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„Meine beste Freundin Anne Frank“ bei Netflix: Freundschaft als Zuflucht

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Von: Daniel Kothenschulte

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Die beiden Nachwuchsdarstellerinnen Aiko Beemsterboer und Josephine Arendsen füllen ihre Rollen mit Lebendigkeit.
Die beiden Nachwuchsdarstellerinnen Aiko Beemsterboer und Josephine Arendsen füllen ihre Rollen mit Lebendigkeit. © Netflix

Die Hauptdarstellerinnen füllen das niederländische Drama „Meine beste Freundin Anne Frank“ (Netflix) mit Leben, so dass der Kontrast des Holocausts umso grausamer erscheint.

Noch immer hat die jüngste, vielbeachtete Adaption von Anne Franks Tagebuch keinen deutschen Veröffentlichungstermin: In einem verwegenen Kunstgriff macht Ari Folman in „Where is Anne Frank“ ihre imaginäre Freundin Kitty zur Protagonistin, die Adressatin aller ab 1944 verfassten Einträge. In Cannes war dieser gleichermaßen kunstvolle wie pädagogische Animationsfilm zu erleben, hierzulande ist bislang lediglich die begleitende graphic novel erschienen.

Anne Frank hatte freilich auch Freundinnen in der Wirklichkeit: Hannah Pick-Goslar und Jacqueline van Maarsen, die jeweils ihre Erinnerungen publizierten, sind heute 93. Der niederländische Spielfilm „Meine beste Freundin Anne Frank“ erzählt die Geschichte der Nachbarin und Schulfreundin Hannah. Sie überlebte das Lager Bergen-Belsen, in dem Anne verhungerte, getrennt von ihrer Freundin durch einen hohen Zaun.

„Meine beste Freundin Anne Frank“ (Netflix): Regisseur Sombogaart verdient Respekt für Inszenierung

Auch wenn Regisseur Ben Sombogaart im Vorspann Fiktionalisierungen einräumt, entsprechen die erschütterndsten Lagerszenen wohl weitgehend Hannahs Schilderungen: Den Tod des Vaters erlebt sie mit ihrer kleinen Schwester, um die sie sich schon vorher kümmern muss – die Mutter ist kurz zuvor gestorben. Nachdem sie sich endlich mit der schmerzlich vermissten Anne über Rufen verständigen kann, gelingt es ihr unter größter Gefahr, sogar Lebensmittel über den Zaun zu werfen. Möglich ist das überhaupt nur, weil die Gefangenen in ihrem Teil der Anlage, dem sogenannten Austauschlager, nicht ganz mit der gleichen Grausamkeit behandelt werden. Für einen eventuellen Austausch gegen deutsche Kriegsgefangene werden sie zumindest nicht dem Hungertod überlassen.

Ben Sombogaart, ein Veteran des niederländischen Unterhaltungsfilms, verdient Respekt für seine vergleichsweise diskrete Inszenierung der Lagerszenen. Ein Verzicht auf übertriebene Melodramatik ist alles andere als selbstverständlich für Spielfilme über den Holocaust, die das ultimative Grauen oft zusätzlich dramatisieren oder mit Sentimentalitäten brechen.

Tatsächlich kommt das Kino gerade bei der Darstellung schwer fasslicher Grausamkeit oft mit Leerstellen weiter, die man beim Zusehen dann unwillkürlich mit eigenen Bildern füllt. Das geschieht hier zwar nicht auf dem künstlerischen Niveau von Meisterwerken wie Andrzej Munks „Die Passagierin“ oder „Son of Saul“ von László Nemes, sondern im Rahmen eines konventionelleren Naturalismus. Aber es entsteht auch nicht der Eindruck von konfektioniertem Genre-Kino.

„Meine beste Freundin Anne Frank“ auf Netflix: Darstellerinnen füllen Rollen mit viel Lebendigkeit

Eher schon bedient sich die zweite Handlungsebene aus dem Amsterdamer Leben der Mädchen vor ihrer Verschleppung gängiger Konventionen, denen des Teenagerfilms; dies aber durchaus liebevoll. Die beiden Nachwuchsdarstellerinnen füllen ihre Rollen hier mit so viel Lebendigkeit, dass es die Lagerszenen im Kontrast noch grausamer erscheinen lässt.

Aiko Beemsterboer ist als Anne die dominierende Figur in dieser Mädchenfreundschaft, die mit jugendlicher Süffisanz die etwas schüchterne Hannah (Josephine Arendsen) gern in Bedrängnis bringt. Etwa mit ihrem Interesse an Sexualaufklärung oder im zweckgerichteten Flirt mit einem Jungen, der die Freundinnen dafür in ein Kino schmuggelt – der Besuch ist jüdischen Menschen untersagt. Gern hätte Hannah etwas vom Selbstbewusstsein ihrer sprachgewandten Freundin. Anne Frank, die Starporträts sammelte, war ein kenntnisreicher Kinofan, und diese hübsche Szene zollt dieser Leidenschaft Tribut. Bis heute bezeugen im Anne-Frank-Haus an die Wand des Verstecks geklebte Filmbilder eine Cinephilie, die auch dann noch überlebte, als sie sich nicht mehr an neuen Kinoeindrücken speisen konnte.

„Meine beste Freundin Anne Frank“ (Netflix) wird erst durch Schauspielerinnen sehenswert

Natürlich kann man sagen: Wenn man schon das Kino thematisiert, hätte man vielleicht auch mehr davon bieten können. Gerade den Amsterdamer Stadtszenen fehlt es an Leben, die Nazis wirken wie Statisten im Hintergrund. Man hätte viel mehr aus diesen Erinnerungen machen können, die bereits in mehreren Dokumentarfilmen Thema waren; immerhin stand mit Hannah Pick-Goslar eine der Protagonistinnen als Zeitzeugin zur Verfügung. Anne Franks Sprache und Weltsicht überlebte in ihren Tagebüchern und spricht noch immer zu jungen Leserinnen und Lesern.

„Meine beste Freundin Anne Frank“. Niederlande 2021. Regie: Ben Sombogaart. 103 Min. Auf Netflix.

Man hat das Gefühl, die Schauspielerinnen transportieren mehr vom Lebensgefühl ihrer Rollenvorbilder, als es ihnen die doch meist etwas steife Regie abverlangt. Einem Holocaustdrama lediglich zu attestieren, dass es nicht an gängigen Fallstricken scheitert, macht es noch nicht besonders attraktiv. Sehenswert wird dieser Film tatsächlich erst durch die beiden Hauptdarstellerinnen, die mehr als jede historische Ausstattung mit der Epoche verschmelzen.

„Meine beste Freundin Anne Frank“ (Netflix) kann für Vermittlung des Holocaust wichtige Rolle spiele

Souverän meistern sie auch die Zweisprachigkeit; beide Freundinnen wurden schließlich in Deutschland geboren. Auch wenn Netflix den Film auch in einer Synchronfassung anbietet, sollte man deshalb auf die niederländische Originalversion mit Untertiteln zurückgreifen; ansonsten geht diese wichtige Qualität verloren. In der Vermittlung des Holocaust an Jugendliche kann dieser Film – ebenso wie Folmans „Where is Anne Frank“ eine wichtige Rolle spielen; dabei geht er freilich fordernder und vielleicht auch verstörender vor, als man es möglicherweise erwartet. (Daniel Kothenschulte)

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