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„Memoria“: Der Urknall der Welt

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Von: Daniel Kothenschulte

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ilda Swinton als Jessica. Foto: Sandro Kopp/Port au Prince Pictures/dpa
ilda Swinton als Jessica. © dpa

Der thailändische Filmkünstler Apichatpong Weersethakul und sein neues filmisches Rätsel mit Tilda Swinton

Ganz am Anfang der Filmgeschichte gab es keine Trennung zwischen fiktionalem und nicht-fiktionalem Kino. Die neuen Wirklichkeitsbilder waren Erzählung genug. Und über Inszeniertes ließ sich staunen als wären es wahr. Die wahre Filmavantgarde hat sich freilich stets über diese aufgesetzten Gattungsgrenzen hinweggesetzt.

Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul ist mit seinen langen, beobachtenden Kameraeinstellungen ein Nachfahre der Brüder Lumière. Mit der Geduld eines Naturfilmers lässt er die Kamera laufen, bis die Orte, die er filmt, mehr als das Sichtbare freizugeben scheinen. Er verfilmt Geschichten, die ihm Passanten erzählen wie wahre Märchen („Mysterious Object at Noon“), folgt den Gedankenströmen eines Liebespaars („Blissfully Yours“) oder filmt den Dschungel so lange, bis ein Geist darin erscheint („Tropical Maladay“). Sein Meisterwerk gelang ihm mit 2010 mit dem Cannes-Gewinner „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben.“ Das Fantastische fand zu einem eigenen Realismus, wenn sich die Geister von Kriegsopfern wie selbstverständlich unter die Lebenden mischten.

Für seinen neuesten Film „Memoria“ erhielt Apichatpong Weerasethakul im vergangenen Jahr in Cannes den „großen Jury-Preis“. Tilda Swinton spielt darin eine Frau namens Jessica, die einem merkwürdigen Klang nachspürt, den sie in ihrem Innern hört. In Bogotá macht sie die Bekanntschaft einer von Jeanne Balibar gespielten Archäologin, und dann ist es wie immer bei Weerasethakul: Menschliche und kulturgeschichtliche Erinnerungen vermischen sich zu einem metaphysischen Konzert, bei dem auch noch Geister und in diesem Fall vielleicht sogar ein Ufo mitmischen wollen.

Einmal sagte uns der Regisseur in einem Interview, dass er selbst häufig Geister in seiner Umgebung spüre, außer wenn er gerade nicht in Asien weile. Das könnte vielleicht erklären, warum es sein südamerikanischer Ausflug nicht ganz mit früheren Arbeiten wie „Uncle Boonmee“ aufnehmen kann. Oder ist es nur unser europäisch geprägter Blick, der in der Kultur eines westlich sozialisierten Landes weniger Geheimnisvolles zu erkennen glaubt, als in Südostasien?

Oder liegt es an der einfacheren Erzählstruktur, getragen von einer einzelnen Protagonistin, dass man sich weniger lustvoll verirren kann in die audiovisuelle Komposition? Anders als seine früheren Filme zerfällt „Memoria“ in einzelne Sequenzen, die allerdings für sich ausgesprochen faszinierend sind. In Museumsausstellungen, wo Weerasethakul im vergangenen Jahrzehnt häufiger als auf Filmfestivals anzutreffen war, würde man sie als eigenständige Kunstwerke betrachten.

Was Jessica hört

Da ist zum Beispiel die wunderbare Szene, in der Jessica in einem Tonstudio versucht, den Klang, der sie verfolgt, hörbar zu machen. Ein junger Toningenieur öffnet eine Klang-Bibliothek, doch findet er lange nicht das Gesuchte. Wie sie es beschreibt, etwa wie eine Kugel, die in Wasser in einem Metallbecken fällt. Nach ihren Angaben verändert er eine Geräuschaufnahme schließlich solange, bis er sie mit der exakten Nachbildung ihrer akustischen Vision beschenken kann.

Es ist ein wunderbares Beispiel für den semidokumentarischen Anteil an Weerasethakuls Filmsprache. Eine bekannte Methode aus der Kriminalistik, das Erstellen eines Phantombilds, überträgt er da ins Akustische, und den wissenschaftlichen Ansatz der Beweisaufnahme in die Sphäre der Kunst. Als die Frau später im Studio nach dem Toningenieur fragt, kennt ihn dort niemand mehr. Dafür verirrt sie sich in die Improvisations-Session einer Jazzband. Unwillkürlich folgen wir den Filmfiguren darin, hinter die Bilder und Töne zu schauen, um mehr darin zu entdecken als sie vordergründig darstellen.

Dabei erfindet Apichatpong Weerasethakul das Kino nicht neu, sondern rückt vielmehr dessen sonst verborgenen Methoden in den Vordergrund. Klangdesign ist zum Beispiel ein wichtiger Teil fast jeder Filmproduktion, nur sollen wir ihn meist nicht bemerken. Und bei der Wahl der Schauplätze geht es jedem, der mit Filmausstattung zu tun hat, natürlich auch um das Einfangen der Aura belebter Orte. Hier aber erreichen die Spielorte eine eigene Autonomie wie man es in der bildenden Kunst mit dem object trouvé verbindet.

Auf die nüchterne, aber auf eine universelle Weise vertraute Architektur eines Krankenhauses, wo Swintons Filmfigur anfangs zu Besuch ist folgt der brutatlistische Bau einer Musikakademie, wie sie in den 70er Jahren an vielen Orten auf der Welt gebaut wurden. Längst feiern Liebhaber diese lange verschmähten Baustil für seine raue Schönheit, die kantigen Raumkörper und die in den rohen Wänden verewigten Holzstrukturen. Es gibt nicht viele Filmemacher, die sich die Zeit nahmen, Bauten und Landschaften selbst eine Stimme zu geben. Apichatpong Weerasethakul arbeitet hier ähnlich wie Michelangelo Antonioni.

Wie das Kino die Welt sieht

Und was hat es nun auf sich, mit dem Klang, den außer Jessica niemand hören kann? Ihre Suche führt sie schließlich in die Nähe des Dschungels, wo sie auf einen nicht weniger rätselhaften Namensvetter des verschwundenen Tonmeisters trifft. Er könne nichts vergessen, erklärt ihr der Einsiedler, jede frühere Wahrnehmung begleite ihn Leben lang. Aus diesem Grund habe er sich entschlossen, kaum noch neue Eindrücke aufzunehmen.

Es ist wie eine Formel der Weltsicht des Kinos von Apichatpong Weerasethakul: Ein Universum, in dem die Spuren von allem, was darin vorgegangen ist, noch lebendig ist. Man muss sie nur wahrnehmen.

Memoria. Kolumbien, Thailand, Mexiko, GB, F 2021. Regie: Apichatpong Weerasethakul. 136 Min.

Apichatpong Weerasethakuls Film „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ ist derzeit in der Arte-Mediathek zu sehen.

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