Sandra Maischberger.
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Sandra Maischberger.

TV-Kritik: Menschen bei Maischberger

Meinungsfreiheit oder Religionsfrieden - was zählt mehr?

Die kurzfristige Absage von Bettina Wulff bei "Menschen bei Maischberger" macht den Weg frei für einen Polit-Talk alter Schule: Die Expertendebatte über das Muslim-Video und seine Wirkungsmacht produziert mehr relevante Fragen als einfache Antworten.

Von Klaudia Wick

Das Thema ist eine Krake: Es hat stattliche Ausmaße, einen nur wenig konkurrierten Kern, und zeigt seine Bedeutung vor allem in den vielen weitreichenden Fragen, die es aufwirft. Das mag auch an der Dynamik liegen, mit der das in den USA gedrehte Muslim-Video weltweit Wirkung zeigt: In Tunesien, Ägypten, Sudan und Bangladesch protestieren Gläubige gegen die Verunglimpfung ihres Propheten, der US-Botschafter und drei seiner Mitarbeiter fanden in Libyen den Tod. Wütete da „nur“ ein entfesselter Mob oder denkt insgeheim der ganze Orient so? Im Sudan setzten die Demonstranten die Deutsche Botschaft in Brand. War das Zufall oder politische Absicht? Und der Funke der gewalttätigen Empörung könnte auch ins deutsche Inland überspringen, wenn die rechte Splitterpartei Pro Deutschland den Film in Berlin wie geplant aufführen kann. „Muss man deshalb das Video oder zumindest seine Aufführung in Deutschland verbieten?“, fragte Sandra Maischberger in ihrer kurzen Anmoderation. „Oder gibt man damit denen Recht, die im Namen des Films morden?“

Eigentlich hätte an diesem Abend Bettina Wulff hier sitzen sollen, um mit der Feministin Alice Schwarzer und dem Medienberater Michael Spreng über ihre Kampagne gegen Google zu sprechen. Aber die hatte am Samstag alle Medienauftritte abgesagt. Es ist beachtlich, dass die Redaktion sich nicht einfach auf ein x-beliebiges Verbraucherthema (Günther Jauch) zurückzog oder über innerdeutsche Befindlichkeitsfragen debattierte (Anne Will) , sondern eine kompetente Runde zusammenstellte, die sich der Herausforderung des Themas in aller Ernsthaftigkeit stellte.

Schwarzer: Video ist ein Vorwand

Unter den sechs geladenen Gästen hatte die Mehrheit das Video nicht gesehen und damit das erste Tentakel am Wickel: Um das Video, das auch Maischberger eingangs nur in Standbildern zitierte, geht es gar nicht. Der Film sei für die radikalen Muslime nur ein Anlass, etwas zu tun, was man ohnehin vorhatte, erklärte Tarek Al-Wazir, Fraktionsvorsitzender der hessischen Grünen. Es sei nicht Anlass, sondern „Vorwand“ präzisierte Alice Schwarzer, die auch auf den Unterschied zwischen dem Islam, der die Religion bezeichne, und dem „politischen Islam“ bestand, der im Namen der Religion einen Machtmissbrauch betreibe.

Auch für den Orientexperten Peter Scholl-Latour war es mit der Bemerkung getan, es schlicht „eine Schweinerei, so auf den religiösen Gefühlen herumzutanzen“ wie es die Macher des Videos tun. Und die Frankfurter Journalistin Khola-Maryam Hübsch verwies darauf, dass es im Koran keine Berechtigung für dieses gewalttätige Tun gebe. Damit war der Anlass – pardon: der Vorwand für das Sendungsthema erst mal vom Tisch.

Aber der Kölner Barino Barsoum, der als 18-Jähriger zum Islam konvertierte und sich radikalisierte, fünf Jahre aber später wieder ausstieg und sich heute als Christ bezeichnet, wollte es den anderen nicht so leicht machen: In den Herzen der Menschen sei unendlicher Hass gegen Amerika, mahnte er. Womit er meinte: Das Video selbst mag nicht wichtig sein, der Mob eine Minderheit, die Wut vieler Muslime auf die westliche Welt aber darf niemand unterschätzen. Womit die Runde wieder am Anfang stand: Was ist unserer Gesellschaft das höhere Gut: die Meinungsfreiheit oder der Religionsfrieden? Macht der Staat sich erpressbar, wenn er aus Furcht vor Terroranschlägen einen Film verbietet, obwohl die Zensurfreiheit ein wichtiges Fundament der Demokratie ist?

Auf dem Couchtisch lagen die Referenzbeispiele aus jüngster Zeit: Das Titanic-Heft mit dem inkontinenten Papst, das Cartoon-Buch „Das Leben des Jesus“ von Gerhard Haderer. Macht es eigentlich einen Unterschied, ob die Blasphemie satirisch oder einfach nur dummdreist ist? Barsoum ergänzte den Filmtitel „Das Leben des Brain“: Jeder Christ müsse das aushalten. Aber der Orient funktioniere nun mal anders: mit Verboten, Verschleierung und Zensur. Der Film müsse also einerseits zeigbar sein, allerdings gelte es abzuwägen, wenn dadurch Menschen in Gefahr geraten.

Hitzig geführte Debatte

Dieses utilitaristische Argument ließ Maischberger nicht so ohne weiteres gelten. In einem Einspieler griff sie sogar die Kanzlerin an, die den dänischen Zeichner der Mohammed-Karrikaturen für sein provokatives Tun ausdrücklich gelobt hatte, ein Verbot des Videos nun aber in Erwägung ziehe. Der Film werde doch morgen schon von gestern sein, prophezeite Alice Schwarzer, aber mit dem Verbot „machen wir uns erpressbar von den Extremisten!“ Schon jetzt würden in den Museen Kunstwerke abgehängt, die Muslime in ihren Gefühlen verletzten, aber die vielen pornographischen Bilder, die Frauen in ihren Gefühlen verletzten, blieben hängen.

Am Ende einer oft hitzig geführten Debatte, die mehrfach ihren Blickwinkel wechselte, gelegentlich ihr Thema aus den Augen, nie aber ihre Lust am Gedankenaustausch verlor, hatte die Krake ihren Schrecken nicht verloren. Der Weltenbürger Scholl-Latour verwies achselzuckend auf die sich verschiebenden Kraffelder auf der Welt. „Unser Modell von Toleranz kann nicht mehr Weltmodell sein: Sie können doch nicht einem Chinesen erzählen, dass er unsere Doktrin übernehmen soll!“

Der Landespolitiker Tarek Al-Wazir forderte ganz pragmatisch zu großen Anti-Gewalt-Demonstrationen auf, der Landes-Innenminister erklärte, ohne die Mitarbeit der deutschen Muslime werde das Problem wohl nicht lösbar sein. Sie hätten sich wohl noch eine Weile die Köpfe heiß geredet, wenn Sandra Maischberger die Sendung nicht irgendwann abrupt beendet hätte. Manchmal hatte man als Zuschauer den Eindruck, das Gespräch hätte sich ein wenig zu sehr im Kreis gedreht. Aber wer mit einer Krake ringt, verliert eben leicht die Orientierung. Mutig genug war es, den Kampf überhaupt aufgenommen zu haben.

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