In ihrem Talk spricht Maybritt Illner im ZDF über Verbrechen an Kindern.
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In ihrem Talk spricht Maybritt Illner im ZDF über Verbrechen an Kindern.

Maybrit Illner, ZDF

Maybrit Illner im ZDF über Kindesmissbrauch: Täglich eine Million Misshandlungen

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Eine Statistik des Schreckens über Kindesmissbrauch zeigt: Es muss dringend etwas geschehen. Maybrit Illner ließ darüber diskutieren, wie gegen Verbrechen an Kindern vorgegangen werden soll.

  • Bei Maybrit Illner* im ZDF* diskutieren die Gäste über Verbrechen an Kindern.
  • Werden die Täter zu wenig hart bestraft?
  • Härtere Strafen bei Kindesmissbrauch werden in der Illner-Talkshow gefordert.

Die Opfer bekommen lebenslang. Die Täter Bewährung, auch im Wiederholungsfall. Wohl selten wird die absurde Diskrepanz zwischen Verbrechen und dessen Sühne so deutlich wie im Fall von Kindesmissbrauch. Die jüngsten Fälle in Deutschland, zuletzt in Münster, haben eine überfällige Debatte über den Umgang mit Betroffenen wie Verbrechern befeuert. Jetzt lud Maybrit Illner zu einer Runde zum Thema: „Missbrauchte Kinder – besserer Schutz, härtere Strafen?“ Und es war ein Gespräch, dessen Tenor aus Absichtserklärungen bestand nach dem Motto: „Wir müssen besser werden“.

Maybrit Illner im ZDF: Missbrauch geschieht häufig in der Familie

Die Notwendigkeit dafür belegen Statistiken des Schreckens. Pro Tag, so der Einstieg in die Sendung, werden hier 43 Kinder missbraucht; die WHO nennt gar eine Million Misshandlungen täglich in Europa. Und Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, berichtete, zwei Drittel der Missbrauchsfälle geschähen innerhalb von Familie und sozialem Umfeld, und in 93 Prozent der Fälle kennen Täter und Opfer sich. Womit eine Ursache dafür, dass diese Art des Verbrechens so stark wuchern kann, schon benannt ist: Das brutale Ausnutzen von Vertrauen auf der einen Seite und die Hemmungen, dieses Verhältnis zu zerstören auf der anderen.

Dazu kommt das Wegschauen des Umfelds, das nicht wahrhaben will, was da geschieht, nach dem Motto: Was nicht sein darf, das kann nicht sein. So formulierte es Sonja Howard, einst jahrelang von ihrem Stiefvater missbraucht und heute engagiert im Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs auf Bundesebene. Sie wehrt sich auch gegen die Stigmatisierung als „Opfer“. Darauf würden viele Betroffene noch reduziert, was zugleich eine Wahrnehmung als Person verhindere, wie Julia von Weiler erklärte, Geschäftsführerin des Vereins „Innocence in Danger“. Sie wies darauf hin, dass bei der Menge der Taten jeder von uns jemand kenne, der Missbrauch erlebt habe – und vermutlich auch Kontakt mit einem Täter habe. Von denen seien nur etwa 15 Prozent „kernpädophil“, so Peer Briken,

Der Talk mit Maybrit Illner vom Donnerstag, 18.06.2020, ist in der ZDF-Mediathek verfügbar. Dort können Sie auch die aktuelle Folge Markus Lanz sehen.

Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie in Hamburg. Es gehe bei diesen Verbrechen um das Ausüben von Macht und eine antisoziale Haltung. Dass es dabei kaum Grenzen zu geben scheint, bestätigte Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, der gestand, nach Anschauen einigen Bildmaterials sei seine Welt „nicht mehr die gleiche“ gewesen.

Gäste bei Maybrit Illner (ZDF) fordern härtere Strafen für Missbrauch

Reul will deshalb auch nicht mehr diskutieren, er will handeln. Aber wie? Familienministerin Franziska Giffey (SPD), die aufzählte, was sich schon verbessert habe, fand, entscheidend sei doch: „Wie erkenne ich das?“ So sei Missbrauch in den Schulen oft kein Thema, obwohl statistisch gesehen in jeder Klasse mindestens zwei Betroffene sitzen. Ihren Appell „Wir brauchen alle mehr Achtsamkeit“ stützte Reul, indem er forderte, das Thema müsse in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden.

Härtere Strafen, da war sich die Runde einig, seien notwendig, aber eher als Signal, denn sie lösten das Problem nicht*, wie Reul zu Recht sagte. Sonja Howard monierte, dass es immer noch Bewährungsstrafen für die Täter gebe, und Briken verwies auf die oft lange Verfahrensdauer als Folge eines „Kapazitätsproblems“ – aber unerträglich für Betroffene. Justizministerin Christine Lambrecht sagte später bei Lanz, dass gerade einmal 0,5 Prozent aller Verfahren mit einem Urteil auf zehn bis 15 Jahre Haft endeten.

Maybrit Illner über Missbrauch: Jugendämter vor Ort stärken

Julia von Weiler hat erfahren, dass eine viel bessere psychosoziale Versorgung nötig sei, Franziska Giffey will die Jugendämter vor Ort stärken und deren Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft verbessern, wenn nicht zur Pflicht machen.

Der Jugendschutz in Deutschland sei allerdings, so Sebastian Fiedler im Talk bei Maybrit Illner, im Zeitalter von CD-ROM und VHS-Kassette stehen geblieben. Da die Verbrecher heute das Netz nutzen, um sich auszutauschen und per Veräußerung ihrer Daten zu bereichern (wie jetzt in Münster), müssten Plattformbetreiber zur Verantwortung gezogen werden können. Und die Vorratsdatenspeicherung abgeschafft werden (was Fiedler so deutlich nicht sagte, aber befürwortete). Reul war ganz klar dafür, und Giffey, sichtlich in Verlegenheit, nicht gegen die Parteilinie zu argumentieren, ließ sich doch zum Bekenntnis hinreißen, man müsse „alles tun, was nötig und möglich ist.“ *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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