doch für die Gemäldefabrik des US-Künstlerpaars Keane reichte ein einziger Ausdruck. In ihren Bildern wandten sich verwahrlost wirkende Kindergesichter direkt an den Betrachter, blickten scheu hinter einem Mauerrest hervor oder durch ein Loch im Maschendraht.

Wer noch nie eines dieser in den sechziger Jahren in den USA massenhaft verbreiteten „Big Eyes“-Motive gesehen hat, macht wohl bald selber große Augen. Spätestens, wenn man die Geschichte hinter diesen Bildern erfährt, die Tim Burton hier verfilmt. Sie gehört zum prosperierenden Nachkriegsamerika wie der Rock ’n’ Roll und die Kommunistenhatz, der Hula-Hoop-Reifen und die Invasion in der Schweinebucht. Es ist eine Erfolgsgeschichte, aber auch ein Drama über Lügen und Betrug. Heute würde man von einem Kunstskandal sprechen, für die zeitgenössische Kritik war der rührselige Bilderberg in seiner Mischung aus Comichaftigkeit und spätimpressionistischer Malweise schlichtweg „Kitsch“.

Wie viele davon der Geschäftsmann Walter Keane mit seiner Signatur versah, weiß wohl nicht einmal seine frühere Ehefrau Margaret, die noch heute in San Francisco eine Produzentengalerie betreibt. Dabei hat die alte Dame jedes einzelne davon gemalt, auch wenn ihr Mann dafür den „credit“ einsteckte. Erst nach der Trennung ging Margaret Keane 1970 an die Öffentlichkeit, es folgte ein langer Rechtsstreit. Walter bezeichnete sich weiterhin als Urheber, Aussage stand gegen Aussage – bis ein weiser Richter ein Schaumalen anordnete. Am Ende war Walters Leinwand leer geblieben, während Margaret binnen 53 Minuten ein weiteres ihrer berühmt-berüchtigten Trümmerkinderbilder präsentieren konnte. Ein „Hollywood-Ending“ für die unbekannte Meisterin.

Gespielt von Amy Adams, erreicht Margaret als frisch geschiedene, allein erziehende Mutter Mitte der 50er Jahre ein sonniges San Francisco. Ein Hauch von Paris liegt in der Luft, als sie in den Straßen einen Porträt-Stand aufmacht. Kinderbilder gibt es bei ihr für einen Dollar. Der Kollege verlangt schon etwas mehr für seine Straßenansichten vom Montmartre. Christoph Waltz spielt Walter Keane als Schmalspurausgabe des heimgekehrten „Amerikaners in Paris“: Überaus charmant verkauft er Künstlerträume und erst einmal sich selbst. Margaret verliebt sich Hals über Kopf und beteiligt sich nur zu gern an den Kneipenausstellungen ihres künftigen Ehemanns. Dass dieser nach einem zufälligen Missverständnis dabei bleibt, sich als Urheber ihrer Kinderbilder auszugeben, nimmt sie nach anfänglicher Wut bald klaglos hin.

Geschichten, die das Leben schreibt, geraten gegenüber frei erfundenen Drehbüchern manchmal ins Hintertreffen: Sobald es knüppeldick in ihnen kommt, hält man sie für unglaubwürdig. Aber hat Tim Burton nicht schon mit „Ed Wood“ eine noch unglaublichere Künstlerbiografie geschaffen, die des angeblich schlechtesten Regisseurs der Welt, der gleichwohl sein Herzblut in seine obskuren Horrorfilme steckte?

Doch wo ist das Herzblut in „Big Eyes“? Müsste sich nicht hinter den Wänden der mondänen Residenz, die die Keanes auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs bewohnen, mehr davon finden als in den Dielen des Barbiergeschäfts von „Sweeney Todd“? Wenn ein Filmemacher selbst am Schicksal eines Massenmörders Anteil nimmt, müsste er nicht auch etwas Interessantes hinter dem windigen Charisma des Walter Keane entdecken? Doch gerade in der Darstellung eines Schauspielers, der auf die Rolle unwiderstehlicher Widerlinge spezialisiert ist, bleibt Walter Keane ein Rätsel. Was bringt diesen Mann dazu, der als Geschäftsmann zu erheblichem Wohlstand gekommen ist, sich als Maler von Flohmarktkunst zu positionieren?

In einer in seinem Werk völlig unbekannten Nachlässigkeit hat Burton all jene so interessanten Widersprüchlichkeiten seines Schurken ausgeblendet. Im wahren Leben war Walter Keane bereits mit Kulleraugen sehr erfolgreich, bevor er Margaret kennenlernte. Gemeinsam mit seiner ersten Frau, einer späteren Design-Professorin, produzierte er großäugige Puppen zur Sprecherziehung. Zuvor hatten beide als Immobilienmakler gute Geschäfte gemacht. Eine ausgedehnte Europareise führte sie über Heidelberg auch nach Paris. Keane schloss schließlich seine Firmen, weil er es sich leisten konnte, sich ganz der Malerei zu widmen.

Das von Scott Alexander und Larry Karaszewski verfasste Drehbuch reduziert seine Rolle auf den Schwindler und Scharlatan. Dass er seine „Big Eyes“-Bilder nicht selbst malte, steht außer Frage. Aber muss man deshalb auch behaupten, er habe nie selbst ein Bild gemalt, ja sei wohl nicht einmal in Paris gewesen? Auch wenn Christoph Waltz in der Rolle alle Register zieht (Burton lässt ihn ungebremst die Grenze zur Karikatur passieren) – der wahre Walter Keane, der 2000 verarmt starb, war wohl ein anderes Kaliber. Schon als Geschäftsmann hatte er einen falschen Hochschulabschluss für sich reklamiert. Doch was ihn dann antrieb, noch vor Andy Warhol – der ihn bewunderte – eine Kunstfabrik aufzuziehen, blendet der Film völlig aus.

Tim Burton ließ sich spät für diese Weinstein-Produktion gewinnen, die ursprünglich die Drehbuchautoren selbst inszenieren wollten. Möglicherweise hat ihm dann seine Verehrung für Margaret Keane ein Schnippchen geschlagen: Amy Adams spielt sie in so liebevoller Zurückhaltung, dass Waltz’ überdrehtes Spiel noch unpassender erscheint.

Bereits in den 90ern war Burton in Margaret Keanes Studio gepilgert, um seine damalige Lebensgefährtin, das Model Lisa Marie Smith, von ihr porträtieren zu lassen. Der Keane-Einfluss ist unverkennbar: Große Augen finden sich in seinen frühen Zeichnungen und den späteren Puppenfilmen. Burton hat ein Faible für Kunst ohne Lobby, die schönste Szene von „Big Eyes“ spielt in einer schicken Galerie. Selbstbewusst stellt Walter Keane süßliche Bilder vor die weißen Wände, die offensichtlich dem Abstrakten Expressionismus vorbehalten sind. Schließlich beendet der befreundete Galerist das absurde Schauspiel mit dem Satz: „Nimm deinen Krempel weg, bevor die Geschmackspolizei eintrifft.“

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie schmal das Schlupfloch gewesen sein muss, durch das sich Burton einmal nach Hollywood schleichen konnte. Seinen ersten gut bezahlten Job hatte er im Disneystudio. Ein Jahr lang teilte er sich ein Büro mit dem deutschen Zeichner Andreas Deja, der den Auftrag hatte, Burtons wilde Entwürfe ein wenig zu „disneyfizieren“. Letztlich ein Ding der Unmöglichkeit. Heute engagiert Disney Burton für viel Geld, um den umgekehrten Weg zu gehen: Als Regisseur eines Remakes soll er demnächst den Klassiker „Dumbo“ als Burton-Film auflegen.

Margaret Keanes Kunst fehlt diese Bandbreite ebenso wie Burtons Anpassungsgabe. Aber vielleicht imponiert gerade das Burton. Ist das am Ende die Anklage, die aus ihrer trotzigen Sentimentalität spricht? Was kümmert uns die moderne Kunst – auch Flohmarktkunst hat ein Lebensrecht.

Big Eyes. USA 2014.

Regie: Tim Burton. 106 Min.

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