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„Die Russen sollen uns in Ruhe lassen!“: Ukrainerin wird bei Maybrit Illner deutlich

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Von: Daland Segler

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TV-Talk bei Maybrit Illner am 03.02.2022.
Die Talkrunde bei Maybrit Illner am Donnerstagabend (03.02.2022). (Screenshot) © ZDF

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg nicht weiter: Maybrit Illners Gäste im ZDF kritisierten das Verhalten Deutschlands in der Ukraine-Krise.

Das Bild auf der Homepage des ZDF zeigt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), wie er hinter dem Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg geht – um nicht zu sagen: Er dackelt hinterher. Und man darf getrost annehmen, dass sich die Redaktion der Talkrunde um Maybrit Illner dabei etwas gedacht hat. Denn die maliziöse Bildauswahl spielte darauf an, was in der Sendung (und natürlich auch zuvor schon) die innenpolitische Debatte dominierte: Deutschlands Unfähigkeit zu einer klaren Position in der gegenwärtigen Krise zwischen Russland, Ukraine und dem Westen.

„Putin-Versteher oder Amerika-Freund – Deutschland zwischen den Fronten?“ lautete das Thema bei Maybrit Illner (ZDF), aber von ihren Gästen wollte sich dann doch niemand als Versteher von Wladimir Putin erweisen – ausgenommen natürlich der Russe in der Runde. Und es wäre vielleicht der Sache und dem Verständnis dienlich gewesen, hätte man Wladislaw Below etwas ausführlicher zu Wort kommen lassen. Zwar waren dessen Argumente nicht unbedingt neu, aber sein Hinweis auf die „Zeitbomben“, die seit 1991 von Boris Jelzin und anderen geworfen worden seien, machte doch deutlich, auf welchem historischen Hintergrund sich bewegen muss, wer begreifen will, was den russischen „Zaren“ umtreibt.

Talk bei Maybrit Illner im ZDF zur Ukraine-Krise: Was Russland will ist offensichtlich

Und das ist vor allem die Umzingelung, der er sich ausgesetzt sieht: zum einen die Nato-Ost-Erweiterung, zum anderen demokratische Bestrebungen in den angrenzenden Staaten wie Belarus, Georgien und auch im eigenen Riesenreich Russland. Das ist so offensichtlich (und auch oft genug beschrieben worden), dass die in der ZDF-Sendung wiederholt formulierte These, man müsse erstmal wissen, was Putin wolle, doch überflüssig wirkte.

Sinnvoller schon die Frage, was die Deutschen (und die Europäer) eigentlich wollen. Und da diesem Land aufgrund seiner geographischen Lage und wirtschaftlichen und politischen Bedeutung eine zentrale Rolle zukommt, täte Klarheit umso mehr not. Darauf wies Ulrike Franke nicht nur einmal hin, und auch die ukrainische Autorin Kateryna Mishchenko wünschte sich „Klarheit“.

TV-Talk mit Maybrit Illner (ZDF) vom 03.02.2022Die Gäste der Sendung
Omid NouripourBündnis ´90/Die Grünen, Parteivorsitzender
Martin SchulzFrüherer SPD-Chef, heute Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung
Norbert RöttgenCDU-Außenpolitiker
Kateryna MishchenkoUkrainische Verlegerin und Mitautorin des Maidan-Buches „Ukrainische Nächte“, lebt in Kiew
Wladislaw BelowDirektor des Zentrums für Deutschlandfragen und des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau
Ulrike FrankeExpertin für deutsche und europäische Verteidigungspolitik beim Forschungsinstitut und Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR)

Russland: Auch bei Maybrit Illner (ZDF) wird über Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert

Beispiel Waffenlieferungen: Die zugesagten 5000 Helme hält Kiews Bürgermeister Klitschko für einen Witz, nicht ganz zu unrecht. Aber Omid Nouripour (Grüne) versicherte bei Maybrit Illner, es werde mehr Material geliefert – nur keine „letalen Waffen“. Darin waren sich die Politiker im Studio einig.

Waffenlieferungen trügen nicht zur Entspannung bei, befand Martin Schulz (SPD), und Norbert Röttgen (CDU) hob im ZDF hervor, dass sie die Gesprächsmöglichkeiten zunichte machten, die gerade die Deutschen hätten. Aber wie nutzt Berlin diese Möglichkeiten? Zwar formulierte Nouripour, es gelte, an einer „Balance zwischen Dialog und Härte“ gegenüber Russland festzuhalten. Aber die „Kanäle der Kommunikation“ sah Ulrike Franke kritisch: „Das kommt im Ausland nicht an“. Das Ansehen der Deutschen habe gelitten bei den Verbündeten. Die nähmen eher eine „Kakophonie“ aus Berlin wahr.

Talkrunde mit Maybrit Illner (ZDF): Nord Stream 2 ist kein privatwirtschaftliches Projekt

Dazu hat vermutlich ein Lobbyist des russischen Gazprom-Konzerns beigetragen, der mal Bundeskanzler war, sich aber nun als ernsthafter Debattenteilnehmer disqualifiziert hat, indem er die Ukraine aufforderte, mit dem „Säbelrasseln“ aufzuhören. Martin Schulz hatte keine Probleme, sich von derartigem Unsinn abzugrenzen, aber dafür mit dem Gas. Denn das Nord Stream 2-Projekt trägt zum Unmut über die Deutschen bei.

Zur Sendung

Maybrit Illner, ZDF, von Donnerstag, 3. Februar, 22.15 Uhr. Die Sendung im Netz.

Olaf Scholz dürfte gemerkt haben, dass er die Gasleitung nicht mehr als privatwirtschaftliches Projekt verkaufen kann, auch wenn Martin Schulz diesen Aspekt noch einmal betonte. Aber Omid Nouripour machte das Dilemma deutlich: Die seit 50 Jahren geltende Verlässlichkeit, dass Gas aus Russland fließt, bestehe nun nicht mehr.

Auch Kateryna Mishchenko fragte bei Illner im ZDF, was die Deutschen nun eigentlich wollen. Was die Ukrainer:innen selbst wollen, formulierte sie denkbar klar: „Wir wollen, dass die Russen uns in Ruhe lassen!“ (Daland Segler)

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