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Das Treffen zwischen Hitchcock und Truffaut im Jahre 1962 in den Universal Studios in Hollywood wurde von dem großen Fotografen Philippe Halsman festgehalten.

TV-Kritik: „Hitchcock-Truffaut“

Der Meister war zu Tränen gerührt

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Alfred Hitchcock eröffnete dem Kino manch pfiffigen Trick. Der Franzose François Truffaut hatte Hitchcocks Meisterschaft früh erkannt und traf ihn 1962 zu einem langen Interview – Thema einer Arte-Dokumentation, die Lust machte, die Filme beider Regisseure kennen zu lernen.

David Fincher fand das Buch in der Bibliothek seines filmbegeisterten Vaters. Wes Anderson hat sein Exemplar total zerlesen. James Gray nennt es „ein Fenster in die Welt des Kinos“. Für Regisseure, aber auch Filmliebhaber in aller Welt ist das Buch „Le Cinéma selon Hitchcock“ – „Das Kino nach Hitchcock“ – eine Pflichtlektüre. In Deutschland erschien es zunächst unter dem Titel „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“.

Eben darum ging es dem Herausgeber François Truffaut, der Filmkritiker gewesen war und zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches bereits selbst als Regisseur namhaft geworden war.

Truffaut wie auch andere Kollegen der französischen Filmbewegung Nouvelle Vague verehrten den in Hollywood tätigen Briten Alfred Hitchcock zutiefst. Jean-Luc Godard stellte Hitchcocks Filme auf eine Stufe mit Werken der Hochliteratur. Hitchcock galt zu dem Zeitpunkt noch als handwerklich versierter Regisseur reißerischer Kriminalfilme und Thriller. Truffaut und Kollegen aber sahen mehr in ihm.

Sie fanden wiederkehrende Motive, durchgehende Absichten, psychologische Subtexte. Eine eigenständige Handschrift also, die zu ihrer Theorie von der „politique des auteurs“ passte, aus der in den USA durch den Kritiker Andrew Sarris die „Autorentheorie“ wurde. Eine Interpretationshilfe, aber keine allgemeingültige „Theorie“, da Filme hochgradig arbeitsteilig produziert werden. Letztendlich muss zur Beurteilung des Ergebnisses im Einzelfall geprüft werden, welchen Anteil jeweils der Drehbuchautor, der Kameramann, der Cutter und andere am Ergebnis haben.

Dirigent des Schreckens

Ohne Frage erzielte Alfred Hitchcock gekonnt die von ihm gewünschte Wirkung, versetzte sein Publikum in Schrecken oder brachte es zum Lachen. Wie ein Dirigent sein Orchester leitet, so gebot Hitchcock über die Maschinerie der Filmstudios, plante jede Einstellung exakt voraus. Schauspieler waren für den studierten Ingenieur nur Erfüllungsgehilfen; es brachte ihn auf, wenn sie eigene Ideen entwickelten. Er ging so weit, sie abschätzig als „Vieh“ zu bezeichnen.

Diese Dinge waren noch wenig bekannt, als François Truffaut die Idee entwickelte, den Meister ausführlich zu seinen Werken zu befragen und das Ergebnis als Buch zu veröffentlichen. Auf das schriftlich geäußerte Anliegen antwortete Hitchcock: „Ihr Brief hat mich zu Tränen gerührt.“ Er ließ sich bereitwillig auf das kolossale Unternehmen ein.

Truffaut und eine Übersetzerin reisten nach Hollywood, trafen Hitchcock in den Universal Studios und arbeiteten selbdritt täglich von neun Uhr morgens bis abends um sechs. Die Gespräche wurden mit dem Tonband aufgezeichnet, ein Fotograf schoss Bilder, wobei Hitchcock teilweise die Inszenierung übernahm.

Hitchcock für die nächste Generation

Das Treffen in Hollywood, das daraus entstandene und 1966 erstmals veröffentlichte, reich illustrierte Buch standen im Zentrum des Dokumentarfilms von Kent Jones und Serge Toubiana. Von diesem Ereignis ausgehend, lieferten sie Werkbiographien der beiden beteiligten Regisseure. Kursorisch, wie angesichts der Laufzeit von 79 Minuten kaum anders möglich, aber mit treffenden Beispielen, die die Besonderheiten im Schaffen von Truffaut und Hitchcock nachvollziehbar herausstellten.

Dies nun ist keine Pionierleistung, es hat viele Filme insbesondere zu Hitchcock gegeben, auch bereits zum Mammutinterview von 1962. Aber es wachsen immer neue Publikumsgenerationen nach und natürlich auch Regisseure. Das zeigt sich schon an der Auswahl der Filmemacher, die das Schaffen Hitchcocks sowie Truffauts bahnbrechendes Buch kommentierten.

Martin Scorsese und Peter Bogdanovich machten dergleichen nicht zum ersten Mal, aber auch Richard Linklater war dabei, Wes Anderson, Kiyoshi Kurosawa, Olivier Assayas.

„Hitchcock-Truffaut“ lieferte einen gelungenen Einstieg ins Thema und regte dazu an, die zitierten Filme, auch die von Truffaut, erstmals oder erneut anzusehen und mit neuem Wissen in den Filmbildern auf Entdeckungsreise zu gehen. Eine erste Gelegenheit gab es gleich im Anschluss mit Hitchcocks „Frenzy“.

Eine allerdings unglückliche Wahl, denn der makabre Thriller zählt zu den späten Arbeiten des gefeierten Regisseurs, war also nicht Gegenstand des seinerzeitigen Gesprächs. Dem Kultursender Arte stünde gut an, gerade die weniger bekannten Filme aus Hitchcocks OEuvre, insbesondere das in München entstandene Frühwerk, (wieder) zugänglich zu machen.

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