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Merz bei Lanz im ZDF: CDU-Chef auf Krawall gebürstet

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Von: Tina Waldeck

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Talkrunde bei Markus Lanz am 10. Januar 2023.
Talkrunde bei Markus Lanz am 10. Januar 2023. © Screenshot ZDF

Markus Lanz lädt zum ersten TV-Talk in neuen Jahr – und CDU-Chef Friedrich Merz macht weiter wie bisher.

Hamburg – In der ersten Sendung „Markus Lanz“ (ZDF) im Jahr 2023 ist Friedrich Merz (CDU-Chef) genauso auf Krawall gebürstet wie „diese Typen“ mit „Knallschaden“ zu Silvester in Berlin. „Es brennt lichterloh an vielen Stellen“, eröffnet Markus Lanz und sieht intensive Debatten vonnöten. Über die „guten und bösen“ Integrationsgeschichten diskutieren Eva Quadbeck (Chefredakteurin von „Redaktionsnetzwerk Deutschland“), Aladin El-Mafaalani (Soziologe) sowie Marcel Fratzscher (Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung).

Markus Lanz im ZDF: Eine „gescheiterte Integrationspolitik“?

Der Oppositionsführer fand die Bilder aus Berlin, die nach Silvester durch Deutschland gingen, „grauenhaft“ und fordert nun, dass diese jungen Männer, die „den Rechtsstaat herausfordern“ und sich nicht „an die Regeln halten wollen“, in aller Härte „die Grenzen aufgezeigt“ bekommen. „Wir haben es mit einer Verrohung zu tun“ und Deutschland „darf sich dieses Verhalten nicht bieten lassen.“ Auch Eva Quadbeck sieht hier eine „wachsende Respektlosigkeit und Verachtung gegenüber dem Staat.“

Bereits seit 2018 gibt es zu Silvester solche Geschehnisse und es wurden schon da härtere Strafen gefordert, erklärt Aladin El-Mafaalani bei „Markus Lanz“ (ZDF) ruhig. Aber passiert ist vom Staat ausgehend nichts. Seitdem ist in bestimmten Milieus immer mehr zu beobachten, wie Rollen- und Funktionsträgern mit deutlich weniger Respekt begegnet wird und junge Männer geradezu eine Freude daran entwickeln, „Attacken gegen die soziale Ordnung zu starten.“

Soziologe versucht zu vermitteln

Aufgrund dessen aber „pauschal die Geschichte von Migration und Integration schlecht zu reden ist ein bisschen daneben“, findet der Soziologe, denn Millionen Menschen wurden sehr erfolgreich integriert. In den Stadtteilen von Berlin gibt es viele Problemviertel mit einem hohen Anteil von Zugewanderten, beginnt er tiefer in die Strukturen vorzudringen, als ihn Markus Lanz unterbricht: Er will bei „diesen Typen“ „keine Opfergeschichten“ hören. Aber Aladin El-Mafaalani will auch nichts rechtfertigen, sondern nur ein Verständnis vermitteln, wie die Rahmenbedingungen und Zusammenhänge sind.

Markus Lanz vom 10. Januar 2023Die Gäste der Sendung
Friedrich MerzCDU-Chef
Eva QuadbeckJournalistin
Aladin El-MafaalaniSoziologe
Marcel FratzscherÖkonom

Es ist „ein veritables Problem mangelnder Integration junger Menschen“ mit „überwiegendem Migrationshintergrund“, die „überwiegend aus der arabischen Welt“ stammen, legt Friedrich Merz wenig einfühlsam seine Zusammenhänge offen.

Bei dieser verbalen Entgleisung stellen sich bei Aladin El-Mafaalani fast schon sichtbar die Nackenhaare auf. In seinen Augen reproduziert Friedrich Merz nur Stereotype. Die Regierung sollte lieber konstruktive Lösungsansätze für die Schwierigkeiten suchen und nicht ständig auf „die arabischen Kulturen“ hinweisen – und sie damit schlecht reden. Ein „Einwanderungsland, das selbstbewusst in die Zukunft gehen will, das sollte auch sagen: Diejenigen, die hier geboren sind, hier aufgewachsen sind, das sind unsere Kinder – und da ziehen wir nicht immer wieder diese (rote) Karte: Araber, Moslems“ oder sonst ein Stereotyp.

Eine „zunehmend soziale Polarisierung“?

Marcel Fratzscher stellt noch einmal klar: Es ist niemand kriminell, nur weil eine gewisse Hautfarbe oder eine gewisse Religion vorhanden ist. „Es hat etwas mit dem Umfeld zu tun“, in welchem gelebt wird – und den Perspektiven darin. Viele sind ohne Schulabschluss oder ohne Ausbildungsplatz, die Mietpreise explodieren und die Aussichten für junge Menschen sind generell schwierig. Hier wäre es klüger, – anstatt Strafen auszusprechen und zu drohen, – dabei zu helfen, eine vernünftige Zukunft aufzubauen. Damit junge Menschen nicht das Gefühl haben, „es kümmert sich niemand um mich.“

Bei diesen Worten nickt Aladin El-Mafaalani zustimmend, – denn gerade in den Stadtteilen von Berlin haben viele mit Perspektivlosigkeit zu kämpfen – und auch Eva Quadbeck geht hier mit: Dass die jungen Menschen Chancen haben, „das spüren viele, die hier hinkommen, nicht.“ Bildung, Arbeit und Beschäftigung müssten viel niedrigschwelliger sein, damit die Hürden, in das System hineinzukommen, nicht so schwierig sind. Marcel Fratzscher führt hier die Geflüchteten aus der Ukraine an, denn da wurden die Hürden schon vereinfacht und somit gezeigt: „Es gibt Wege, es gibt Lösungen.“

Friedrich Merz spricht bei Markus Lanz von „kleinen Paschas“

Da ächzt Friedrich Merz, denn aus seiner Sicht sind die ukrainischen Flüchtlinge „das schlechteste Beispiel, um von gelungener Integrationspolitik zu sprechen.“ Denn hier sind es Kriegsflüchtlinge, fast nur Frauen und Kindern, die in den meisten Fällen auch nicht hierbleiben wollen. Und in der Debatte geht es um jene, „die eigentlich nichts in Deutschland zu suchen haben.“ Schon in der Schule fange das Integrationsproblem an, wenn „die kleinen Paschas“ das Ruder in der Hand halten: Dass die Eltern der Kinder in die Schule kommen und sich aufregen, weil die Erzieherinnen und Erzieher ihre Söhne „zu hart anzufassen.“ Das ist „die Wirklichkeit“ in manchen Schulen, wenn sie „diese Kinder dort haben.“ Genau da „fängt das Problem an“, erklärt er bei „Markus Lanz“ (ZDF). Wer sich nicht an die Regeln hält und sich nicht in die Ordnung des Systems einordnet, „der hat in diesem Land nichts zu suchen.“ Denn das sind Menschen, „die nicht bereit sind, sich zu integrieren“, redet sich der CDU-Chef in Rage.

„Markus Lanz“ vom 10. Januar 2023 im ZDF

Sendung zur Sicherheits- und Migrationspolitik, über die arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen Deutschlands sowie über die Inflations- und Konjunkturerwartungen für 2023. Die ganze Sendung in der ZDF-Mediathek.

„Wir leben zunehmend in einer Gesellschaft, in der wir eben nicht mehr ohne Weiteres Hierarchien akzeptieren“, erklärt dem zu trotz Aladin El-Mafaalani und findet dies auch eine positive und moderne Entwicklung, dass keine Autoritätshörigkeit mehr da ist. Vielleicht liegt hier genau das Problem, – nicht nur das der CDU. Denn es müssen anstatt Forderungen, Strenge und Befehle andere Kommunikationsstrategien zur Deeskalation gefunden werden, mit denen eine weitere „Verrohung“ der Gesellschaft emphatisch entgegengewirkt werden kann. Nicht nur der Soziologie würde hier gerne mehr in das soziale Miteinander als Prävention für das nächste Silvester investieren. Frohes Neues. (Tina Waldeck)

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