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Maybrit Illner

„Maybrit Illner“, ZDF

„Wie eine Wohngemeinschaft aus der Hölle“

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Auch bei Maybrit Illners Talkshow wurde nicht klar, was die Briten mit dem Brexit eigentlich wollen.

Eigentlich, bestätigte die in England lebende Finanzjournalistin Susanne Schmidt, haben vom Thema Brexit alle „die Nase voll“. Aber natürlich musste auch Maybrit Illner darüber debattieren lassen und fragte: "Brexit-Poker – Schrecken ohne Ende?" Die Abstimmung vom gleichen Abend über die Verschiebung des Austrittstermins hatte immerhin ein klein wenig Klarheit gebracht. Aber mehr auch nicht.

Denn auch zugeschaltete Tory-Abgeordnete Greg Hands blieb nebulös, als er darüber sprach, wie es nun weitergehen sollte. Das Abkommen sei „zu sehr in Richtung Brüssel geschoben“ worden und nun brauche man „noch ein bisschen Verbesserung“. Aber was er damit meinte, sagte er nicht, wie Alexander Graf Lambsdorff (FDP) festhielt, der frühere Vize-Präsident des Europäischen Parlaments. „Mehr Klarheit“ wünscht sich auch Dietrich von Gruben, der als Unternehmer in Großbritannien tätig ist. Und Derek Scally, Korrespondent der „Irish Times“ in Berlin, verglich den Konservativen gar mit einem Schiffskommandanten, der auf eine Klippe zusteuernd mit dem Leuchtturmwärter diskutiert.

Scally machte überhaupt aus seiner Ablehnung des Verhaltens der Briten kein Hehl. Nord-Irland sei kein Thema gewesen in der britischen Presse, anders als etwa in Deutschland, und London habe gleichfalls nur deshalb Interesse am britischen Teil der irischen Insel gehabt, weil Premierministerin Theresa May auf die Stimmen der nordirischen Abgeordneten angewiesen ist. Die Iren aber, so gab er verbittert zu Protokoll, könnten noch zwischen guter und schlechter Aufmerksamkeit unterscheiden, „im Gegensatz zu unseren Nachbarn“.

Die Brexit-Misere hat, das schien in der Debatte wiederholt durch,so einige Gräben aufgerissen. So befand Anne McElvoy, leitende Redakteurin des „Economist“, die EU habe auch sehr wenig gelernt im Trennungsprozess. Auf Lambsdorffs und Illners Frage, was zu lernen gewesen sei, fiel ihr allerdings nur der „Tonfall“ Brüssels ein; man hätte doch „flexibler“ in den Verhandlungen agieren können. Das wiederum fand Susanne Schmidt eine „sehr englische Haltung“ und „eigenartig“.

Lambsdorff zog immerhin den Schluss, dass das Prinzip „One size fits all“ zu überdenken sei. Aber die Diskussion um ein Europa der zwei Geschwindigkeiten (wenn es denn bei zweien bliebe...), die ist schon mal versandet.

Die ganze Absurdität des Unterfangens Brexit wird auch noch einmal im Zusammenhang mit der Verschiebung des Exit-Datums erkennbar, denn nun müssten die Briten bei der Europawahl mitwählen (und antreten). „Warum sollen wir da noch teilnehmen?“ fragte Anne McElvoy, und war sich da mit Lambsdorff einig, der das „ziemlich irrsinnig“ fand.

„Absurd“ lautete auch das Urteil des aus Brüssel zugeschalteten ZDF-Korrespondenten Stefan Leifert. Zugleich ließ er aber erkennen, dass es, ganz im Sinne der Briten, vielleicht „noch eine vierte, fünfte oder sechste Chance“ auf Zusatzbestimmungen unterhalb des Austritts-Vertrags geben könnte.

Der Knackpunkt bei den Verhandlungen war zuletzt immer der „Backstop“, den Europapolitiker Lambsdorff jetzt zum Nicht-Problem erklärte: Man könne die Zollkontrollen doch in den Häfen oder der irischen See vornehmen, das geschehe zum Teil sogar schon. Warum dann das ganze Aufhebens? Die Brexiteers hätten aus dem Backstop einen Fetisch gemacht, erklärte Anne McElvoy.

Noch ist die Gefahr des „No Deal“-Austritts nicht gebannt. Aber die Runde war sich einig, dass dann Chaos mit unabsehbaren Folgen herrschte. Lambsdorff wies auf die Schiffe hin, die von Honkong unterwegs seien und nicht wüssten, was aus ihren Waren in England würde. Dietrich von Gruben fürchtet für den Fall des harten Brexit eine Katastrophe und will „bis zur letzten Minute werben, dass die Engländer bleiben“. Nur Derek Scally fühlte sich wie in einer „Wohngemeinschaft aus der Hölle“. Und vielleicht hat er Anne McElvoys Schlusswort, als Beruhigung gemeint, auch eher als Drohung verstanden: „Wir bleiben doch in Europa.“

„Maybrit Illner“, ZDF, von Donnerstag, 14. März, 22.15 Uhr und im Netz.

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